Pikst du noch oder scannst du schon?

Seit November 2014 gibt es einen Zucker-Sensor, der die Messung per Finger-Piks ersetzen soll. Welche Erfahrungen Ärzte und Diabetiker mit dem System gemacht haben und was die Kassen dazu sagen

von Daniela Pichleritsch, aktualisiert am 11.02.2016

Immer wieder piksen kann lästig sein. Blutzucker-Scanner versprechen mehr Komfort

W&B/Creativ Collection

Jede Stunde meinen Zucker kontrollieren: Früher war das undenkbar. Heute ist das Routine!", sagt Martin B. Dabei hat der 60-jährige Typ-1-Diabetiker weder einen Arzt, der ihn zum ständigen Messen verdonnert hat, noch eine Krankenkasse, die ihn großzügigst mit Teststreifen versorgt. B. besitzt ein neuartiges Messgerät, das seit einem Jahr auf dem Markt ist. Ein Sensor, so groß wie eine Zwei-Euro-Münze, an seinem Oberarm misst den Zucker im Unterhautfettgewebe. Den aktuellen Wert kann Martin B. ablesen, indem er einen kleinen Scanner an den Sensor hält.

Das System (Flash Glucose Monitoring, kurz FGM, Handelsname FreeStyle Libre) soll in der Lage sein, die Zuckermessung per Finger-Piks weitgehend zu ersetzen. Kein Wunder, dass es unter Dia­betikern für Furore sorgte. Im Internet-Shop des Herstellers, der bislang einzigen Bezugsquelle, war es binnen weniger Wochen ausverkauft. Gedacht ist das FGM-System vor allem für Diabetiker, die ihre Insulintherapie selbst steuern und dazu häufig ihre Werte kontrollieren müssen.


Diabetiker ist eine "große Erleichterung"

Der Hamburger Diabetologe Dr. Jens Kröger betreut mit seinem Praxisteam bereits rund 70 FGM-Nutzer, überwiegend Typ-1-Diabetiker. "Alle empfinden es als große Erleichterung, ihren Wert jederzeit ablesen zu können", sagt Kröger. Als besonders hilfreich bewerten seine Patienten den "Trend-Anzeiger". Denn der Scanner, mit dem der Wert ausgelesen wird, zeigt auf einem Display mit einem kleinen Pfeil, in welche Richtung sich der Zuckerspiegel momentan entwickelt – und auch, wie schnell die Werte steigen oder fallen.

"So kann man rasch Gegenmaßnahmen einleiten, wenn sich eine Entgleisung anbahnt", sagt Kröger. Das Gerät zeigt zudem bei jedem Scan den Zuckerverlauf der letzten acht Stunden in Form einer Kurve. So lassen sich Hochs und Tiefs aufspüren, die man mit Einzel-Messungen nicht erfasst hat.

Mit den Werten richtig umgehen

Das FGM soll natürlich nicht nur das Finger-Piksen ersparen, sondern auch helfen, die Blutzuckerwerte zu verbessern. "Das klappt nur, wenn man mit den Informationen, die das System liefert, richtig umgeht", sagt Kröger. Theoretisch kann man jede Minute einen aktuellen Wert scannen. Das kann jedoch zu Überreaktionen führen. Etwa, dass man einen ­erhöhten Wert mehrfach mit Insulin korrigiert und sich so in eine Unterzuckerung spritzt.

Wer das FGM-System nutzt, sollte auch wissen, wann zusätzlich eine Messung per Finger-Piks nötig ist. Denn vollständig kann man darauf nicht verzichten. Das FGM misst den Zuckerspiegel im Fettgewebe unter der Haut. Steigt oder fällt der Zuckerspiegel im Blut rasch, dauert es einige Minuten, bis sich der Zuckerspiegel im Fettgewebe angleicht. Wer zum Beispiel den Verdacht hat, dass er gerade unterzuckert, obwohl der gescannte Wert im normalen Bereich liegt, sollte zur Sicherheit einen Blutzuckertest machen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft fordert bereits eine eigene Schulung, um FGM-Nutzer für den Umgang mit dem Gerät fit zu machen.


So funktioniert der Sensor

Der Sensor hat einen Messfühler, den man sich mit einer Setzhilfe unter die Haut sticht. Mit einem Lesegerät (Scanner) wird der Sensor aktiviert. Nach einer Stunde ist er betriebsbereit. Um einen Zuckerwert zu scannen, hält man das Lese­gerät im Abstand von maximal vier Zentimetern an den Sensor. Bei jedem Scan zeigt es den aktu­ellen Wert, den Zuckerverlauf über die letzten acht Stunden und ob der Zucker steigt oder fällt. Der Sensor hält zwei Wochen und kann auch beim Duschen oder Baden getragen werden.


