Wenn Zuckerwerte bei Diabetes entgleisen

Zu hoch oder zu tief: Extreme Blutzuckerwerte können bei Diabetes gefährlich werden. Was bei einer Unterzuckerung oder Ketoazidose zu tun ist

von Dr. Sabine Haaß, aktualisiert am 21.12.2016

Zittern, schwitzen, Kopfweh: Dahinter kann eine Unterzuckerung stecken

Shotshop/Danstar

Am schlimmsten fand Harald R. das endlose Tatütata des Rettungswagens, der ihn in die Klinik brachte. Und die Muskelschmerzen, die ihn wochenlang plagten – Nachwehen eines Krampfanfalls, den er bei seiner schweren Unterzuckerung erlitten hatte. Dabei war der Samstag bis dahin eigentlich sehr erfreulich verlaufen: erst eine lange Radtour, dann Kaffee und Kuchen. "Abends wollten wir noch zum Griechen", erinnert er sich. "Natürlich mit dem Fahrrad." Doch dann kam alles anders.

Notfall Unterzuckerung

Als das Ehepaar eine Straße überquerte, begann der 47-jährige Typ-1-Diabetiker plötzlich zu zittern. Harald R. hörte noch, dass seine Frau etwas rief. Dann verlor er das Bewusstsein – glücklicherweise auf einer Verkehrsinsel. Erst im Rettungswagen erwachte er wieder, im Arm eine Kanüle. Der Notarzt hatte ihm gerade eine Glukosespritze verpasst.


Fast jeder Mensch mit Diabetes, der Insulin spritzt oder zucker­senkende Tabletten schluckt, hat zumindest gelegentlich Unterzuckerungs-Probleme. Doch meist verlaufen Hypoglykämien glimpflich. Denn wer bei den ersten Zeichen wie Zittern, Schwitzen oder plötzlichem Heißhunger (siehe unten) ein paar Traubenzuckerplättchen zu sich nimmt, bringt seinen Wert gewöhnlich schnell wieder in Ordnung. Schwere Unterzuckerungen sind eher die Ausnahme. "Von einer schweren Unterzuckerung spricht man, wenn ein Diabetiker sich nicht mehr selbst helfen kann", sagt Professor Michael Nauck, Leiter der klinischen Forschung der Abteilung für Diabetologie am St. Josef-Hospital in Bochum. Typ-1-Diabetikern passiert das statistisch etwa einmal in zehn Jahren. "Bei Typ-2-Diabetes sind schwere Unterzuckerungen noch seltener", so Diabetologe Nauck.

Unterzuckerung: Ursache ist oft ein Dosierfehler

Die Ursachen von Hypoglykämien sind vielfältig: Mal hat man seine Diabetestabletten geschluckt, aber anschließend das Essen vergessen. Oder versehentlich die doppelte Dosis eingenommen. Das kann vor allem bei Tabletten aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe zu schweren Unterzuckerungen führen, da sie die Insulin­ausschüttung unabhängig von der Höhe des Blutzuckerspiegels stimulieren. Andere Diabetesmedikamente sind in dieser Hinsicht weniger problematisch, weil sie anders wirken – ­etwa die Insulinfreisetzung nur anregen, wenn man Kohlenhydrate gegessen hat. Bei Dia­betikern, die Insulin spritzen, sind ebenfalls häufig Fehler beim Dosieren oder beim Einschätzen des Kohlenhydratgehaltes für eine Unterzuckerung verantwortlich.

Die schwere Hypoglykämie von Harald R. hatte eine andere Ursache. Nach längerem Sport kann es noch Stunden später zu Unterzuckerungen kommen, weil die Muskeln ihre Energiespeicher wieder auffüllen und Zucker aus dem Blut abziehen. Um ein zu starkes Abfallen des Zuckerspiegels zu verhindern, sollte man seine Insulin- oder Tablettendosis daher rechtzeitig verringern und seine Werte vorübergehend häufiger kontrollieren.

