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Auch Fett und Eiweiß können den Blutzucker beeinflussen

Manchmal lohnt es sich für Typ-1-Diabetiker, auch Fett und Eiweiß mit Insulin abzudecken


Eine Bratwurst frisch vom Grill - für manchen Typ-1-Diabetiker ein Hochgenuss mit Folgen

Ein saftiges Steak oder ein paar knackige Würstchen frisch vom Rost – für Wolfgang Dengler ein Hochgenuss mit Folgen. Gemütliche Grillabende bescherten dem 52-jährigen Typ-1-Diabetiker regelmäßig heftige Blutzuckeranstiege. "Über Nacht haben sich meine Werte oft verdreifacht, stiegen auf bis zu 300 mg/dl (16,7 mmol/l)", sagt Wolfgang Dengler. An den Kohlenhydraten konnte es nicht liegen. "Ich habe höchstens ein bis zwei Scheiben Brot gegessen und mit Insulin abgedeckt", sagt Dengler.

Als seine Diabetesberaterin Würstchen und Steak als Ursache vermutete, hielt er das zunächst für abwegig. Hatte es in der Schulung nicht immer geheißen, dass nur Kohlenhydrate auf den Blutzucker wirken? Und das Fleisch und Wurst nur Fett und Eiweiß enthalten und deshalb nicht berechnet werden müssen?

Eiweiß und Fett wird Zucker

"Was in den Schulungen vermittelt wird, ist richtig – aber mit Einschränkungen", sagt Diabetesberaterin Gisela Hogenaar aus Freudenstadt. Denn auch Fett und Eiweiß können den Blutzucker steigen lassen. Der Körper wandelt einen Teil davon in Zucker um. Allerdings dauert das einige Zeit. Deshalb steigt der Blutzucker erst etwa drei bis fünf Stunden nach einem fett- und eiweißreichen Essen.

Allerdings nicht zwangsläufig und nicht bei jedem. "Typ-2-Diabetiker produzieren meist noch genug Insulin, um den späten und langsamen Anstieg abzufangen", sagt Gisela Hogenaar. Das Problem trifft in erster Linie Typ-1-Diabetiker, die ihren Blutzuckerspiegel komplett mit gespritztem Insulin steuern müssen.

Rechnen bringt bessere Werte

Experten diskutieren daher seit Längerem, ob Typ-1-Diabetiker bei der Berechnung der Insulindosis auch Fett und Eiweiß (Protein) berücksichtigen sollten. In einer Studie mit 14 Typ-1-Diabetikern, alles Pumpenträger, besserten sich dadurch die Blutzuckerwerte nach fett- und eiweißreichen Mahlzeiten. Zum gleichen Ergebnis kam eine Studie mit 41 Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes. Allerdings bekamen die Kinder durch das zusätzliche Insulin nach dem Essen häufiger leichte Unterzuckerungen.

Die Studien verwendeten als Berechnungseinheit für den Fett- und Eiweißgehalt der Nahrung die Fett-Protein-Einheit, abgekürzt FPE. Eine FPE entspricht 100 Kilokalorien aus Fett und Eiweiß. Bei Lebensmitteln, die nur Fett oder Eiweiß enthalten, lässt sich die FPE einfach berechnen: Man teilt deren Kaloriengehalt durch hundert. Mehr Rechenarbeit ist nötig, wenn das Essen auch Kohlenhydrate enthält, wie etwa Pizza, Torte oder Döner.

Aufwand schreckt viele ab



Diabetesberaterin Gisela Hogenaar bespricht mit Wolfgang Dengler seine Blutzuckerwerte

"Der zusätzliche Aufwand schreckt viele ab", sagt Gisela Hogenaar, die die FPE-Berechnung nicht jedem Typ-1-Diabetiker zumuten möchte: "Wer sich eher fett- und eiweißarm ernährt, kommt meist ohne FPE zurecht. Wenn aber jemand erzählt, dass sein Blutzucker immer steigt, wenn er etwa Döner, Pizza oder Würstchen isst, dem rate ich, die Insulindosis an den Fett- und Eiweißgehalt anzupassen."

Wolfgang Dengler hat den Dreh inzwischen raus und kann seine Grillabende genießen, ohne dass seine Blutzuckerwerte über Nacht aus dem Ruder laufen. "Die Insulindosis für die Kohlenhydrate rufe ich wie immer sofort an meiner Pumpe ab", sagt er. Für die FPE programmiert er einen verlängerten Bolus in die Pumpe. Das ist eine Insulindosis, die die Pumpe über einen längeren Zeitraum abgibt. So fängt er den verzögerten Blutzuckeranstieg durch Fett und Eiweiß ab. Wie viel Insulin er für eine FPE braucht, hat Wolfgang Dengler durch Ausprobieren ermittelt – etwa halb so viel wie für eine KE/BE (Kohlenhydrateinheit bzw. Broteinheit).

