Sieben Fakten zu Übergewicht

Von gesunden Dicken, schlechten Genen sowie Äpfeln und Birnen: Wir räumen mit weit verbreiteten Abnehm-Mythen auf

von Dr. Sabine Haaß, aktualisiert am 07.03.2016

Rund und gesund? Das gibt es – aber meist nicht auf Dauer

Getty Images/Cultura

1. Übergewichtig heißt nicht krank

Bei vielen Menschen führt Übergewicht mit der Zeit zu Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Typ-2-Diabetes. Allerdings nicht bei allen. Etwa ein Viertel der Übergewichtigen gehören zu den "happy obese", den "glücklichen Übergewichtigen". "Sie haben keine Stoffwechselprobleme, Herz und Kreislauf sind gesund", sagt Professor Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen. Die "happy obese" profitieren vermutlich von einer günstigen Fettverteilung: Ihr Fett sitzt vor allem unter der Haut und nicht im Bauch.

Bleiben sie aber ihr Leben lang gesund, ohne etwas dafür tun zu müssen? "Nicht unbedingt", sagt Norbert Stefan. "Bei jedem dritten verschlechtern sich im Laufe der Jahre die Werte dann doch – und auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für Typ-2-Diabetes steigt."

Abwarten bringt also nichts. Schließlich weiß keiner, ob er zu diesem gefährdeten Drittel zählt oder nicht. Abgesehen davon kann Übergewicht auch bei gesundem Stoffwechsel die Gelenke belasten – und die Seele.


2. "Birne" gesünder als "Apfel"

Vom "Apfeltyp" spricht man landläufig, wenn sich die überschüssigen Pfunde überwiegend am Bauch bemerkbar machen. Das ist vor allem bei  Männern der Fall. Der "Birnentyp" entspricht der Fettverteilung, die eher bei Frauen typisch ist, bei denen sich Hüften, Po und Oberschenkel runden.

"Bauchfett ist wesentlich schädlicher als Unterhautfett", sagt Professor Mathias Fasshauer, Leiter der Adipositas­Ambulanz am Universitätsklinikum Leipzig. "Es gibt Stoffe ins Blut ab, die die Gefäßverkalkung fördern, eine Fettleber begünstigen und die Insulinwirkung verschlechtern." Daher sind "Apfeltypen" besonders gefährdet, Gesundheitsprobleme zu bekommen. Typisch für ein großes Fettdepot im Bauchraum ist zwar ein praller Kugelbauch, wie ihn auch manche ansons­ten schlanke Männer haben. Doch oft lässt sich die Fettverteilung von außen nicht eindeutig feststellen. Ein Vorteil des Bauchfetts: "Es wird schneller abgebaut, wenn man abnimmt und sich viel bewegt", sagt Experte Fasshauer.

3. Gene ­spielen nur eine ­geringe Rolle

Wird die Neigung zu Übergewicht vererbt? Jedenfalls hört man immer wieder Sätze wie diesen: "Bei uns in der Familie sind alle dick. Das liegt an den Genen. Deswegen klappt das auch nicht mit dem Abnehmen!"

Fakt ist: Die Gene beeinflussen den Stoffwechsel – etwa die Fettverbrennung, das Hunger- und Sättigungsgefühl oder den Energieverbrauch. "Sie spielen also durchaus eine wichtige Rolle", sagt Professor Hans Hauner, Ernährungsmediziner und Diabetologe an der Technischen Universität München. Doch als Ausrede für starkes Übergewicht will Hauner die Gene nicht gelten lassen. "Entscheidend ist immer die Lebensweise", sagt er. "Das heißt: Auch wer Übergewichts-Gene geerbt hat, kann abnehmen, wenn er sich vernünftig ernährt und regelmäßig bewegt."

4. Darmbakterien als Dickmacher?

In unserem Darm siedeln Billionen von Bakterien. Forscher sind sich ziemlich sicher, dass Art und Zusammensetzung dieser "Mitbewohner" auch das Gewicht beeinflussen. "Übergewichtige haben beispielsweise oft mehr Bakterien im Darm, die die Kalorienaufnahme aus der Nahrung steigern", sagt Professor Stephan Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin der Universität Hohenheim.

Inzwischen diskutieren Forscher sogar, ob man sich diese Erkenntnisse zunutze machen könnte. Etwa indem man die Darmbakterien therapeutisch verändert. Bei Mäusen hat das tatsächlich schon funktioniert. Stephan Bischoff warnt aber vor überzogenen Hoffnungen. "Die Langzeitrisiken solcher Manipulationen sind völlig unklar", sagt er. Nicht auszuschließen sei außerdem, dass durch künstliche Veränderungen der Darmbakterien das Risiko für andere Krankheiten steige. Bischoffs Tipp: Wer gesünder isst, sorgt dafür, dass sich die "richtigen" Darmbakterien vermehren.

