Blutzucker: Was tun gegen hohe Morgenwerte?

Ein hoher Zuckerwert am Morgen kann viele Gründe haben. Wir helfen bei der Ursachenforschung und geben Tipps, was gegen das Problem hilft

von Stephan Soutschek / www.diabetes-ratgeber.net; aktualisiert am 13.05.2015

iStock/kupico

Was tun, wenn der Blutzuckerspiegel am Morgen rätselhafte Höhen erreicht?

Manchmal scheint der Blutzucker ein seltsames Spiel mit einem zu treiben. Abends vor dem Schlafengehen liegen die Werte noch im grünen Bereich. Doch am Morgen folgt das böse Erwachen: Das Messgerät zeigt ein deutlich zu hohes Ergebnis an. Und das, obwohl man in der Zwischenzeit gar nichts gegessen hat.

Zuckerhochs am Morgen häufig bei Diabetes

Dieses Szenario dürfte vielen Menschen mit der Zuckerkrankheit bekannt vorkommen. Hohe Morgenwerte sind sowohl bei Typ-1- als auch bei Typ-2-Diabetes ein häufiges Problem. „Nüchtern sollte der Blutzuckerspiegel idealerweise zwischen 90 und 120 mg/dl liegen“, sagt Dr. Helmut Pillin, Diabetologe in München. Liegen die Werte morgens regelmäßig darüber, lohnt es sich, seinen Arzt darauf anzusprechen und gemeinsam nach den Gründen zu forschen. Denn es kommen mehrere Ursachen infrage:


1. Zu wenig Insulin oder Medikamente: Spritzt ein Patient nicht genug Basalinsulin oder ist die Dosis an Blutzucker senkenden Medikamenten zu niedrig, kann nachts der Blutzucker ansteigen. Auch eine falsche Spritztechnik kann zur Folge haben, dass die Menge an Insulin nicht ausreicht.

2. Dawn-Phänomen: Bei manchen schüttet der Körper in der Nacht verstärkt Hormone aus, die den Blutzucker in den frühen Morgenstunden ansteigen lassen („Dawn“ ist englisch für „Morgenröte“). Stress oder Schlafstörungen können diesen Effekt verstärken. Bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes tritt das Dawn-Phänomen oft besonders deutlich auf.

3. Späte Mahlzeiten: Wer spätabends noch viel isst, dessen Werte können nachts im Schlaf ansteigen. Vor allem fett- und eiweißreiches Essen können zu einer unangenehmen Überraschung am Morgen führen, da Fett und Eiweiß den Übergang von Kohlenhydraten aus dem Darm ins Blut verzögern.

4. Nächtliche Unterzuckerungen: Hat ein Patient mit Diabetes zu viel Insulin gespritzt oder abends anstrengenden Sport getrieben, können die Werte nachts tief fallen, sodass der Betreffende im Schlaf eine Unterzuckerung erleidet. „Der Patient wacht in der Regel nicht auf und merkt nichts davon“, sagt Professor Jochen Seufert, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie an der Uniklinik Freiburg. Diese Unterzuckerung löst eine Gegenregulation des Körpers aus, die die Werte ansteigen lässt. Ärzte sprechen hier vom Somogyi-Effekt.

5. Medikamente: Manche Arzneien beeinflussen den Zuckerspiegel. So können Präparate mit dem entzündungshemmenden Wirkstoff Kortison die Werte ansteigen lassen. „Auch bestimmte Psychopharmaka können eine Insulinresistenz verstärken“, sagt Seufert.

6. Krankheiten: In seltenen Fällen ist eine Krankheit die Ursache der morgendlichen Hochs, zum Beispiel Morbus Cushing. Bei diesem Stoffwechselleiden stellt der Körper zu viel Kortisol her, das die Zuckerwerte ungünstig beeinflusst.

Ursachenfindung: Nachts die Werte messen

„Wer am Morgen zu hohe Werte hat, sollte seinen Blutzucker einmal in der Nacht um zwei Uhr messen“, rät Seufert. Am besten alle abends, nachts und morgens ermittelten Blutzuckerwerte notieren und zum Diabetologen mitnehmen. Das erleichtert dem Arzt, dem Phänomen auf den Grund zu gehen.

Der nächtliche Blutzuckerspiegel gibt einen Hinweis darauf, was die Ursache für das Morgenhoch sein könnte. Sind die Werte um zwei Uhr zu hoch, steckt möglicherweise eine zu späte Mahlzeit oder falsche Medikamentendosis dahinter. Sind sie um diese Zeit dagegen eher im niedrigen Bereich, könnte eine nächtliche Unterzuckerung oder das Dawn-Phänomen für die hohen Zuckerspiegel nach dem Aufstehen verantwortlich sein. Oft befragt der Arzt sein Gegenüber zudem nach dessen Ernährungsgewohnheiten am Abend.

Reicht das alles nicht aus, um der Ursache auf die Spur zu kommen, kann der Arzt dem Patienten auch ein Gerät geben, das den Zucker in der Nacht fortlaufend misst. Bei diesen CGM-Systemen (continuous glucose monitoring) trägt der Betreffende einen Sensor am Körper, der in regelmäßigen Abständen die Zuckerwerte im Unterhautfettgewebe misst. „Auf diese Weise lässt sich genau feststellen, wann in der Nacht die Zuckerwerte nach oben oder nach unten ausschlagen“, sagt Pillin.

Morgendliche Zuckeranstiege vermeiden

Ist der Problemauslöser erkannt, können Arzt und Patient eine Lösung finden. Dabei gilt es oft auszuprobieren, was sich im Einzelfall bewährt. Stecken abendliche Snacks hinter den Zuckerhochs, kann es schon helfen, nach 19 Uhr keine Mahlzeiten mehr zu sich zu nehmen oder nach dem Essen noch einen Spaziergang zu machen.

In anderen Fällen ist eine Anpassung der Therapie mit Medikamenten nötig. Spritzt der Patient bislang nur ein NPH-Insulin, kann der Arzt ihm ein lang wirkendes Insulin verschreiben. Sind die Werte am Morgen trotzdem noch zu hoch, ist es möglicherweise ratsam, die Insulinmenge zu erhöhen. Wichtig: Die Dosis nie selbstständig ändern, sondern immer nur in Absprache mit dem Mediziner.

Treibt das Dawn-Phänomen die Werte nach oben, kann der Arzt ebenfalls die Insulindosis anpassen. „Nimmt der Patient Metformin, kann es helfen, die Tablette erst kurz vor dem Schlafengehen einzunehmen“, sagt Pillin. Auch diese Maßnahmen unbedingt vorher mit dem behandelnden Diabetologen abklären. Eine Insulinpumpe, die beständig geringe Mengen an Insulin abgibt, kann die Zuckeranstiege durch ein Dawn-Phänomen recht zuverlässig abfangen. Patienten mit Typ-1-Diabetes haben bei dieser hormonellen Störung auch sehr gute Chancen, die Pumpe von der Krankenkasse bewilligt zu bekommen.




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Stephan Soutschek / www.diabetes-ratgeber.net; aktualisiert am 13.05.2015,
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