In der Regel sollten Patienten ihren Blutzuckerspiegel mit Hilfe der Insulinbehandlung gut im Griff haben. Vielfältige Faktoren wie Therapiefehler, Infekte, Medikamente (besonders Cortison) oder Nachlässigkeit können den Blutzuckerverlauf so beeinflussen, dass eine akute Komplikation auftritt, die durchaus lebensbedrohlich werden kann. Dabei sind Entgleisungen des Blutzuckers nach oben (Hyperglykämie) und nach unten (Hypoglykämie, Unterzucker) zu unterscheiden.
Ein Blutzucker oberhalb des Normbereichs verursacht zunächst keine Beschwerden. Auftretende Symptome werden leicht falsch gedeutet. So kann es bei zu seltenen Blutzuckerselbstkontrollen Tage bis Wochen dauern, bis aus einer nicht bemerkten oder nicht behandelten Hyperglykämie eine Übersäuerung (Ketoazidose) oder sogar ein diabetisches Koma wird. Nähere Informationen zur Ketoazidose siehe Kapitel "Symptome". Ein Diabetiker mit fortgeschrittener Ketoazidose muss stationär behandelt werden. Ein diabetisches Koma ist ein sehr ernster Zustand. Es kann tödlich verlaufen, selbst wenn die Behandlung auf der Intensivstation erfolgt.
Eine Blutzuckereinstellung nahe am Normbereich hat aber auch ihre Risiken. Je niedriger der Blutzuckerverlauf, umso höher ist die Gefahr von Unterzuckerungen. Von einer Unterzuckerung spricht man, wenn der Blutzuckerspiegel unter einen Wert von 50 mg/dl (2,7 mmol/l) fällt. Häufige Ursachen sind Fehler beim Messen oder Spritzen, ein falsch eingeschätzter Kohlenhydratgehalt sowie ein zu großer Abstand zwischen Insulininjektion und nachfolgender Mahlzeit. Auch größere körperliche Anstrengungen oder eine vergessene Mahlzeit können Unterzucker zur Folge haben.
Alkohol ist für Typ-1-Diabetiker ebenfalls nicht unproblematisch: Baut die Leber Alkohol ab, kann sie weniger Zucker ins Blut abgeben. So kann der Blutzucker einige Stunden nach dem Alkoholgenuss in einen gefährlichen Bereich sinken. Da viele Menschen Alkohol vor allem abends trinken, entsteht die Unterzuckerung häufig nachts, ohne dass die Betroffenen gegensteuern können. Wer Bier oder Wein trinkt, sollte seine Insulindosis entsprechend anpassen, weniger spritzen und zur Vorbeugung einer nächtlichen Unterzuckerung zusätzliche Kohlenhydrate einnehmen.
Frühe Symptome einer Unterzuckerung sind Schweißausbrüche, Blässe, Schwächegefühle oder Herzklopfen. Später treten Seh- und Sprachstörungen, Angst und Heißhunger auf. Schlussendlich sind die Betroffenen nicht mehr in der Lage, sich selbst zu helfen. Bewusstlosigkeit und Krampfanfälle sind möglich.
Das richtige Verhalten bei Unterzuckerungen ist Bestandteil jeder Schulung. Patienten lernen, Symptome möglichst früh zu erkennen, im Zweifel sofort den Blutzucker zu testen (bei ersten Anzeichen) und Kohlenhydrate zuzuführen, die den Blutzucker schnell anheben. Da steht an erster Stelle Traubenzucker. Jeder mit Insulin behandelnde Diabetiker sollte einige Plättchen griffbereit haben, tagsüber und auch nachts. Traubenzucker am besten mit Flüssigkeit einnehmen, damit er schneller ins Blut übergeht. Übliche Limonaden und Colagetränke (keine light-Produkte!) oder auch Obstsäfte sind brauchbare Alternativen. Fetthaltiges Naschwerk wie Schokolade oder Marzipan ist weniger geeignet, weil Fett die Aufnahme ins Blut verzögert. Ein Blutzucker-Test sollte der notfallmäßigen Einnahme von Kohlenhydraten folgen (Hände waschen nicht vergessen).
Tatsächlich ist es aber gar nicht so einfach, die ersten Anzeichen einer Unterzuckerung zuverlässig zu erkennen. Individuell unterschiedlich treten sie bereits bei geringfügig, dann erst wieder bei deutlich erniedrigten Blutzuckerspiegeln auf. Zudem kann das Wahrnehmungsvermögen für die frühen Symptome verloren gehen, wenn der Organismus immer wieder Unterzuckerungen ausgesetzt ist. Dann sind Angehörige, Arbeitskollegen oder Sportkameraden gefragt, auf die Einnahme von Traubenzucker zu drängen. Das Prinzip Sicherheit des Betroffenen hat in jedem Fall Vorrang. Es sollten also rechtzeitig Maßnahmen zur Hypoglykämievermeidung ergriffen werden. Das bedeutet: Bei drohender Unterzuckerung mit Traubenzucker oder Saft gegenzusteuern.