5. Diäten helfen nur kurz

Egal wie sie sich nennen und was sie beinhalten: Alle Diäten haben den gleichen Nachteil. Man hält sie nur kurze Zeit durch. Denn in der Regel muss man seine Essgewohnheiten zu sehr ändern und auf zu viel verzichten. Und fällt man danach in seine alten Gewohnheiten zurück,  macht der ­Jo-Jo-Effekt die Wirkung der Diät zunichte – oder lässt das Gewicht sogar noch weiter hochschnellen.

Ernährungsmediziner Hans ­Hauner rät trotzdem nicht grundsätzlich von Diäten ab. "Wenn jemand mit ­einer Diät innerhalb von ein paar Wochen fünf bis acht Kilo abnehmen will, spricht nichts dagegen", sagt er. Wobei für übergewichtige Diabetiker kohlenhydratarme Diäten günstiger seien als fettarme. Zudem, so Hauner, sollten Diabetiker sich grundsätzlich mit ihrem Arzt abstimmen, wenn sie eine Diät machen wollten.

Um dauerhaft schlanker zu werden, hilft nur eine langfristige Ernährungsumstellung. Je weniger "radikal" sie ist und je mehr sie sich an den eigenen Vorlieben und Gewohnheiten orientiert, desto besser. Hauners Tipps:

  • einen festen Mahlzeitenrhythmus einhalten und zwischendurch auf Snacks verzichten;
  • nur Getränke ohne Zucker, Alkohol höchstens in Maßen (viele Kalorien!);
  • Portionsgrößen begrenzen und weniger einkaufen;
  • Vollkornprodukte bevorzugen (machen länger satt) und als Magenfüller viel Gemüse und Salat essen.

Schokolade und Kuchen sind nicht verboten. Man sollte sie aber nur in kleinen Mengen essen und bewusst genießen.

Hilfreich fürs Dranbleiben, so Hauner, ist eine individuelle Ernährungsberatung. Gesetzlich Krankenversicherte müssen dafür einen Antrag stellen, in dem der Arzt bescheinigt, dass die Beratung aus medizinischen Gründen notwendig ist. Leider übernehmen die Kassen die Kosten häufig trotzdem nicht. Doch auch wenn man für eine Ernährungsberatung selbst zahlen muss: Das Geld ist gut angelegt, insbesondere bei Diabetes. Denn je mehr die Pfunde schwinden, des­to günstiger ist das auch für die Zucker-, Blutdruck- und Cholesterinwerte.

6. Die Seele isst mit

Essen hat nicht immer mit Hunger und Genuss zu tun. Manche Menschen essen auch, weil sie wütend, traurig oder einsam sind. Oft leiden sie unter regelrechten Fress-Attacken, bei denen sie völlig die Kontrolle verlieren. Sabine Zahn, Chefärztin der MediClin Seepark Klinik in Bad Bodenteich, schätzt, dass etwa jeder vierte oder fünfte stark Übergewichtige betroffen ist. Eine Psychotherapie hilft, die Ursachen herauszufinden und Verhaltensmuster zu erkennen, die immer wieder zu unkontrolliertem Essen führen.

"Wichtig ist, dass Betroffene ihre Scham überwinden und mit einem Arzt sprechen, dem sie vertrauen", sagt Zahn. Der Arzt kann eine Reha in einer spezialisierten Klinik beantragen. Wer es schafft, sein Essverhalten zu ändern, hat große Chancen, den Kummerspeck loszuwerden.

7. Sport allein macht nicht dünn

Abnehmen – und trotzdem nicht auf den Schweinebraten oder die Schwarzwälder Kirschtorte verzichten: Das könnte doch funktionieren, wenn man ab sofort mehr Sport treibt. Oder? "Im Prinzip ja, im Alltag leider kaum", sagt Dr. Bertil Kluthe, Chefarzt an der Klinik Hohenfreudenstadt. Der Grund: Viele Menschen überschätzen, was sie durch Bewegung oder Sport an Kalorien verbrauchen. Wer zum Beispiel eine halbe Stunde joggt und sich anschließend ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte gönnt, hat den Kalorienverbrauch schon wieder mehr als hereingeholt. Solche Leckerbissen abzuarbeiten würde viel Zeit und Mühe kosten.

Aber auch wenn sie sich nicht unbedingt auf der Waage bemerkbar macht: Regelmäßige Bewegung ist dennoch das Beste, was man für seine Gesundheit tun kann. Kluthes Rat: erst mit seinem Arzt klären, wie intensiv man sich belasten darf. Und dann: langsam anfangen, etwa mit Gehen, Radfahren oder Schwimmen. Ideal ist eine Sportgruppe für Übergewichtige.


Kalorienverbrauch beim Sport

Durchschnittswerte für einen Menschen mit 80 kg Gewicht und 30 Minuten Bewegung. Bei den Angaben handelt es sich um Richtwerte, an denen man sich grob orientieren kann:

  • Gymnastik 160 kcal
  • Fußball 320 kcal
  • Joggen (langsam) 300 kcal
  • Joggen (schnell) 500 kcal
  • Radfahren 240 kcal
  • Schwimmen 400 kcal
  • Skilanglauf 340 kcal
  • Tennis 260 kcal
  • Walken 200 kcal


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