Klar gibt es sie, die Glückspilze, denen das Alter nicht mehr beschert als graue Haare und Falten. Tatsache ist jedoch, dass acht von zehn Hochbetagten ein ganzes Paket von Krankheiten mit sich herumtragen. Ganz vorne mit dabei: der Diabetes. Bereits jeder Vierte über 80-jährige hat erhöhte Blutzuckerwerte. Auch wenn man schon längst nicht mehr vom "Altersdiabetes" spricht, weil ja immer mehr junge Menschen Typ-2-Diabetes bekommen: Rein statistisch ist Diabetes "die" Alterskrankheit schlechthin.
Doch obwohl so viele alte Menschen unter hohen Zuckerwerten leiden, liegt bei ihrer Behandlung vieles im Argen.Da werden einerseits erhöhte Werte klaglos akzeptiert nach dem Motto: "Das bisschen Zucker ist doch in Ihrem Alter ganz normal!" Und andererseits wird manch Hochbetagtem, dem sowieso kaum noch etwas schmeckt, mit einer rigiden "Diabetes-Diät" die letzte Freude am Essen geraubt – damit sein Zucker nur ja im normalen Bereich bleibt.
Therapie nicht nach "Schema F"
"Die Behandlung alter Menschen ist immer ein Drahtseilakt zwischen dem, was medizinisch sinnvoll und notwendig ist, und dem, was möglich ist, ohne sie zu überfordern oder in ihrer Lebensqualität zu beeinträchtigen", sagt der Diabetologe und Altersmediziner Dr. Dr. Andrej Zeyfang. Als Chefarzt am Bethesda-Krankenhaus in Stuttgart beschäftigt sich Zeyfang seit Jahren mit den Problemen der Diabetestherapie im höheren Lebensalter. Eines steht für ihn fest: Diabetes ist keinesfalls eine "harmlose Alterskrankheit". Und zwar nicht nur wegen des erhöhten Risikos für Folgeprobleme wie Nierenversagen oder Schlaganfall. Erhöhte Blutzuckerwerte, so Zeyfang, können auch zahlreiche typische Altersgebrechen verschlechtern. Schon deshalb ist eine sorgfältige Diabetestherapie sehr wichtig.
Hoher Zucker schlecht fürs Gedächtnis
Sind die Blutzuckerwerte stark erhöht, nimmt beispielsweise der Harndrang zu, weil der Körper überschüssigen Zucker mit dem Urin ausscheidet. Für einen alten Menschen mit Blasenschwäche bedeutet das noch häufigere Wege zur Toilette – und ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfekte.
Wie häufig ist Diabetes im Alter? Mehr als jeder Vierte über 80-Jährige hat Diabetes. Im Alter ist die Stoffwechselkrankheit bei Frauen häufiger als bei Männern (ein Klick auf die Lupe zeigt die Grafik vollständig an).
Auch auf das Gedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit wirken sich hohe Zuckerwerte ungünstig aus. Studien zeigten, dass gerade das Kurzzeitgedächtnis, das im Alter bei vielen Menschen ohnehin nachlässt, bei erhöhten Blutzuckerwerten noch schlechter funktioniert. Dazu kommt, dass ein schlecht eingestellter Diabetes auch Depressionen, unter denen viele alte Menschen leiden, fördert und verstärkt. Gründe genug also, einen Diabetes auch im Alter ernst zu nehmen und gute Blutzuckerwerte anzustreben. "Für rüstige ältere Diabetiker gelten deshalb im Grunde die gleichen Empfehlungen wie für jüngere Menschen", sagt Zeyfang: Ihre Blutzuckerwerte sollten möglichst normal, ihr HbA1c-Wert unter sieben Prozent sein. Der HbA1c-Wert, den der Arzt bestimmt, zeigt, wie gut die Zuckerwerte über einen Zeitraum von etwa acht bis zehn Wochen eingestellt waren.
Mehr Bewegung? Gerne - wenn die Arthrose nicht wäre...
