Bluthochdruck: Die schleichende Gefahr

Menschen mit Diabetes leiden oft auch unter hohem Blutdruck. Schlaganfall oder Herzinfarkt können langfristig die Folge sein. Doch Bluthochdruck lässt sich behandeln

von Stephan Soutschek, Günter Löffelmann, aktualisiert am 06.06.2016

Erhöhter Blutdruck ist für Diabetiker ähnlich gefährlich wie erhöhte Blutzuckerspiegel

Thinkstock/iStockphoto

nach oben1. Überblick

Vor allem Menschen mit Typ-2-Diabetes haben oft neben erhöhten Zuckerwerten noch einen zu hohen Blutdruck (Fachausdruck: arterielle Hypertonie). Beide Krankheiten besitzen zum Teil identische Risikofaktoren. Übergewicht und Bewegungsmangel lassen sowohl den Zuckergehalt als auch den Druck in den Gefäßen ansteigen.

Bei Patienten mit Typ-1-Diabetes ist Bluthochdruck weniger weit verbreitet. Aber auch bei ihnen ist das Risiko im Vergleich zur Gesamtbevölkerung erhöht. Typischerweise steigt bei ihnen der Blutdruck erst mit längerer Erkrankungsdauer. Auch ein diabetischer Nierenschaden kann zu Hypertonie beitragen.


Diabetes und Bluthochdruck: Gefährliche Kombination

Bei zu hohem Blutdruck entstehen auf Dauer an der Innenwand der Gefäße kleinste Verletzungen, die die fein abgestimmten Gefäßfunktionen stören. Die Wand wird allmählich dicker und starrer. Auflagerungen an der Innenwand verengen das Gefäß (Arteriosklerose), es kann sich sogar verschließen.

Je nachdem, welche Gefäße betroffen sind, drohen Herzinfarkt und Schlaganfall oder eine periphere arterielle Verschlusskrankheit der Beine, auch Schaufensterkrankheit genannt. Schädigungen der kleineren Gefäße führen zu Augen- oder Nierenschäden.

Diabetes und Bluthochdruck sind eine gefährliche Kombination, da das gemeinsame Auftreten beider Erkrankungen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um ein Vielfaches erhöht.

Bluthochdruck senken lohnt sich

Deswegen ist gerade bei Diabetes eine konsequente Behandlung von Bluthochdruck wichtig. In einer Langzeitstudie, an der mehr als 1100 Patienten mit Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck teilgenommen hatten, senkte eine gute Blutdruckeinstellung das Risiko für diabetische Spätschäden jeglicher Art um fast ein Viertel. Folgeerkrankungen an den Augen und Nieren sanken um 37 Prozent, Schlaganfälle um 44 Prozent.

Als Richtwerte für den Blutdruck bei Diabetes gelten daher heute ein systolischer Blutdruck (oberer Wert) unter 140 mmHg und ein diastolischer (unterer Wert) unter 85 mmHg.


Shotshop/Frank Roeder

nach oben2. Ursachen und Risikofaktoren

Das Herz ist der Motor des Gefäßsystems. Zieht sich die linke Herzkammer zusammen, pumpt sie das Blut in die Hauptschlagader, die Aorta. Der Blutdruck ist zu diesem Zeitpunkt am höchsten. Mediziner sprechen hier vom systolischen Druck. Dagegen ist der Druck am niedrigsten, wenn die Herzkammern sich weiten, um wieder Blut hineinströmen zu lassen. Hier ist vom diastolischen Blutdruck die Rede.

Wie hoch der Druck ausfällt, ist aber nicht allein Sache der Herzaktivität. Eine wichtige Rolle spielen auch das Flüssigkeitsvolumen im Gefäßsystem sowie der Spannungszustand und die Weite bestimmter Blutgefäße, die für die Blutdrucksteuerung besonders wichtig sind. Diese kleineren Gefäße (Arteriolen) können sich bis zu einem gewissen Grad selbst regulieren. Außerdem passt der Körper über das vegetative Nervensystem, Zentren im Gehirn sowie Hormonsysteme der Nieren, Nebennieren und anderer Gewebe den Blutdruck an den jeweiligen Bedarf an.

Wann ist der Blutdruck zu hoch?