Ein Zucker-Sensor kann das Messen von Blutzucker erleichtert

W&B/Szczesny

Zwar stellt der Hersteller für Praxen und Kliniken Schulungsmaterial zur Verfügung. Ein Schulungsprogramm, das die Kassen finanzieren, gibt es aber noch nicht. Kröger, der seine FGM-Patienten geschult hat, sieht positive Auswirkungen auf die Qualität der Diabeteseinstellung: Unterzuckerungen seien deutlich ­seltener geworden, während sich die Blutzucker-Langzeitwerte (HbA1c-Werte) ver­bessert hätten. Ähnlich sind die Erfahrungen der Münchner Diabetologin Dr. Silvia Zschau, die rund 60 Diabetiker mit einem FGM-System betreut. Die gemessenen Werte sind ihrer Beobachtung nach bei den meisten Patienten tendenziell etwas niedriger als die zur Kontrolle gemessenen Blutzuckerwerte.

Zudem komme es vor, dass ein Sensor erst ein oder zwei Tage, nachdem er gelegt wurde, zuverlässige Werte liefert – eine Erfahrung, die auch Martin B. bestätigt: "Ich hatte schon Sensoren, die die ersten 16 Stunden trotz normaler Blutzuckerwerte nur ‚LO‘, also ‚niedrig‘, angezeigt haben. Umgekehrt lieferten manche Sensoren plötzlich viel zu hohe Werte", sagt der Fotograf. Er legt einen neuen Sensor daher immer einen Tag, bevor der alte Sensor abläuft, und aktiviert ihn erst nach dieser Eingewöhnungszeit.

"Diesen Trick wenden einige FGM-Nutzer an", bestätigt Diabetologe Kröger. Er rät seinen Patienten übrigens, den Sensor abends zu legen, ihn dann sofort zu aktivieren und die Nacht zur "Eingewöhnung" zu nutzen. Es kommt auch vor, dass das Pflaster den Sensor nicht lange genug fixiert. "Dann kann es ein Ausweg sein, ein Extra-Pflas­ter zu verwenden", so Kröger.

Allergie als Nebenwirkung möglich

Problematischer sei es, wenn man eine Allergie auf das Sensorpflaster entwickelt. In diesem Fall sollte man mit seinem Arzt sprechen. Wenn die Hautreaktion nur mild ist, etwa eine leichte Rötung, kann es helfen, vor dem Setzen des Sensors ein Schutzspray auf die Haut zu sprühen. Ansonsten hilft eventuell ein hypoallergenes Pflaster, in das man ein Loch schneidet. Manche Anwender reagieren so stark, dass sie auf den Sensor verzichten.

FGM-Nutzer haben auch schon erlebt, dass der Sensor an Diebstahlschleusen kaputtgeht oder Alarm auslöst. Unklar ist, wie oft solche Probleme auftreten. Der Hersteller empfiehlt, das zuständige Personal zu informieren, bevor man durch eine solche Schleuse geht.
Datenschützern bereitet etwas ganz anderes Kopfzerbrechen. Für das Libre-System gibt es eine Software, mit der man seine Messdaten am Computer verwalten kann. Dabei werden die Daten an die Herstellerfirma in den USA weitergeleitet. Auch B. verwaltet seine Daten am Computer. Sicherheitshalber kappt er seine Internetverbindung, bevor er den Scanner anschließt.


Das Starterpaket mit Scanner und zwei Sensoren kostet 169,90 Euro, ein Sensor für zwei Wochen 59,90 Euro. Bislang beteiligen sich nur wenige Krankenkassen an den Kosten.

Dünne Studienlage

Dass sich viele Kassen mit der Kos­tenübernahme zurückhalten, liegt auch an der dünnen Studienlage. Zur Messgenauigkeit des Libre gibt es nur eine Studie mit 72 Erwachsenen über 14 Tage. Zwei Studien haben untersucht, ob Diabetiker, die das FGM nutzen, bessere Zuckerwerte haben als jene, die nur den Blutzucker messen. Die Ergebnisse werden 2016 erwartet.

Für Martin B. ist die Sache klar: "Seit ich das Libre nutze, ist mein Zucker-Langzeitwert unter sieben gesunken", sagt er. Und was ihm noch viel wichtiger ist: "Ich habe kaum noch Unterzuckerungen."



Bildnachweis: W&B/Creativ Collection, W&B/Szczesny

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