Starke Blutzucker-Schwankungen vermeiden

Zu hoch, zu tief: Manchmal scheint der Blutzuckerspiegel bei Diabetes Achterbahn zu fahren. Welche Ursachen dahinter stecken und wie Sie extreme Schwankungen verhindern
von Daniela Pichleritsch, aktualisiert am 18.11.2016

Manchmal ist es zum "Aus-der-Haut-Fahren". Da geht man abends mit einem normalen Blutzuckerwert ins Bett – und nach dem Aufwachen ist er so hoch, als hätte man in der Nacht tafelweise Schokolade gegessen. Oder der Ärger beginnt nach dem Frühstück: Morgen für Morgen verspeist man die gleiche Menge Müsli. Und dennoch sinkt der Blutzucker danach einmal so tief, dass man zwei Plättchen Traubenzucker hinterherschieben muss. Beim nächsten Mal steigt er so stark, als hätte man eine Tüte Gummibärchen ins Müsli gemischt. Und so weiter.

Dass die Zuckerwerte an manchen Tagen ein gewisses Eigenleben führen, damit muss man als Diabetiker oft leben. Aber was tun, wenn das Messgerät fast nur noch "Ausreißer" zeigt, ob nach oben oder nach unten?

Vor allem Typ-1-Diabetiker leiden häufig unter starken Schwankungen ihrer Werte, während Typ-2er eher davon verschont bleiben. Das hängt damit zusammen, dass der Körper von Menschen mit Typ-2-Diabetes noch eigenes Insulin produziert und starke Anstiege deshalb oft noch abfangen kann.

Dennoch fahren die Werte auch bei ihnen mitunter Achterbahn, ohne dass der Grund sofort auf der Hand liegt. Mit den folgenden Tipps wollen wir Ihnen die Ursachenforschung etwas erleichtern, falls auch Sie sich gerade den Kopf zerbrechen, was mit Ihrem Zucker los ist.

1. Beim Essen verschätzt

Menschen mit Diabetes, die ihre Insulindosis zum Essen selbst berechnen, müssen die Kohlenhydratmenge gut abschätzen können – sonst sind Blutzuckerprobleme programmiert. Den Blick dafür kann man trainieren, indem man kohlenhydrathaltige Lebensmittel wie Kartoffeln, Reis, Nudeln oder Brot vorübergehend abwiegt, so wie am Anfang in der Schulung. Hilfreich sind auch Tabellen mit Portionsgrößen, die einer BE oder KE entsprechen (am besten in Küchenmaßen wie "ein Esslöffel" und mit Fotos). Fragen Sie bei Ihrem Arzt danach. Einen BE/KE-Rechner für Lebensmittel finden Sie hier.

Unterzuckerungen nach dem Essen liegen manchmal daran, dass eine Mahlzeit sehr fett war. Fett verzögert den Transport aus dem Magen in den Darm. Das kann unangenehme Folgen haben, wenn man vor dem Essen Insulin gespritzt hat: Das Insulin wirkt dann schneller, als der Zucker aus den Kohlenhydraten ins Blut gelangt.

Auch Vollkornprodukte verzögern den Blutzuckeranstieg. Das kann man sich zunutze machen, wenn der Zucker nach dem Essen oft in die Höhe schießt: Ein Umstieg auf Vollkornnudeln oder Vollkornreis bewirkt dann oft (kleine) Wunder.

Vor allem bei Typ-1-Diabetikern kann eine fett- und eiweißreiche Mahlzeit (typisch: Steak, Pizza) den Zucker mit einigen Stunden Verspätung steigen lassen – oft ohne dass man eine Verbindung mit dem Essen herstellt, weil sich die Insulindosis ja nur an den Kohlenhydraten orientiert. Der Grund für dieses Phänomen: Auch Fett und Eiweiß werden teilweise in Zucker umgewandelt, was aber sehr langsam vonstattengeht. Im Einzelfall (und wenn man seine regelmäßige Pizza nicht missen möchte) kann es sinnvoll sein, dem Zuckeranstieg mit einem verzögerten "Fett-Eiweiß-Bolus" entgegenzuwirken. Meist funktioniert das aber nur, wenn man eine Insulinpumpe trägt – im Bedarfsfall mit dem Arzt oder der Diabetesberaterin sprechen.