Die Druckwellen lassen sich als Puls an verschiedenen Stellen des Körpers ertasten und messen. In der Regel wird der Blutdruck mit einer Manschette am Oberarm oder einem Gerät am Handgelenk gemessen. Als Einheit sind mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) üblich. Bei gesunden Erwachsenen mittleren Alters findet man in Ruhe meist Werte von etwa 120 mmHg (systolisch) zu 80 mmHg (diastolisch). Bei körperlicher Anstrengung können gesunde Menschen beim systolischen Druck Spitzen von 190 bis 220 mmHg durchaus verkraften. Allerdings sollte der Druck anschließend wieder auf ein normales Niveau zurückgehen. Liegt der Blutdruck dauerhaft über 140/90 mmHg, sprechen Ärzte von Bluthochdruck.


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Risikofaktoren für einen Bluthochdruck

Manchmal lässt sich ein Bluthochdruck auf eine andere Erkrankung zurückführen, etwa ein Nierenleiden. In diesem Fall ist von einer "sekundären Hypertonie" die Rede. Bei den meisten Patienten liegt dagegen eine "primäre Hypertonie vor, der Bluthochdruck hat also keine organische Ursache. In diesen Fällen gibt es bestimmte Faktoren, die das Erkrankungsrisiko ansteigen lassen. Dazu zählen insbesondere:

  • bauchbetontes Übergewicht
  • hoher Salzverbrauch
  • starker Alkoholkonsum
  • Rauchen
  • Bewegungsmangel
  • chronischer Stress
  • Schlafapnoe

Diese Risikofaktoren können auch an der Entwicklung einer sekundären Hypertonie beteiligt sein.

Diabetes und Bluthochdruck gehen Hand in Hand

Übergewicht und Bewegungsmangel sind Bluthochdruck-Risikofaktoren, die auch einen Typ-2-Diabetes begünstigen. Das ist ein Grund, warum die beiden Erkrankungen oft gemeinsam auftreten.

Ein weiterer Grund ist der Diabetes selbst. Anhaltend erhöhte Blutzuckerkonzentrationen können Gefäße schädigen und auf Nerven einwirken, die jeweils an der Blutdruckregulation beteiligt sind. Auch Insulin beeinflusst den Blutdruck. Wenn die Bauchspeicheldrüse bei Typ-2-Diabetes vermehrt Insulin ausschüttet, kann dies zudem zu einer Blutdruckerhöhung beitragen. Vorgänge, die bei Bluthochdruck ablaufen, können wiederum die Wirkung von Insulin beeinträchtigen.


Stockbyte/ RYF

nach oben3. Symptome

Der Bluthochdruck ist eine Erkrankung, von der Betroffene in der Regel nichts bemerken. Viele Patienten ahnen daher gar nichts von der Störung in ihrem Gefäßsystem, bis dann erhebliche Probleme oder Beschwerden auftreten und die Schäden irreparabel sind. Es lohnt sich daher, auf folgende Symptome zu achten:

  • Schwindel
  • Ohrensausen
  • Kopfschmerzen
  • Leistungsschwäche
  • Nasenbluten
  • Sehstörungen
  • Herzunregelmäßigkeiten (Herzrhythmusstörungen)
  • Potenzstörungen
  • Kurzatmigkeit bei Anstrengung, Sport

Diese Beschwerden gehen zwar nicht zwingend auf einen Bluthochdruck zurück, Anlass für eine Untersuchung sind sie aber allemal. Der Arzt kann der Ursache für die Beschwerden nachgehen, etwa indem er den Blutdruck misst. Da Menschen mit Diabetes ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck haben, sollten sie ihre Werte von einem Arzt regelmäßig kontrollieren lassen.


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nach oben4. Diagnose

Von Bluthochdruck sprechen Ärzte, wenn der systolische Blutdruck mindestens 140 mmHg oder der diastolische mindestens 90 mmHg beträgt. Gemessen wird im Sitzen, entweder mit einer Manschette am Oberarm oder am Handgelenk. Zumindest bei der ersten Untersuchung wird die Messung an beiden Oberarmen vorgenommen. Bei einem Unterschied von mehr als zehn mmHg zwischen dem systolischen Blutdruck an den beiden Armen wird immer auf der Seite mit dem höheren Druck gemessen

Um die Diagnose Bluthochdruck sicher zu stellen, veranlasst der Arzt oft noch eine 24-Stunden-Blutdruckmessung, bei der der Patient einen Tag lang an ein tragbares Messgerät angeschlossen ist.

Liegen weitere Erkrankungen vor?