Alkohol kann zu Unterzuckerungen führen

Auch alkoholische Getränke können den Blutzucker mit zeitlicher Verzögerung absinken lassen. Der Grund: Wenn die Leber Alkohol abbaut, kann sie eine andere wichtige Aufgabe nicht erfüllen. Als Zuckerspeicher-Organ ist sie nämlich daran beteiligt, die Energieversorgung des Körpers rund um die Uhr sicherzustellen und Unterzuckerungen zu verhindern. Daher ist es wichtig, seine Insulin- oder Tablettendosis anzupassen (wer Insulin spritzt, sollte die im alkoholischen Getränk enthaltenen Kohlenhydrate unberücksichtigt lassen!) und seinen Zuckerwert sorgfältig im Auge zu behalten. Nach abendlichem Alkoholkonsum nimmt man lieber einen etwas höheren Wert vor dem Schlafengehen hin, um eine nächtliche Unterzuckerung zu verhindern.

Bei Unterzucker schnell handeln

Abfallende Zuckerspiegel fängt der Körper meist durch eine ausgeklügelte Gegenreaktion ab. "Sinkt der Blutzucker unter etwa 65 mg/dl (3,6 mmol/l), werden Hormone wie Adrenalin ausgeschüttet", sagt Diabetologe Nauck. Sie bewirken, dass die Leber Zucker ins Blut abgibt. Auch die typischen Hypo-Warnzeichen wie Zittern, Schwitzen oder Herzklopfen sind eine Folge der Hormone.

Wer als Diabetiker solche Symptome spürt, sollte rasch zu schnell wirkenden Kohlenhydraten, etwa Traubenzucker oder Limonade, greifen und seinen Blutzucker kontrollieren. Ander­n­falls kann dieser immer weiter abrutschen – bis auch dem Gehirn die Energie ausgeht. Typische Hinweise sind zum Beispiel plötzliche Konzentrationsschwäche, Sprach- und Sehprobleme oder Verhaltensstörungen wie Albernheit oder Aggressivität. Bei Werten unter etwa 30 mg/dl (1,7 mmol/l) drohen Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit.

Bewusstlosen nichts einflößen

Wichtig: "In diesem Zustand darf man einem Menschen mit Diabetes keinesfalls etwas einflößen", warnt Experte Nauck. Es könnte in die Luftröhre geraten und lebensgefährliche Komplika­tionen verursachen. Wer ein hohes Risiko für schwere Unterzuckerungen hat, kann sich vom Arzt eine Notfall-Spritze verschreiben lassen. Sie enthält ein Hormon (Glukagon), das den Blutzucker schnell erhöht.


Drei gefährliche Stoffwechselentgleisungen bei Diabetes

Notfall Ketoazidose

Eine ebenfalls seltene Komplikation ist die diabetische Ketoazidose. Darunter versteht man eine Übersäuerung des Körpers infolge eines Insulinmangels. Betroffen sind fast nur Menschen mit Typ-1-Diabetes: Ihre Bauchspeicheldrüse produziert, anders als beim Typ 2, meist gar kein Insulin mehr. Zu einer Ketoazidose kommt es vor allem dann, wenn plötzlich der Insulin-Nachschub ausbleibt. Etwa weil der Katheter einer Insulinpumpe unbemerkt herausgerutscht ist. Ohne Insulin gelangt der Zucker nicht in die Zellen, die dadurch in "Energienot" geraten. Der Stoffwechsel versucht nun, auf andere Weise an Treibstoff zu kommen – vor allem indem er die eigene Zuckerproduktion ankurbelt und zur Energiegewinnung Fett abbaut. Was aber nur bedingt hilft und eine gefährliche Nebenwirkung hat. Denn dabei fallen saure Ketonkörper an, die den Körper überfluten und regelrecht vergiften können.