Wird ein Diabetiker im Unterzucker bewusstlos, können Laien helfen, indem sie dem Bewusstlosen Glukagon unter die Haut spritzen. Dazu gibt es ein Spritzenset, dass sich durch Unterzuckerungen gefährdete Diabetiker vom Arzt verschreiben lassen können. Das Hormon Glukagon als direkter Gegenspieler des Insulins hebt den Blutzuckerspiegel an, indem es die Zuckerreserven der Leber mobilisiert. Diabetiker sollten deshalb ihre Angehörigen über das richtige Vorgehen bei Unterzucker aufklären, damit diese im Notfall wissen, was zu tun ist. Das Glukagon-Spritzenset muss im Kühlschrank gelagert werden und ist nur wenige Monate haltbar.
Eine rechtzeitig aufgefangene Unterzuckerung schadet dem Körper nicht. Doch häufige schwere Unterzuckerungen mit Bewusstlosigkeit gefährden das Gehirn insbesondere von jüngeren Kindern. Todesfälle im Unterzucker sind möglich, aber selten. Die eigentliche Bedrohung geht davon aus, wenn Betroffene im Unterzucker die Kontrolle verlieren. Wer eine Unterzuckerung beim Autofahren oder beim Arbeiten in gefährlichem Terrain erleidet, riskiert Führerschein, Arbeitsplatz, sich selbst und andere. Derartige Probleme sind nicht selten, zumal die Wahrnehmung der Unterzuckerungssymptome nach langer Diabetesdauer häufig nachlässt. In speziellen Schulungskursen (dem so genannten Hypoglykämie-Wahrnehmungstraining) lernen Diabetiker, Unterzuckerungen zu vermeiden, einen absinkenden Blutzucker wieder rechtzeitig zu erkennen und dann angemessen zu reagieren.
Mit der Blutzuckerselbstkontrolle überprüft ein Typ-1-Diabetiker je nach Therapieart vor den Insulininjektionen und gegebenenfalls auch zu anderen Zeitpunkten die aktuelle Blutzuckerhöhe. Die Testergebnisse lassen erkennen, ob der Blutzucker im persönlichen Zielbereich liegt, oder ob der Patient die Dosis der folgenden Injektion anpassen muss. Jeder einzelne Blutzuckertest ist eine Momentaufnahme, eine halbe Stunde früher oder später liegt der Blutzuckerspiegel oft in einem ganz anderen Bereich. Erst die genaue Dokumentation der Werte über Tage und Wochen, die der Arzt ein- bis zweimal im Quartal gemeinsam mit seinem Diabetespatienten auswertet, vermittelt einen Eindruck vom Verlauf des Blutzuckers und dem Erfolg der Therapie.
Zusätzliche Aussagekraft besitzt der Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c). Dieser Wert steht für jenen Anteil des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin, der mit Zuckermolekülen beladen ist (HbA1c = glykiertes/ glykolisiertes Hämoglobin). Dieser Anteil ist umso höher, je höher die Blutzuckerwerte in der zurückliegenden Zeit lagen. Der HbA1c-Wert gibt also Auskunft über den langfristigen Verlauf der Blutzuckereinstellung, wobei die letzten sechs bis acht Wochen vor der Blutabnahme am besten erfasst sind. Das HbA1c wird auch als Blutzuckergedächtnis bezeichnet.
Zucker lagert sich nicht nur am Hämoglobin, sondern überall im Körper an Eiweißstrukturen ab und beeinträchtigt so möglicherweise – abhängig vom Ausmaß der Ablagerung – die Funktion des jeweiligen Organs. Deshalb lässt sich aus der Höhe des HbA1c auch auf die Gefährdung durch Folgeerkrankungen schließen. Je näher der Wert am Normbereich gesunder Menschen, umso geringer erscheint das Risiko.
Arzt und Patient legen den individuellen Zielbereich beim HbA1c gemeinsam fest. Schafft es der Patient nicht, diesen einzuhalten, sollte er mit dem Arzt nach den Gründen suchen und eventuell die Therapie oder den Zielwert ändern.
www.diabetes-ratgeber.net;
04.11.2008, aktualisiert am 16.05.2013
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