Weitere Untersuchungen sollen dann klären, ob dem Bluthochdruck eine Organerkrankung zugrunde liegt, ob weitere Risikofaktoren für Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen vorliegen, beziehungsweise ob bereits Schäden an Herz, Halsschlagader oder anderen Gefäßen, Augen oder Nieren aufgetreten sind. Dazu zählen vor allem:

  • Fragen nach der medizinischen Vorgeschichte oder Bluthochdruck bei Verwandten (Anamnese): Dabei erhält der Arzt Hinweise auf ein erblich bedingtes Risiko für Herz-, Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen sowie auf relevante Vor- und Begleiterkrankungen (zum Beispiel Schilddrüsenfehlfunktionen, Nierenerkrankungen, Schlafapnoe, Hormonerkrankungen). Zudem erfasst er alle Medikamente, die der Patient einnimmt.
  • Blut- und Urinuntersuchungen: Sie geben Aufschluss über zusätzliche gesundheitliche Risikofaktoren (etwa Fettstoffwechselstörungen), Begleiterkrankungen und Organschäden, beispielsweise der Nieren.
  • Elektrokardiogramm, Langzeit-Blutdruckmessung, Ultraschalluntersuchung des Herzens, Sonografie der Halsschlagadern, Knöchel-Arm-Index: Diese Untersuchungen erlauben es, den Zustand des Herz-Kreislauf- und Gefäßsystems zu beurteilen.
  • Augenspiegelung: Bei dieser Untersuchung sucht der Augenarzt nach krankhaften Veränderungen zum Beispiel an der Netzhaut und den versorgenden Blutgefäßen.

Blutdruck daheim oder in der Apotheke messen

Laien können ihren Blutdruck auch in der Apotheke messen lassen oder dies zuhause selbst tun. Automatische Geräte verringern das Risiko von Messfehlern. Allerdings sollten die Ergebnisse stets von einem Arzt interpretiert werden. So können Patienten selbst dazu beitragen, einen Bluthochdruck frühzeitig zu entdecken oder die Blutdruckentwicklung zu kontrollieren.


W&B/Simon Katzer

nach oben5. Behandlung

Internationale Fachgesellschaften raten, bei Diabetes Blutdruckwerte unter 140 (systolisch) beziehungsweise unter 85 (diastolisch) mmHg anzustreben. Ist ein Bluthochdruck als Folge einer anderen Erkrankung entstanden, so muss zunächst diese bestmöglich behandelt werden. Vorab und zur Überprüfung der Therapiewirkung sollte eine 24-Stunden-Blutdruckmessung durchgeführt werden. Das Ergebnis der Langzeitmessung ist ausschlaggebend für die weitere Gestaltung der Therapie.

Patienten können viel selbst tun, um ihre Werte zu verbessern. Vor allem Menschen mit Typ-2-Diabetes profitieren dabei gleich mehrfach. Viele Maßnahmen, die den Blutdruck senken, helfen gleichzeitig, die Insulinwirkung zu verbessern und damit den Blutzuckerspiegel zu senken.

Als besonders wirksam haben sich gegen Bluthochdruck folgende Maßnahmen erwiesen:

  • Übergewicht abbauen: Abnehmen kann helfen, den Blutdruck zu senken. Als Ziel gilt ein Body-Mass-Index (BMI) von höchstens 25 und ein Taillenumfang < 102 cm für Männer beziehungsweise < 88 cm für Frauen. Tipps zum Abnehmen finden Sie hier.
  • Körperlich aktiv sein: Empfohlen wird ein mindestens 30-minütiges leichtes Training (Walking, Joggen, Schwimmen) an mindestens fünf Tagen in der Woche.
  • Salzkonsum begrenzen: Der Richtwert liegt bei fünf bis sechs Gramm pro Tag. Allerdings ist der Salzkonsum oft schwer zu kontrollieren, da viele Speisen verstecktes Salz enthalten.
  • Gesund ernähren: Empfehlenswert sind viel Obst und Gemüse, Kohlenhydrate aus Vollkorn-Lebensmitteln, pflanzliche statt tierische Öle, Fleisch nur in Maßen.
  • Mit dem Rauchen aufhören: Nikotin stimuliert jene Bereiche des Nervensystems, die den Blutdruck und den Puls hochregulieren. Darüber hinaus schädigen die Inhaltsstoffe des Tabakrauches die Gefäßwände direkt, weshalb Rauchen ein bedeutender Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist.
  • Alkoholkonsum einschränken: Männer sollten täglich maximal 24 Gramm reinen Alkohol zu sich nehmen, für Frauen liegt die Obergrenze bei zwölf Gramm. Noch besser: in dem Rahmen zwei ganz alkoholfreie Tage pro Woche einbauen.
  • Stress vermeiden: Stress gilt als weiterer Risikofaktor für Bluthochdruck. Wer sein Nervenkostüm schont, schützt daher auch seinen Kreislauf. Ob Strategien zur Stressbewältigung aber auch einen bestehenden Bluthochdruck nachhaltig senken können, ist bislang noch unklar.

