Doro Horedt mit ihrem Kurzhaarcollie Jack. Der vierbeinige Helfer übt täglich, Unterzuckerungen zu erschnüffeln
Es war an einem Abend irgendwann im letzten Dezember. Die Kinder im Bett, nichts Dringendes mehr zu erledigen. Ich hatte es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht. Eigentlich wollte ich einen Film gucken. Wenn bloß nicht auf einmal diese Müdigkeit gewesen wäre! Meine Augen wollten einfach nicht mehr aufbleiben. Plötzlich stupste eine nasse Schnauze gegen meine Hand. Genervt schob ich sie weg. Aber die Schnauze kam wieder, diesmal energischer, mit zwei freundlichen, bittenden Augen dahinter.
Schnauze und Augen gehörten zu meinem Hund Jack. Und er hatte das getan, was er tun sollte. Jack ist mein Diabetes-Warnhund. Das heißt: Er wird einer, wenn er im Sommer die Prüfung besteht. Bis jetzt macht er sich sehr gut: Nach seinem Stups-Signal habe ich meinen Zucker gemessen. Er lag bei 39 mg/dl (2,2 mmol/l).
Die therapeutische "Steinzeit" hatte auch Vorteile
An ein Leben ohne Diabetes kann ich mich gar nicht erinnern. 1968 ging es bei mir los, in der '"Steinzeit" der Diabetestherapie. Ich hatte zwei Spritzen täglich und feste Zeiten für meine Mahlzeiten. Ziemlich rigide, aber bombensicher: Unterzuckerungen kamen so gut wie nie vor. Überzuckerungen hat man damals sowieso nicht sofort bemerkt, weil es ja noch keine Messgeräte für zu Hause gab. Inzwischen hat sich die Welt ein großes Stück weitergedreht. Seit den Achtzigern verwende ich eine Insulinpumpe. Aber mit den neuen Möglichkeiten kamen, neben großen Erleichterungen, auch ein paar Nachteile: nämlich Blutzuckerschwankungen, mit denen ich irgendwie umgehen musste.
Manchmal musste der Notarzt kommen
Mit der Geburt meiner Kinder wurden diese Ausrutscher zu einem echten Problem. Ich habe Freunde und Nachbarn eingespannt, um in brenzligen Situationen schnell Hilfe zu bekommen. Es hat immer irgendwie funktioniert. Aber manchmal musste trotzdem der Notarzt gerufen werden, von den Kindern oder einem Nachbarn. Mein System war also noch lange nicht perfekt.
Die Lösung kam aus völlig unerwarteter Ecke. Vor vier Jahren hörte ich das erste Mal von "Unterzucker-Warnhunden" in den USA. Dort hatte man Anfang der 90er-Jahre beobachtet, dass manche Hunde ängstlich oder besonders anschmiegsam wurden, dass sie bellten oder winselten, wenn ihr "Frauchen" oder "Herrchen" eine Unterzuckerung bekam. Seitdem werden in den USA Diabetes-Warnhunde trainiert, bei einer Unterzuckerung Alarm zu schlagen und notfalls Hilfe zu holen.
Ich war elektrisiert von dieser Idee. Und meine Söhne wünschten sich sowieso seit Jahren einen Hund. Das hatte ich immer abgelehnt – die Arbeit, die Zeit, wir leben in der Großstadt! Aber ein Diabetes-Spürhund könnte meine Söhne aus der Verantwortung befreien, dachte ich mir.
Welpen auf dem Prüfstand
So saß ich dann im Herbst 2008 bei einer Hundezüchterin inmitten wuselnder Hundebabies. Ich hatte einen Platz in der ersten deutschen Ausbildungsstätte für Diabetes-Spürhunde ergattert. Es sollte bald losgehen, und einer dieser kleinen Gesellen sollte mein Hund werden. Von der Hundeschule hatte ich eine Liste mit geeigneten Rassen bekommen: Möpse oder Boxer eignen sich nicht, Pudel dagegen sehr.
Ich entschied mich für einen Collie, weil sie als intelligent und familienfreundlich gelten, und eine richtig lange Nase haben – ideal fürs Spürhund-Training! Die Entscheidung über den richtigen Kandidaten fällten die beiden Ausbilderinnen. Jeden Welpen prüften sie auf seine Eignung: ob er einen Gegenstand mit der Nase oder den Augen suchte, wie er reagierte, wenn man ihn erschreckte, ob er neugierig oder zurückhaltend war. Gewinner war Jack: der Hund, den ich mir gleich am Anfang ausgeguckt hatte.
Ob Jack in der Lage sein würde, Unterzuckerungen zu erspüren, ließ sich allerdings nicht testen. Diese Fähigkeit musste er von sich aus zeigen. Wenn nicht, würden wir aus ihm keinen Diabetes-Spürhund machen können. Doch nach vier Monaten kam Jack das erste Mal mit vorgestreckter kleiner Hundenase angetrottet, als ich eine "Hypo" hatte. Das war die erste Unterzuckerung, die wir richtig gefeiert haben. Seitdem geht es intensiv voran.
Erst stupsen, dann Alarm schlagen
Von der Hundeschule in Osnabrück bekomme ich eine Liste mit den täglichen Übungen. Einmal im Monat trifft sich unsere Klasse. Auf einer Hundewiese führen wir unsere Trainingserfolge vor und bekommen Hilfe bei Problemen. Wir Hundebesitzer müssen lernen, die Körpersprache der Hunde zu verstehen. Die Hunde müssen zum Beispiel lernen, sich nicht von anderen Hunden ablenken zu lassen. Und bekommen konkrete Aufgaben: Jack soll mich ab einem Blutzucker von 60 mg/dl (3,33 mmol/l) mit der Schnauze anstupsen. Wenn ich nicht mehr reagiere, soll er jemanden alarmieren. Das müssen wir in vielen Einzelschritten trainieren. Jeder Erfolg wird belohnt, bis sich am Ende im Hundekopf alles zusammenfügt.
Ich werde oft gefragt, ob sich der Aufwand lohnt. Es ist natürlich viel Arbeit – und ein bisschen wie ein weiteres Kind im Haus (wobei Jack seine Hausaufgaben mit gleichbleibend riesiger Begeisterung macht). Aber dafür haben meine Kinder keine Angst mehr um mich, ich gehe mehr spazieren – und muss mein Messgerät nicht immer selber suchen. Man verliert ein bisschen Freiheit, aber man gewinnt sehr viel mehr: Sicherheit – und ein neues Familienmitglied!
Doro Horedt / Diabetes Ratgeber;
22.06.2010, aktualisiert am 01.01.2011
Bildnachweis: W&B/Andreas Friese
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