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Blutzucker: Was tun gegen hohe Morgenwerte?

Ein hoher Zuckerwert am Morgen kann viele Gründe haben. Wir helfen bei der Ursachenforschung und geben Tipps, wie Sie das Morgenhoch bändigen können


Viele Diabetiker kennen das Phänomen: Vor dem Schlafengehen ist der Wert erfreulich, am nächsten Morgen hat er rätselhafte Höhen erreicht

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass der Diabetes ein seltsames Spiel treibt? Zum Beispiel nachts. Da hat man sich beim Blutzuckertest vorm Zubettgehen noch über seinen ordentlichen Wert gefreut. Am nächsten Morgen folgt dann das böse Erwachen. Der Blutzuckerwert, den das Messgerät anzeigt, liegt weit jenseits der akzeptablen 120 mg/dl (6,7 mmol/l). Warum, scheint völlig rätselhaft.

Hohe Morgenwerte sind ein häufiges Problem, sowohl bei Typ-1-Diabetes als auch bei Typ-2-Diabetes. Manchmal kommt man der Ursache mit etwas Nachdenken schnell auf die Spur. Nicht selten ist jedoch detektivischer Spürsinn nötig. Wir haben häufige und seltenere Gründe für erhöhte Morgenwerte zusammengefasst, und was sich dagegen tun lässt.


Zu wenig Insulin oder Tabletten


Wenn die Insulin- oder Tablettendosis zu niedrig ist, kann der Blutzucker über Nacht steigen. "Ob das der Fall ist, finden Sie heraus, indem Sie Ihren Zucker nachts ein paar Mal kontrollieren.

Zum Beispiel in zwei Nächten um zwei und um vier Uhr", sagt der Hamburger Diabetologe Dr. Jens Kröger.


Das kann helfen:

NPH-Insulin: Steigt der Zucker an und Sie haben zur Nacht als Basalinsulin ein herkömmliches Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin) gespritzt, kann es helfen, die Dosis etwas zu erhöhen. Alternativ, und weil die Dosiserhöhung manchmal zu nächtlichen Unterzuckerungen führt, kann man das NPH-Insulin auch später spritzen, etwa um 23 Uhr. Dann fällt der Zeitpunkt seiner stärksten Wirkung in die frühen Morgenstunden. Bleiben die Morgenwerte zu hoch, bietet der Wechsel auf ein lang wirkendes Analoginsulin einen möglichen Ausweg.

Analoginsulin: Wer abends ein lang wirkendes Analoginsulin spritzt und hohe Morgenwerte hat, kann ebenfalls versuchen, die Dosis zu erhöhen. Mögliches Risiko: Unterzuckerungen im Tagesverlauf. Wenn Sie ein lang wirkendes Analoginsulin verwenden und dieses immer morgens spritzen: Probieren Sie aus, ob Ihr Morgenwert sich bessert, wenn Sie es abends spritzen. Wichtig: Ändern Sie Ihre Dosis nicht eigenmächtig, sondern sprechen zuerst mit Ihrem Arzt.

Tabletten: Wer blutzuckersenkende Tabletten einnimmt und häufig hohe Morgenwerte hat, sollte mit seinem Arzt klären, ob die Dosis erhöht werden muss. Eventuell sind die hohen Morgenwerte auch ein Hinweis darauf, dass Tabletten nicht mehr reichen und eine Behandlung mit Insulin notwendig wird.

Morgendämmerungs-Phänomen


Nachts schüttet der Körper Hormone aus, die den Blutzucker in den frühen Morgenstunden erhöhen können. Dieses sogenannte Dawn-Phänomen (dawn: englisch "Morgendämmerung") macht sich vor allem beim Typ-1-Diabetes bemerkbar.

Schlafstörungen und Stress können es verstärken. In der Pubertät ist es wegen der vermehrten Hormonproduktion besonders ausgeprägt. Ein Dawn-Phänomen erkennen Sie, wenn Sie mehrmals nachts den Blutzucker messen und die Werte typischerweise ab etwa vier Uhr steigen.

Das kann helfen:

Wer herkömmliches Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin) spritzt, kann den Blutzuckeranstieg bremsen, wenn er es möglichst spät spritzt, etwa um 23 Uhr. Dann erreicht es seine maximale Wirkung erst frühmorgens. Ansonsten kann der Wechsel auf ein lang wirkendes Analoginsulin helfen. Die Alternative: eine Insulinpumpe. Sie lässt sich so programmieren, dass sie in den frühen Morgenstunden mehr Insulin abgibt.

Insulinmangel beim Morgensport


Normalerweise senkt Sport den Zucker. Bei manchen Diabetikern steigt er, wenn sie morgens Sport treiben. Der Grund: Bei Bewegung holen sich die Muskeln mehr Zucker aus den Zuckerspeichern des Körpers. Dafür benötigen sie Insulin. Reicht die Wirkung des Basalinsulins vom Vortag nicht mehr, um genug Zucker in die Zellen zu schleusen, steigt der Blutzucker. Außerdem schüttet der Körper beim Sport Stresshormone aus, die den Anstieg verstärken.