Mit alten Gewohnheiten zu brechen und gesünder zu leben, erfordert am Anfang einiges an Disziplin. Dranbleiben lohnt sich aber. Wer die obigen Ratschläge beherzigt, belohnt sich selbst nicht nur mit oft besseren Blutdruckwerten, sondern fühlt sich auch fitter.

Ist das Behandlungsziel mit Lebensstiländerungen nicht zu erreichen, kommen zusätzlich Medikamente zum Einsatz. Im Wesentlichen stehen folgende Wirkstoffgruppen zur Verfügung:

  • Diuretika: Sie wirken hauptsächlich, indem sie die Kochsalz- und Wasserausscheidung steigern. Diuretika eignen sich besonders zur Kombination mit anderen Blutdrucksenkern.
  • Betablocker: Sie blockieren die Andockstellen der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin. Dadurch wirken sie gefäßerweiternd, was den Blutdruck senkt.
  • Kalziumantagonisten: Sie bremsen den Einstrom von Kalzium in die Zellen und führen so zu einer Entspannung der Gefäßmuskulatur. Vor allem bei Diabetes werden sie oft als Kombi-Präparat eingesetzt.
  • ACE-Hemmer: Sie hemmen die Produktion des blutdrucksteigernden Hormons Angiotensin II. Außerdem wirken sie vorteilhaft bei einem diabetischen Nierenschaden. ACE-Hemmer werden insgesamt sehr breit eingesetzt.
  • Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten: Sie dämpfen die Wirkung von Angiotensin II, indem sie dessen Andockstellen an den Zielzellen besetzen. Auch sie haben ein breites Anwendungsspektrum.

Die Wirkstoffe aus den verschiedenen Gruppen senken den Blutdruck in ähnlichem Umfang. Bei der Wahl des Medikaments achten Ärzte daher vor allem darauf, dass es gut vertragen wird und zu etwaigen Begleiterkrankungen wie Asthma oder besonderen Situationen des Patienten, zum Beispiel Schwangerschaft, passt. Immer häufiger werden Medikamente verschiedener Gruppen kombiniert eingesetzt.

Disziplin ist auch bei der Einnahme von Medikamenten gefragt. Die Therapie zieht sich meist über Jahre oder gar lebenslang hin. Viele Patienten hadern damit, Tabletten gegen eine Erkrankung zu schlucken, die sie nicht unmittelbar spüren. Gerade dann, wenn die Medikamente Nebenwirkungen verursachen. Dann ist die Versuchung groß, die Mittel gelegentlich wegzulassen oder die Behandlung ganz zu beenden.

Doch für einen anhaltenden Behandlungserfolg ist es wichtig, die Medikamente dauerhaft einzunehmen.
Wenn Patienten mit ihrer Behandlung unzufrieden sind, sollten sie die Mittel nicht selbst aussetzen, sondern mit ihrem Arzt darüber sprechen. Er kann, etwa bei Nebenwirkungen oder Problemen bei der Einnahme, auf ein anderes Präparat ausweichen.

Barorezeptor-Stimulation

Bleibt trotz aller dieser Maßnahmen der Blutdruck zu hoch, kann unter Umständen eine Barorezeptor-Stimulation helfen. Barorezeptoren sind Sinneszellen, die den Druck des Blutes auf die Gefäßwände stimulieren. Bei dem Verfahren erhält der Patient eine Elektrode eingesetzt, die einen höheren Blutdruck simuliert und damit die Rezeptoren zu einer Gegenreaktion veranlasst.

Die Barorezeptor-Stimulation ist eine relativ neue Behandlungsmöglichkeit. Eine abschließende Bewertung steht bei ihr noch aus.


W&B/Bernhard Huber

Fachliche Beratung:

Professor Dr. med. Wolfram Delius, Internist und Kardiologe, war bis 2003 Chefarzt der I. Medizinischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses München/Bogenhausen. Heute führt er eine kardiologische Praxis in München.




Bildnachweis: Stockbyte/ RYF, Shotshop/Frank Roeder, Banana Stock/ RYF, W&B/Simon Katzer, W&B/Bernhard Huber, Thinkstock/iStockphoto

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