Insulin zum Steak

Insulin auch für Fett und Eiweiß berechnen? »

Auch fett- und eiweißhaltiges Essen kann den Blutzuckerspiegel erhöhen. Diabetespatienten müssen dann unter Umständen mehr Insulin spritzen »

2. Stress

Auch Stress kann den Blutzucker in die Höhe oder in den Keller treiben. "Was das angeht, reagiert jeder anders", sagt der Hamburger Diabetologe Dr. Jens Kröger. Viele seiner Patienten haben an Arbeitstagen höhere Werte als am Wochenende. Ihnen rät er, die Therapie an die "Stresslage" anzupassen. Etwa an Arbeitstagen etwas mehr Basalinsulin zu spritzen.

Blutzucker: Wie viel Schwankung ist normal?

Bei Nicht-Diabetikern sinkt der Blutzucker kaum unter 60 mg/dl (3,3 mmol/l) und steigt nach dem Essen höchstens auf 140 mg/dl (7,8 mmol/l).

 

Bei Diabetes ist nach unten und oben alles offen: Bei extremen Unterzuckerungen kann der Blutzucker unter 20 mg/dl (1,1 mmol/l) sinken und beim diabetischen Koma bis in den Bereich von 1000 mg/dl (55,5 mmol/l) steigen – beides lebensgefährliche Werte, die es unbedingt zu vermeiden gilt.

 

Im Idealfall sollten die Zuckerspiegel bei Diabetes in einem ähnlichen Bereich liegen wie bei Gesunden. Was im Alltag aber selten zu verwirklichen ist. Im Allgemeinen strebt man bei Typ-2-Diabetes Werte von 100 bis 125 mg/dl (5,6 bis 6,9 mmol/l) vor dem Essen an, ein bis zwei Stunden danach sollten sie nicht über 140 bis 199 mg/dl (7,8 bis 11 mmol/l) liegen. Das gilt ähnlich für Typ-1-Diabetes, wobei hier keine routinemäßige Kontrolle nach dem Essen empfohlen wird. "Das hat auch damit zu tun, dass kurzfristige starke Anstiege, die es auch bei gut eingestellten Diabetikern gibt, oft zu einer ‚Überkorrektur‘ mit Insulin führen, die in einer Unterzuckerung mündet", sagt Diabetologe Kröger.


3. Krankheiten

Auch eine Fehlfunktion der Schilddrüse, bei der zu wenig oder zu viel Schilddrüsenhormone produziert werden, kann sich auf die Blutzuckerwerte auswirken. Daher ist es sinnvoll, einmal jährlich beim Arzt den TSH-Wert im Blut messen zu lassen. Dieser verrät, ob das kleine Organ im Hals normal arbeitet. In seltenen Fällen steckt ein Cushing-Syndrom hinter den rät­selhaften Zuckerschwankungen. Dann befindet sich zu viel Kortison im Blut und treibt den Zucker in die Höhe. Der Grund ist meist die regelmäßige Einnahme eines kortisonhaltigen Medikaments, manchmal auch eine Überproduktion von Kortison durch die Nebennieren. Wichtig: Wer wegen einer Krankheit, etwa Rheuma, Kortison benötigt, darf dieses keinesfalls absetzen oder die Dosis verringern, ohne mit dem Arzt zu sprechen.

4. Gewebsverhärtungen

Bei Diabetikern, die Insulin spritzen, sind Gewebsverhärtungen unter der Haut einer der häufigsten Gründe für schwankende Blutzuckerwerte. Sie entstehen, wenn man Insulin immer wieder in die gleiche Stelle spritzt. Dann gelangt es nicht mehr gleichmäßig ins Blut. Diabetologe Kröger inspiziert bei allen Insulin-Patienten einmal im Quartal die Spritzstellen und rät dazu, diese selbst regelmäßig auf Veränderungen abzutasten. Um vorzubeugen, sollte man für jede Injektion die Einstichstelle und die Nadel wechseln.

5. Hormone

Die Pubertät ist, auch was den Diabetes betrifft, eine unruhige Zeit. Das liegt nicht nur daran, dass Jugendliche in dieser Phase ihren Diabetes oft vernachlässigen. Sondern auch an Hormonen, die dem Insulin entgegenwirken. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass der Zucker in den Morgenstunden stark steigt. In diesem Fall kann der Umstieg vom Pen auf die Pumpe sinnvoll sein. Pumpenträger können ihr Gerät so einstellen, dass es frühmorgens mehr Insulin abgibt. Bei manchen Frauen schwanken die Werte vor allem an den Tagen vor der Periode, was vermutlich ebenfalls an Hormonen liegt. Daran lässt sich nur mit einer flexiblen Anpassung der Insulindosis etwas ändern.

