Tiefschläge im Leben und dazu Diabetes - diese Kombination erhöht das Risiko für eine Depression dramatisch
Bis heute weiß man nicht genau, wie eine Depression entsteht. Vermutlich spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Dazu zählen neben traumatisierenden Erfahrungen in der Kindheit und Schicksalsschlägen auch erbliche Veranlagungen und körperliche Erkrankungen – wie vor allem Diabetes.
"Diabetes vom Typ 1 oder 2 verdoppelt das Risiko, an einer Depression zu erkranken", sagt Psychologe Dr. Bernhard Kulzer vom Diabetes Zentrum Mergentheim. "Untersuchungen zeigen, dass jeder dritte bis vierte Diabetiker eine unterschwellige oder manifeste Depression hat."
Über die Gründe rätseln Experten seit Langem. Die einfache Erklärung, ein Leben mit Diabetes müsse schon wegen der ständigen Sorge um die Blutzuckerwerte und die möglichen Folgekrankheiten depressiv machen, greift zu kurz. Was sich auch daran zeigt, dass der Zusammenhang zwischen der Gemüts- und der Stoffwechselkrankheit umgekehrt genauso gilt: Depressive Menschen bekommen häufiger Diabetes als Menschen ohne Depressionen. "Wahrscheinlich spielen dabei viele Faktoren eine Rolle", vermutet Professor Johannes Kruse, leitender Oberarzt an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Rheinischen Kliniken Düsseldorf.
Im Verdacht haben Experten Stresshormone, wie etwa das Cortisol. Es beschleunigt den Herzschlag und die Atmung, jagt den Blutdruck und den Blutzuckerspiegel hoch. Cortisol hilft dem Körper, in Belastungs-Situationen angemessen zu reagieren. Im Gegensatz zu anderen Stresshormonen wie beispielsweise dem Adrenalin, wird es jedoch vergleichsweise langsam wieder abgebaut. Es gibt Hinweise darauf, dass depressive Menschen mehr Cortisol im Blut haben als psychisch gesunde. Ein Zeichen für jahrelangen, oft unbemerkten Dauerstress?
Depression als erlernte Hilflosigkeit
Fachleute diskutieren schon lange, ob Depressionen Spätfolgen eines Kindheitstraumas sind, das sich in Sekundenbruchteilen, durch eine Katastrophe, oder über viele Jahre hinweg, etwa durch Gewalt und Misshandlung, ins Hirn gegraben hat. "Hier sind noch viele Fragen offen", sagt Johannes Kruse. "Und natürlich können Menschen mit einer unauffälligen Kindheit ebenfalls an Depressionen erkranken."
Klar ist: Traumatisierende Erfahrungen haben oft eine gemeinsame Botschaft für die Betroffenen. Sie lautet: "Du kannst nichts tun! Wenn es darauf ankommt, bist du hilflos!" Eine Botschaft, die sich auf das ganze Leben auswirkt. Typische Folgen sind das Gefühl, wie gelähmt zu sein, innere Anspannung, eine hohe Stressanfälligkeit. Psychologen vermuten, dass dieses Modell der "erlernten Hilflosigkeit", wie sie es nennen, eine zentrale Rolle bei der Entstehung depressiver Störungen spielt.
Dr. Christina Corente / Diabetes Ratgeber;
11.11.2009, aktualisiert am 29.11.2011
Bildnachweis: PhotoDisc/RYF
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