Normale Zuckerwerte? "Schön wär’s ja", wird sich da mancher sagen, der über 70 oder 80 ist. Denn wenn das Rheuma in den Fingern sitzt und die Augen nicht mehr mitspielen, wird der Umgang mit Messgerät oder Insulinpen für viele alte Menschen zu einer echten Herausforderung. Und auch den guten Rat, sich regelmäßig zu bewegen, würden viele ältere Diabetiker ja gerne befolgen – doch wenn eine Hüft- oder Knie-Arthrose jeden Schritt zur Qual macht, fällt das nicht so leicht, wie der Arzt sich das vielleicht vorstellt. "Die Diabetestherapie sollte sich daher stets danach richten, was ein alter Mensch ohne größere Probleme schaffen kann und welche Unterstützung er aus seiner Familie bekommt", sagt Zeyfang.
"Besonders wichtig", so der Diabetologe, "ist es, unnötige Risiken, etwa durch Unterzuckerungen, zu vermeiden." Das Unterzuckerungsrisiko ist der Hauptgrund, warum Ärzte bei älteren Menschen oft etwas höhere Blutzuckerwerte tolerieren als bei jüngeren.
Warnzeichen im Alter oft schwächer
Zum einen spüren ältere Menschen Unterzuckerungen oft nicht so gut wie jüngere. Das hängt damit zusammen, dass sie die typischen Warnzeichen, wie Zittern oder Schwindel, nicht immer mit ihrem Diabetes in Verbindung bringen, sondern auf ihr Alter schieben. Außerdem werden die Unterzucker-Warnzeichen, gerade bei Typ-1-Diabetes, mit zunehmendem Alter schwächer oder bleiben ganz aus. Wird eine Unterzuckerung nicht rechtzeitig erkannt, kann es zu Stürzen und Verletzungen bis hin zur Bewusstlosigkeit kommen.
Zum anderen bedeutet jede schwere Unterzuckerung Stress für Herz, Kreislauf und Gehirn. Denn die Stresshormone, die der Körper bei einer Unterzuckerung ausschüttet, steigern Puls und Blutdruck. Vor allem für alte Menschen mit Herzproblemen ein unnötiges Risiko. Weil Zucker für das Gehirn der wichtigste Nährstoff ist, können häufige, schwere Unterzuckerungen auch die Gehirnleistung verschlechtern. "Bei gebrechlichen älteren Menschen sollte der Blutzucker deshalb nicht übertrieben streng eingestellt werden. Ein HbA1c-Wert zwischen sieben und acht ist dann ausreichend", sagt Zeyfang.
Kompromisse bei der Therapie
Auch die medikamentöse Therapie muss sorgfältig auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten des alten Menschen abgestimmt werden. Mit zunehmendem Alter arbeiten die Nieren schlechter. Dann werden manche blutzuckersenkenden Tabletten verzögert ausgeschieden und wirken länger. Das erhöht das Risiko für Unterzuckerungen. Dazu kommt, dass alte Menschen oft viele verschiedene Medikamente einnehmen müssen, sodass das Risiko für Wechsel- und Nebenwirkungen steigt.
"Bevor ich einem älteren Menschen zwei oder gar drei verschiedene Diabetes-Tabletten verschreibe, setze ich deshalb lieber auf Insulin", sagt Altersmediziner und Diabetologe Andrej Zeyfang. "Die Entscheidung, welches Insulin-Regime im Einzelfall das beste ist, treffe ich gemeinsam mit dem Patienten und seinen Angehörigen." Eine Nebenwirkung der Insulintherapie, die für jüngere Diabetiker oft ärgerlich ist, entpuppt sich dabei für manchen abgemagerten älteren Menschen sogar als Vorteil: die Gewichtszunahme. "So mancher alte Diabetiker blüht dank Insulin regelrecht auf", sagt Zeyfang.
Daniela Pichleritsch / Diabetes Ratgeber;
17.03.2010, aktualisiert am 19.03.2012
Bildnachweis: W&B/Dr. Ulrike Möhle, W&B/Maik Kern
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