Eine ruhige Kugel schieben? "Das wäre nichts für mich", sagt Irmgard H.. Wenn die 84-Jährige nicht im Haus oder Garten werkelt, trifft man sie auf dem Hundeplatz. Da rennt sie ihrem Jack Russell Terrier Otello oft ein paar Schritte voraus – damit er weiß, wo's langgeht. Die viele Bewegung hilft ihr, ihren Typ-2-Diabetes in den Griff zu bekommen. Seit Kurzem spritzt sie zudem viermal täglich Insulin. "Dass ich so fit bin, verdanke ich sicher auch meinen guten Zuckerwerten", sagt sie.
Manche betagte Diabetiker dürften Irmgard H. um ihre Verfassung beneiden. Denn viele haben neben dem Diabetes noch eine Reihe weiterer Krankheiten und Beschwerden, die es ihnen oft schwer machen, gute Blutzuckerwerte zu erreichen. Um ältere Menschen mit Diabetes zu behandeln, gelten daher andere Regeln als für jüngere. Wir geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Sollten die Blutzuckerwerte bei älteren Menschen genauso gut eingestellt sein wie bei jüngeren?
"Bei rüstigen Älteren durchaus", sagt Dr. Jürgen Wernecke, Diabetologeund Chefarzt der Abteilung für Geriatrie am Hamburger Bethanien Krankenhaus. "Bei ihnen sollte der Blutzucker-Langzeitwert HbA1c möglichst unter sieben Prozent (53 mmol/mol) liegen, genauso wie es auch jungen Patienten empfohlen wird." Denn gute Zuckerwerte beugen nicht nur Folgeschäden vor. Sie bessern auch altersbedingte Beschwerden wie Schwindel oder Blasenschwäche. Zudem senken sie das Risiko, an einer Depression oder Demenz zu erkranken.
Für gebrechliche ältere Menschen, besonders wenn sie zusätzlich Herz-Kreislauf-Probleme haben, empfehlen Experten dagegen einen etwas höheren HbA1c-Wert. Zwischen sieben und acht Prozent (53 bis 64 mmol/mol) reicht aus. Denn eine aufwendige Therapie kann schnell zu einer Überforderung führen. Außerdem erhöht sie das Risiko für Unterzuckerungen.
Hochbetagte spüren es oft nicht mehr, wenn der Zucker zu tief sinkt, oder sie schieben Warnzeichen einer Unterzuckerung, wie Zittern oder Schwindel, auf ihr Alter. Unterzuckerungen steigern das im Alter ohnehin erhöhte Risiko für Stürze. Häufige schwere Unterzuckerungen verschlechtern möglicherweise gerade bei älteren Menschen die Gehirnleistung. Sie sind auch für das Herz gefährlich, weil sie Puls und Blutdruck steigen lassen.
Welche blutzuckersenkenden Medikamente eignen sich?
Das hängt unter anderem davon ab, wie gut die Nieren noch arbeiten. Da viele Diabetes-Medikamente über die Nieren ausgeschieden werden, wirken sie bei einer Nierenschwäche länger. Bei Sulfonylharnstoff-Präparaten, die die Insulinfreisetzung fördern, steigt das Unterzucker-Risiko. Tabletten mit dem Wirkstoff Metformin können bei einer Nierenschwäche zu einer Übersäuerung des Blutes führen. Statt mehrere blutzuckersenkende Tabletten einzunehmen ist es für ältere Menschen oft besser, Insulin zu spritzen. Denn mit jeder Tablette steigt das Risiko für Wechsel- und Nebenwirkungen, und es wird wahrscheinlicher, dass man die Einnahme vergisst.
Sind ältere Menschen durch eine Insulintherapie nicht überfordert?
Für Ältere sind vorgefüllte Fertigpens besonders praktisch - ist die Patrone leer, werden sie entsorgt
Wichtig ist, dass man einen leicht zu bedienenden Pen und ein geeignetes Therapieschema wählt. Dabei spielt es eine Rolle, wie rüstig und motiviert der Diabetiker ist und wie viel Unterstützung er von seinen Angehörigen bekommt. Die Möglichkeiten reichen von der einmal täglichen Gabe eines lang wirkenden Insulins bis zur "intensivierten" Therapie, bei der man zusätzlich zu jeder Mahlzeit ein schnell wirkendes Insulin spritzt und die Dosis selbst berechnet.
Wie wichtig ist Abnehmen im Alter?
Das kommt darauf an. Studien zufolge kann leichtes Übergewicht im höheren Alter sogar das Leben verlängern. "Der Grund ist vermutlich, dass man mehr Reserven hat, um Krankheiten zu überstehen", sagt Diabetologe Wernecke.
Bei starkem Übergewicht lohnt sich Abnehmen auch für Ältere. Schon durch ein paar Kilo weniger können Gelenkschmerzen nachlassen. Andererseits kann eine Insulintherapie älteren Menschen, die zu Untergewicht neigen, dabei helfen, ein paar Pfund zuzulegen – denn Insulin fördert die Gewichtszunahme.
Nützt Bewegung auch älteren Menschen?
Jede Bewegung tut gut, und sei es nur der tägliche Spaziergang im Park. Dadurch bessern sich nicht nur die Blutzucker-, Blutdruck- und Blutfettwerte – sondern oft auch die Stimmung. Außerdem baut Bewegung Muskeln auf und stärkt die Knochen. Das Risiko für Stürze und Brüche sinkt.
Ein Projekt der Sporthochschule Köln zeigt, dass über 80-Jährige, die regelmäßig leichtes Kraftraining betreiben, alltägliche Handlungen wie Treppensteigen oder Anziehen besser bewältigen. Einige Studios und Sportvereine bieten Krafttraining und Sportgruppen für Ältere.
Die Teilnahme lohnt sich auch, um wieder unter Menschen zu kommen und soziale Kontakte zu haben.
Wie wichtig sind gute Blutdruckwerte?
Zu hohe Blutdruckwerte fördern das Risiko von Gefäßschäden, zu tiefe Werte können Durchblutungsstörungen von Gehirn oder Herz auslösen. Daher rät Experte Wernecke, bei älteren Menschen Blutdruck-Werte unter 140/90 mmHg, aber nicht tiefer als 120/80 mmHg anzustreben.
Profitieren auch ältere Diabetiker von einer Schulung?
Ja, vorausgesetzt, die Schulung ist auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. In der Strukturierten Geriatrischen Schulung (SGS) wird in Kleingruppen geschult. Die sechs bis sieben Schulungseinheiten dauern höchstens 45 Minuten. Wiederholungen und praktische Übungen verbessern den Lerneffekt. Die SGS wird bundesweit in einigen Kliniken und diabetologischen Schwerpunktpraxen angeboten.
Daniela Pichleritsch;
16.11.2010
Bildnachweis: Stockbyte/George Doyle, W&B/Thomas Rathay, W&B/Christine Beckmann, Fotolia/moodboard/2009
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