Es gibt zahlreiche Gründe dafür, dass bei einer Therapie, die lange Zeit gut funktioniert hat, plötzlich der Blutzucker tagsüber zu hoch ist. Zunächst muss geklärt werden, ob der Körper jetzt tatsächlich mehr Insulin benötigt als vorher (Bedarfsänderung), oder ob sich unbemerkt Fehler oder Nachlässigkeiten eingeschlichen haben (unbemerkte Therapieänderung), die den Erfolg der Behandlung beeinträchtigen. Denn derartige Störgrößen lassen gar nicht so selten eine bisher gut funktionierende Therapie aus dem Ruder laufen.
Wenn die lange Zeit gespritzten Einheiten nicht mehr wie gewohnt den Blutzucker senken, sollte zunächst das Körpergewicht überprüft werden. Kann es sein, dass Sie im Urlaub zugenommen haben? Da jedes zusätzliche Kilogramm zusätzliches Insulin benötigt, kann es schnell zu einem Mehrbedarf von einigen Einheiten kommen. Überlegen Sie, ob der hohe Blutzucker durch zu wenig Bewegung verursacht sein könnte. Waren Sie vielleicht im Urlaub körperlich sehr aktiv und haben deshalb das Insulin reduziert, aber anschließend versäumt, wieder auf die alte Dosierung zu wechseln? Oder bewegen Sie sich nach dem Urlaub weniger als vorher? Wenn zum Beispiel während der kalten Jahreszeit das Fahrrad für den Weg zur Arbeit durch Bus oder Straßenbahn ersetzt wird, kann das zum Frühstück einige Einheiten Insulin mehr erfordern.
Sind Sie in letzter Zeit mehr gestresst? Dauerstress am Arbeitsplatz und ganz besonders in der Familie kann durch Aktivierung der Stresshormone zu anhaltend hohen Blutzuckerwerten führen.
Benötigen Sie seit einiger Zeit ein Medikament? Dann fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, ob es eine den Blutzucker steigernde Wirkung hat. Dies ist zum Beispiel bei Cortisonpräparaten der Fall, die bei schweren Formen von Asthma, Allergien oder rheumatischen Erkrankungen eingesetzt werden. Um den durch Cortison ausgelösten Blutzuckeranstieg aufzufangen, ist eine drastische Steigerung der Insulindosis erforderlich.
Fühlen Sie sich so gesund wie sonst auch? Zahlreiche Erkrankungen können sich, auch wenn sie noch gar nicht richtig wahrgenommen werden, ungünstig auf den Stoffwechsel auswirken. Vor allem nach Fernreisen sollte auch an diese Möglichkeit gedacht werden.
Kommen wir zu möglichen Therapiefehlern:
Könnte es sein, dass Ihr Insulinvorrat während der Reise durch Hitze oder Kälte geschädigt worden ist? Temperaturen über 40° C werden im Sommer schnell erreicht, wenn Insulin im Auto oder Rucksack transportiert wird. Im Winter sind es Minusgrade, die die Wirksamkeit des Insulins beeinträchtigen. Tauschen Sie versuchsweise Ihre gerade benutzten Patronen oder Ampullen gegen Insulin, das Sie nicht im Urlaub dabei hatten.
Spritzen Sie schon länger in immer dieselben, längst verhärteten Injektionsstellen? Mit der Zeit vernarbt das Gewebe, hier hinein gespritztes Insulin kommt kaum noch heraus, zum Teil wird es an Ort und Stelle abgebaut. Weichen Sie auf bisher wenig genutzte Injektionsareale aus und beobachten Sie, ob sich die Blutzuckerwerte dadurch ändern. Übrigens ist die Insulinverteilung auch gestört, wenn das Insulin zu flach oder mit zu kurzen Kanülen gespritzt wird. Da die Auswirkungen einer nicht korrekten Injektion gravierend sein können, überprüft in vielen diabetologischen Schwerpunktpraxen die Diabetesberaterin routinemäßig die Injektionstechnik.
Haben Sie nach dem Urlaub Ihre Ernährung umgestellt? Trotz gleicher Kohlenhydratmenge kann es zu hohen Blutzuckerwerten kommen, wenn ein langsam ins Blut gehendes Frühstück – zum Beispiel Vollkornbrot oder Müsli mit Früchten – durch Baguette oder Cornflakes ersetzt wird. Ohne Änderung des Spritz-Ess-Abstandes oder auch der Insulindosis dürfte der Blutzucker ziemlich steigen und vielleicht sogar noch vor dem Mittagessen in ungewohnten Bereichen liegen. Ein über viele Stunden erhöhter Blutzucker könnte zudem die Insulinwirkung bremsen, so dass die gewohnte Korrekturdosis nicht ausreicht und die unbefriedigende Stoffwechselsituation weiterbesteht. Naschen Sie vielleicht in letzter Zeit ständig kleine, eigentlich nicht anzurechnende Häppchen Gemüse, Wurst, Käse oder auch zuckerfreie Diätprodukte? Oder nehmen Sie immer wieder einen Schluck aus der Flasche mit der Diätlimo? Dadurch können im Laufe eines Tages Mengen zusammenkommen, die dann doch den Blutzucker steigen lassen.