Mit Pumpe geht es leichter

Die Dauer des verlängerten Bolus gibt Wolfgang Dengler abhängig von der FPE-Menge ein. Denn je mehr Fett und Eiweiß das Essen enthält, umso länger wirkt es sich auf den Blutzucker aus. "Für eine FPE hat sich beispielsweise ein Zeitraum von drei Stunden bewährt, bei vier oder mehr FPE sieben bis acht Stunden", sagt Gisela Hogennaar.

Die FPE-Berechnung eignet sich zwar vor allem für Pumpenträger. Aber auch Diabetiker, die einen Pen verwenden, können davon profitieren. "Wer abends viel Fett und Eiweiß isst und zur Nacht herkömmliches Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin) spritzt, kann seine Dosis um die nötige Menge erhöhen", sagt Hogenaar. Eine weitere Möglichkeit ist es, zusätzlich zu einem kurz wirkenden Analoginsulin für die Kohlenhydrate ein etwas langsamer und länger wirkendes Normalinsulin für die FPE zu spritzen.


Eine Fett-Protein-Einheit steckt z.B. in
einer Scheibe Gouda 40 g
einem mittelgroßen Ei 60 g
einem Becher Naturjoghurt 3,5 % Fett 150 g
einem Glas Milch 200 ml
einer Handvoll Kartoffelchips 25 g
Einem Viertel Rindersteak mager 65 g
drei Scheiben Salami 30 g
einem Wiener Würstchen 30 g

 

"Den meisten Menschen ist dies aber zu aufwendig", so die Erfahrung von Gisela Hogenaar. "Und so gut wie mit der Pumpe lässt sich die Insulindosis mit dem Pen leider nicht anpassen." Ihre Empfehlung: Wer feststellt, dass seine Werte nach fett- oder eiweißreichen Mahlzeiten deutlich steigen, sollte mit seinem Diabetologen oder seiner Diabetesberaterin sprechen und gemeinsam eine Lösung suchen.

"Bei Kindern genügt manchmal schon eine Scheibe Käse oder Wurst, um den Blutzucker steigen zu lassen", sagt Professor Olga Kordonouri, Chefärztin am Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Kordonouri bringt jungen Patienten und ihren Eltern daher auch das Rechnen mit FPE bei. "Viele sind erleichtert, weil sie endlich eine Erklärung für die Blutzuckeranstiege haben", sagt die Diabetologin.

Viele sind skeptisch

Allerdings gibt es auch skeptische Stimmen. "Bei einer ausgewogenen Ernährung deckt die Insulindosis für die Kohlenhydrate in der Regel auch Fett und Eiweiß ab", sagt etwa Ernährungswissenschaftlerin Dr. Astrid Tombek vom Diabeteszentrum Mergentheim. Und wenn es doch mal eine größere Portion Fleisch gibt, rät Tombek, zuerst einmal abzuwarten, wie sich der Blutzucker entwickelt und erhöhte Werte wenn nötig mit Insulin zu korrigieren. Ihren Patienten sei das Rechnen mit FPEs meistens zu kompliziert, sagt sie.

Grill-Fan Wolfgang Dengler bleibt der FPE treu. Vor allem, weil er es inzwischen schwarz auf weiß hat, dass sich der Aufwand lohnt: Sein Blutzucker-Langzeitwert HbA1C sank von 7,9 (62,8 mmol/mol) auf 7,2 Prozent (55,2 mmol/mol). Für ihn Grund genug, bei seinen Grillabenden nicht nur saftige Steaks, sondern auch Taschenrechner, Waage und Nährwerttabelle parat zu haben.


So berechnen Sie den FPE-Gehalt einer Mahlzeit

Zuerst Kaloriengehalt der Kohlenhydrate (KH) mal 4 nehmen – da 1 Gramm KH ca. 4 Kilokalorien (kcal) enthält. Das Ergebnis vom Gesamtkaloriengehalt abziehen.
Die verbleibenden Kalorien aus Fett und Eiweiß geteilt durch 100 ergeben den FPE-Gehalt.
Eine FPE entspricht 100 kcal aus Fett und Eiweiß.

Beispiele:

Eine Pizza Salami (320 g)

84 g KH, insgesamt 886 kcal
84 g x 4 kcal = 336 kcal
886 kcal – 336 kcal = 550 kcal
550 kcal : 100 kcal = 5,5 FPE

Ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte (140 g)

40 g KH, insgesamt 350 kcal
40 g x 4 kcal = 160 kcal
350 kcal – 160 kcal = 190 kcal
190 kcal: 100 kcal = 1,9 FPE

Ein Döner (300 g)

53 g KH, insgesamt 635 kcal
53 g x 4 kcal = 212 kcal
635 kcal – 212 kcal = 423 kcal
423 kcal : 100 kcal = 4,2 FPE



Daniela Pichleritsch / Diabetes Ratgeber; 28.10.2011
Bildnachweis: W&B/Cira Moro, Fotolia/Sandal Jackal/2010

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