6. Insulin oder Medikamente

Mitunter sind die Diabetesmedikamente schuld, wenn der Zucker Achterbahn fährt. Beispielsweise führen Tabletten aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe eher zu Unterzuckerungen als andere Diabetesmedikamente. Wer ein Sulfonylharnstoff-Präparat nimmt und oft zu tiefe Werte hat, sollte mit dem Arzt über den Umstieg auf Tabletten sprechen, die das Unterzuckerrisiko nicht erhöhen.

Spritzt man zum Essen Normalinsulin und hat danach immer zu hohe Werte, dann könnte der Wechsel auf ein schnell wirkendes Analoginsulin helfen. "Manchmal reicht es, nach der Insulingabe ein paar Minuten zu warten, bevor man mit dem Essen anfängt", sagt Diabetologe Kröger. Keinesfalls solle man den Fehler begehen, wegen eines nach dem Essen erhöhten Wertes gleich noch mal Insulin zu spritzen. Weil das vor dem Essen gespritzte Insulin ja auch noch im Blut ist, kann das zu Unterzuckerungen führen.

Sind die Morgenwerte immer wieder zu hoch, sollte man seinen Blutzucker vorübergehend auch mal zwischen zwei und vier Uhr morgens kontrollieren. Mitunter hat man im Schlaf eine Unterzuckerung, ohne es zu merken. Dann schüttet der Körper blutzuckersteigernde Hormone aus – mit der Folge, dass der Wert danach erhöht ist. Steigt der Blutzucker ab etwa vier Uhr früh an, kann das auch bedeuten, dass die Dosis des am Vorabend gespritzten Insulins oder der Diabetes-Tabletten um diese Zeit nicht mehr ausreicht.

In jedem Fall ist es ratsam, die Dosis des abends genommenen Medikamentes oder Insulins mit dem Arzt zu überprüfen. Wer zur Nacht herkömmliches Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin) spritzt und ständig hohe Morgenwerte hat, dem kann der Wechsel auf ein lang wirkendes Analoginsulin helfen. Manchmal reicht es auch, das NPH-Insulin später zu spritzen (etwa erst um 23 Uhr). Damit die Wirkung möglichst lange anhält: NPH-Insulin immer in den Oberschenkel spritzen.

7. Bewegung

Körperliche Aktivität verbessert die Insulinwirkung und senkt den Blutzucker. An sich eine gute Sache. Wer aber Insulin spritzt oder ein Sulfonylharnstoff-Präparat einnimmt und vorher die Dosis nicht anpasst, riskiert eine Unterzuckerung. Weil noch viele Stunden nach anstrengender Bewegung mehr Zucker in die Muskeln geschleust wird,  kann es auch zu "verspäteten" Unterzuckerungen kommen. Daher ist es besonders wichtig, nach intensivem Sport den Zucker häufiger zu kontrollieren und mit einem etwas höheren Wert ins Bett zu gehen, um nächtliche Zuckertiefs zu verhindern.

Starke Schwankungen: Checkliste für Zuckerdetektive

Was steckt hinter schwankenden Werten? Die Checkliste hilft, es herauszufinden.

  • Zu tiefe Werte durch Tabletten? Sulfonylharnstoff-Präparate erhöhen das Unterzucker-Risiko, wenn man wenig Kohlenhydrate isst oder Mahlzeiten auslässt.
  • Fehler beim Insulin­spritzen? Wenn Sie immer in die gleiche Stelle spritzen, verändert sich diese, sodass das Insulin ungleichmäßig ins Blut gelangt.
  • Kohlenhydrate richtig abgeschätzt? Wer Insulin spritzt und sich beim Kohlenhydratgehalt verschätzt, hat danach zu hohe oder zu tiefe Werte.
  • Auffrischung nötig? Vielleicht hilft eine geziel­te Schulung, das Diabetes-Management im Alltag zu verbessern und Schwankungen zu verhindern. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber!
  • Schilddrüse schuld? Funktionsstörungen der Schildrüse kommen bei Diabetes häufiger vor und können die Zuckerwerte durcheinanderbringen. 
  • Diabetes-Tagebuch: Dokumentieren Sie Ihre Werte und alles, was diese beeinflussen könnte – das hilft, Schwankungen auf den Grund zu gehen. Hier finden Sie ein Blutzuckertagebuch zum Ausdrucken.

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