Wenn Sie alle diese Fehlermöglichkeiten und Störeinflüsse ausschließen oder durch entsprechende Maßnahmen beseitigen können, der Blutzuckerverlauf aber weiter unbefriedigend bleibt, sollten Sie unbedingt ihrem Diabetologen das Stoffwechselprotokoll der letzten Monate vorlegen. Sofern er nicht die Ursache erkennt, dürfte er an eine Zunahme des Insulinbedarfs denken, zur weiteren Abklärung aber vorher einen Basalratentest vorschlagen. Mit dem Basalratentest lässt sich erkennen, ob das Langzeitinsulin richtig dosiert ist, das den von Mahlzeiten unabhängigen Ruhestoffwechsel steuert.
Der Begriff “Basalratentest“ stammt ursprünglich aus der Insulinpumpenbehandlung. Inzwischen wird dieser Test aber bei jeder Form der intensivierten Insulintherapie eingesetzt, da nun mal die bedarfsgerechte Versorgung des Ruhestoffwechsels die Basis der Behandlung ist. Ein Basalratentest sollte immer dann durchgeführt werden, wenn ohne erkennbaren Grund der Blutzucker länger als nur ein paar Tage ständig das Ziel verfehlt und der Verdacht auf eine Änderung des Insulinbedarfs besteht.
Gestartet wird morgens. Voraussetzung ist allerdings ein Blutzuckerwert im Zielbereich. Die Injektion des Mahlzeiteninsulins entfällt, gespritzt wird zu den üblichen Zeiten nur das Langzeitinsulin. Bis zum Mittag darf nichts gegessen werden, auch körperliche Betätigung muss unterbleiben, erlaubt sind aber kohlenhydratfreie Getränke. Zur Kontrolle des Blutzuckerverlaufs wird alle zwei Stunden getestet.
Sollte bei Ihnen der Blutzucker zwischen früh und mittags steigen, würde das auf eine zu niedrige Dosis des Langzeitinsulins deuten, ein deutlicher Blutzuckerabfall hingegen auf eine Überdosierung. An einem der folgenden Tage wird dann von mittags bis abends und schließlich von abends bis früh gefastet, jeweils ohne das Mahlzeiteninsulin zu spritzen. Ein Basalratentest am Stück über 24 Stunden sollte nicht durchgeführt werden. Denn bei dieser Fastendauer ist die Gefahr groß, dass durch einsetzenden Fettabbau Ketonkörper entstehen, die in größerer Menge die Insulinwirkung so bremsen, dass der Blutzucker steigt und der Test nicht verwertbar ist.
Deckt der Basalratentest Blutzuckeranstiege auf, reicht also die Insulinwirkung nicht aus, wird das Defizit durch eine Dosissteigerung des lang wirkenden Insulins um 10 bis höchstens 20 Prozent ausgeglichen. Änderungen in dieser Größenordnung brauchen allerdings Zeit, bis sie sich auswirken. Deshalb sollte eine erneute Dosissteigerung frühestens nach drei Tagen – bei lang wirkenden Analoginsulinen nicht vor fünf Tagen – erfolgen, falls der Blutzucker sich nicht stabilisiert. Gegebenenfalls lässt sich durch Wiederholung des Tests der Erfolg der Dosisänderung überprüfen.
Zeigt sich dagegen ein ausgeglichener Blutzuckerverlauf über alle drei Phasen, stimmt also die basale Insulinversorgung, dann dürfte das zu den Mahlzeiten gespritzte schnell wirkende Insulin zu niedrig dosiert sein. Deshalb wird der Diabetologe dann anhand der Daten Ihres Stoffwechselprotokolls die Insulin-Kohlenhydrat-Faktoren und die Korrektur erhöhter Blutzuckerwerte überprüfen und erforderliche Änderungen besprechen.
Für Blutzuckerwerte, die sich nach einer über lange Zeit erfolgreichen Therapie ständig außerhalb des Zielbereichs bewegen, gibt es eine Vielzahl unterschiedlichster Ursachen. Die hier angesprochenen sind nur eine Auswahl. Auch erfahrene Diabetespatienten sind nicht vor so einer Situation gefeit. Wer dann nicht mehr weiter weiß, sollte lieber seinen Diabetologen um Rat fragen als auf eigene Faust zu sehr an der Dosierschraube zu drehen.
Dr. med. Bernd Regling, Diplom-Psychologe und Diabetologe (DDG), Experte der "Sprechstunde Diabetes", in der Sie interessante Fragen, Antworten und Tipps finden, speziell auch zu Diabetes Typ 1
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30.09.2009, aktualisiert am 15.03.2011
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