Warnzeichen einer Ketoazidose sind Symptome wie Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen bei gleichzeitig erhöhten Blutzuckerwerten (meist über 250 mg/dl bzw. 14 mmol/l). Der Körper scheidet vermehrt Zucker über den Urin aus, was zu Flüssigkeitsverlusten führt. Dadurch werden Haut und Schleimhäute trockener, der Puls beschleunigt sich. Ein typisches Azidosezeichen ist es, wenn der Atem nach fauligem Obst oder Nagellackentferner riecht. Dazu kommt es, wenn der Körper die sauren Ketone über die Atemluft loszuwerden versucht. Im fortgeschrittenen Stadium wird der Betroffene zunehmend benommen und schläfrig und kann schließlich in eine tiefe Bewusstlosigkeit sinken.

Be einer Ketoazidose nicht zögern, den Arzt zu holen!

Beim ersten Verdacht auf eine Ketoazidose sollte jeder Typ-1-Diabetiker sofort einen Urintest auf Keton machen. Entsprechende Teststreifen lässt man sich auf Vorrat verschreiben. Die Verfärbung des Testfeldes nach einer Minute vergleicht man mit der Tabelle auf dem Behälter. Ein zwei- oder dreifach positiver Wert (++ oder +++) erfordert umgehendes Handeln. Je nachdem, was mit dem Arzt vereinbart wurde, spritzt man sich dann zum Beispiel den doppelten Korrekturbolus (die Insulinmenge, die nötig wäre, um den erhöhten Blutzucker zu korrigieren) oder 20 Prozent der gesamten Insulin-Tagesdosis als schnell wirkendes Insulin.

Außerdem heißt es jetzt: viel trinken, körperliche Aktivität einstellen und den Blutzucker im Abstand von etwa einer Stunde kontrollieren. Besonders wichtig: Angehörige informieren, dass es einem nicht gut geht. Bei anhaltenden Symptomen und der geringsten Unsicherheit darf man nicht zögern, sofort den Notarzt (112) zu holen. Denn eine Ketoazidose ist, wird sie nicht rasch und konsequent behandelt, ein potenziell lebensgefährlicher Notfall.

Notfall hyperosmolare Entgleisung

Ein weiterer Notfall, ebenfalls sehr selten, ist das "hyperosmolare  Koma". Gefährdet sind vor allem ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes. Der Blutzucker steigt langsam immer höher (meist über 600 mg/dl bzw. 33,6 mmol/l), während der Körper durch die verstärkte Urinproduktion viel Flüssigkeit verliert. "Dazu kommt, dass viele ältere Menschen auch in dieser Situation kein ausreichendes Durstgefühl haben und zu wenig trinken", sagt Dr. Andrej Zeyfang, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Geria­trie am Agaplesion Bethesda Krankenhaus Stuttgart. Der Flüssigkeitsverlust führt zu Kreislaufproblemen, im weiteren Verlauf kann es durch Veränderungen im Mineralhaushalt und den Flüssigkeitsmangel zu Symptomen wie Zittern, Muskelzuckungen, Verwirrtheit und zunehmender Eintrübung bis hin zum Koma kommen.

Manchmal entwickelt sich die schwere Stoffwechselentgleisung auch "still und leise". So wie bei dem 65-jährigen Typ-2-Diabetiker Johann K. "Ich hatte meinen Diabetes vernachlässigt und die Tabletten längere Zeit weggelassen, weil ich mich gut fühlte", sagt er. Bis es dann plötzlich ganz schnell ging. "Erst konnte ich meinen Rollstuhl nicht mehr richtig steuern und fuhr wie besoffen", erinnert er sich. "Dann kamen Schwindel, Sehstörungen und Krämpfe in den Händen dazu." Im Krankenhaus päppelten ihn die Ärzte mit Infusionen und Insulin wieder auf. "Das passiert mir in Zukunft nicht mehr", sagt Johann K. zuversichtlich. "Die Tabletten weglassen, nur weil ich mich gut fühle – das kommt für mich garantiert nicht mehr infrage!"



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