Das kann helfen:

Fragen Sie den Arzt, ob Sie vor dem Morgensport eine kleine Dosis schnell wirkendes Insulin spritzen sollen (wegen des Unterzuckerrisikos brauchen Sie dazu Kohlenhydrate, zum Beispiel eine Banane).

Gegenregulation


Hohe Morgenwerte können die Folge einer nächtlichen Unterzuckerung sein. Dann schüttet der Körper Hormone aus, die den Blutzucker erhöhen – mitunter "über das Ziel hinaus". Wenn Sie vermuten, dass Sie im Schlaf unbemerkte Unterzuckerungen haben, sollten Sie Ihre Werte vorübergehend nachts mehrfach kontrollieren. "Zwischen Mitternacht und drei Uhr ist das Unterzuckerrisiko am höchsten", sagt Diabetologe Dr. Jens Kröger.


Das kann helfen:

Wer abends ein Basalinsulin spritzt, kann nach Rücksprache mit dem Arzt die Dosis senken. Dann wirkt es aber vielleicht in den frühen Morgenstunden nicht mehr ausreichend. Herkömmliches Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin) sollten Sie möglichst spät (und in den Oberschenkel) spritzen, sodass es seinen Wirkgipfel erst frühmorgens erreicht.

Alternativ: Akzeptieren Sie vor dem Schlafengehen einen etwas höheren Blutzuckerwert oder essen Sie noch ein bis zwei BE/KE langsam ins Blut gehende Kohlenhydrate, zum Beispiel eine Scheibe Vollkornbrot. Das gilt vor allem, wenn Sie sich viel bewegt oder Alkohol getrunken haben. Beides kann ein Grund für nächtliche Unterzuckerungen sein.

Viel Fett und Eiweiß


Wenn Sie abends eiweißreich essen, zum Beispiel ein großes Steak, viel Käse oder Quark, kann das den Morgenwert erhöhen. Denn die Leber wandelt einen Teil des Eiweißes im Laufe von Stunden in Zucker um. Auch ein gleichzeitig fett- und kohlenhydratreiches Abendessen, zum Beispiel Pizza, kann für den hohen Morgenwert verantwortlich sein: Fett verzögert die Aufnahme von Kohlenhydraten. Der Blutzucker kann vor dem Zubettgehen noch normal sein, aber nachts steigen.


Das kann helfen:

Probieren Sie, ob sich die Morgenwerte bessern, wenn Sie auf fett- und eiweißreiches Abendessen verzichten. Wenn Sie Insulin spritzen, besprechen Sie mit dem Arzt, wie Sie die Dosis auf den Fett- und Eiweißgehalt abstimmen können.

Pumpenträger können die Pumpe so programmieren, dass sie das zum Essen nötige Insulin oder einen Teil davon über einen längeren Zeitraum abgibt ("verlängerter Bolus").

Fehler beim Insulinspritzen


Auch eine falsche Spritztechnik kann für hohe Morgenwerte verantwortlich sein. Zum Beispiel, wenn man das Basalinsulin versehentlich in den Muskel spritzt, statt ins Unterhautfettgewebe. Das kann passieren, wenn die Penkanüle zu lang ist. Aus dem Muskel gelangt das Insulin schneller ins Blut – und morgens ist seine Wirkung dann schon "verbraucht".

Ähnlich ist es, wenn Sie herkömmliches Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin) statt in Oberschenkel oder Gesäß in den Bauch spritzen. Von hier wird Insulin rascher ins Blut befördert. "Bei den lang wirkenden Analoginsulinen beeinflusst die Spritzstelle die Insulinwirkung kaum", so Diabetologe Kröger. Wenn Sie die Nadel zu selten wechseln oder häufig in die gleiche Stelle spritzen, können sich Gewebeveränderungen bilden, die die Insulin-Aufnahme behindern: ebenfalls ein möglicher Grund für einen hohen Morgenwert.

Das kann helfen:

Prüfen Sie mit Ihrem Arzt, ob die Nadellänge für Sie geeignet ist. Spritzen Sie NPH-Insulin in den Oberschenkel und bilden Sie beim Spritzen eine Hautfalte, um eine Injektion in den Muskel zu vermeiden. Außerdem: Halten Sie immer drei Zentimeter Abstand zur letzten Einstichstelle. Wechseln Sie die Nadel bei jeder Injektion. Spritzen Sie nicht in verhärtete Stellen und Spritzhügel.




Bildnachweis: iStock/kupico, W&B/Martina Ibelherr

Diabetes Ratgeber; 17.05.2011, aktualisiert am 24.04.2013
Bildnachweis: iStock/kupico, W&B/Martina Ibelherr

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