Abgesehen von wenigen erfolgreichen Transplantationen ist der Typ-1-Diabetes bisher nicht heilbar, die Insulintherapie muss also lebenslang erfolgen. Damit ist der Diabetes eine chronische Erkrankung. Allerdings können vielfältige Faktoren wie zum Beispiel Nachlässigkeit, Therapiefehler, Infekte, Medikamente (besonders Cortison) den Blutzuckerverlauf so beeinflussen, dass der Diabetes in ein akutes Stadium eintritt, das durchaus lebensbedrohlich werden kann. Zu unterscheiden sind einerseits Entgleisungen des Blutzuckers nach oben (Hyperglykämie), zum anderen sehr niedrige Werte (Hypoglykämie).
Ketoazidose und Koma
Ein Blutzucker oberhalb des Normbereichs verursacht zunächst keine Beschwerden. Dann auftretende Symptome können leicht falsch gedeutet werden. So kann es bei zu seltenen Blutzuckerselbstkontrollen Tage bis Wochen dauern, bis aus einer nicht bemerkten oder nicht behandelten Hyperglykämie eine Ketoazidose oder sogar ein diabetisches Koma wird. Die Entwicklung verläuft dabei so wie am Beginn des Diabetes (siehe Kapitel Symptome). Ein Diabetiker mit fortgeschrittener Ketoazidose muss stationär behandelt werden. Ein diabetisches Koma ist ein sehr ernster Zustand. Es kann tödlich verlaufen, selbst wenn die Behandlung auf der Intensivstation erfolgt.
Unterzuckerung
Eine normnahe Blutzuckereinstellung hat aber auch ihre Risiken. Je niedriger der Blutzuckerverlauf, umso höher ist die Gefahr von Unterzuckerungen. Von einer Unterzuckerung spricht man, wenn der Blutzuckerspiegel unter einen Wert von 70 mg/dl (3,9 mmol/l) fällt. Häufige Ursachen neben Fehlern bei Selbstkontrolle, Injektion und Abschätzen des Kohlenhydratgehaltes der Mahlzeit sind ein zu großer Abstand zwischen Insulininjektion und nachfolgender Mahlzeit, größere körperliche Anstrengung ohne angemessene Therapieanpassung oder eine vergessene Mahlzeit. Auch viele Stunden nach Zufuhr von Alkohol kann der Blutzucker in einen gefährlichen Bereich sinken. Dies liegt daran, dass beim Abbau des Alkohols eine Substanz verbraucht wird, die die Leber auch für den Aufbau von Traubenzucker benötigt. Dadurch fehlt dem Gehirn in der Zeit zwischen den Mahlzeiten, also besonders nachts, die Energie und es kann zu schwerwiegenden und langanhaltenden Unterzuckerungen kommen.
Frühe Symptome einer Unterzuckerung sind Schweißausbrüche, Blässe, Schwächegefühl oder Herzklopfen. Später treten Seh- und Sprachstörungen, Angst und Heißhunger hinzu. Schließlich sind die Betroffenen nicht mehr in der Lage, sich selbst zu helfen. Bewusstlosigkeit und Krampfanfälle sind möglich.
Das richtige Verhalten bei Unterzuckerungen ist Bestandteil jeder Schulung. Patienten lernen, Symptome möglichst früh zu erkennen, im Zweifel sofort den Blutzucker zu testen und Kohlenhydrate zuzuführen, die den Blutzucker schnell anheben. Und da steht an erster Stelle Traubenzucker. Jeder mit Insulin behandelte Diabetiker sollte einige Plättchen griffbereit haben, tagsüber und auch nachts. Zur Beschleunigung der Magenpassage wird Traubenzucker am besten mit Flüssigkeit eingenommen. Übliche Limonaden und Colagetränke (keine light-Produkte!) oder auch Obstsäfte sind brauchbare Alternativen. Fetthaltiges Naschwerk wie Schokolade oder Marzipan ist weniger geeignet, weil Fett die Magenentleerung verzögert.
Tatsächlich ist es aber gar nicht so einfach, die ersten Anzeichen einer Unterzuckerung zuverlässig zu erkennen. Mal treten sie bereits bei geringfügig, mal erst bei deutlich erniedrigtem Blutzuckerspiegel auf. Zudem kann das Wahrnehmungsvermögen für die frühen Symptome verloren gehen, wenn der Organismus immer wieder Unterzuckerungen ausgesetzt ist. Dann sind Angehörige, Arbeitskollegen oder Sportkameraden gefragt, auf die Einnahme von Traubenzucker zu drängen.
Der Arzt kann ein Glukagon-Set für Notfälle verschreiben. (Um das komplette Bild zu sehen, bitte auf die Lupe klicken)
Selbst wenn ein Diabetiker im Unterzucker bewusstlos geworden ist, können Laien helfen, indem sie dem Bewusstlosen Glukagon unter die Haut spritzen. Dazu gibt es ein Spritzenset, dass sich durch Unterzuckerungen gefährdete Diabetiker vom Arzt verschreiben lassen können. Das Hormon Glukagon als direkter Gegenspieler des Insulins hebt den Blutzuckerspiegel an, indem es die Zuckerreserven der Leber mobilisiert.
Eine rechtzeitig aufgefangene Unterzuckerung schadet dem Körper nicht. Durch wiederholte schwere Unterzuckerungen mit Bewusstlosigkeit ist aber das Gehirn zumindest von jüngeren Kindern gefährdet. Todesfälle im Unterzucker sind möglich, aber selten. Die eigentliche Bedrohung geht von einem Fehlverhalten während einer Hypoglykämie aus. Wer im Unterzucker einen Unfall verursacht oder bei der Arbeit an laufenden Maschinen oder auf dem Gerüst sich selbst oder andere gefährdet, für den ist der Führerschein bzw. der Arbeitsplatz in Gefahr. Da die Wahrnehmung der Unterzuckerungssymptome nach langer Diabetesdauer häufig nachlässt, sind derartige Probleme nicht selten. Deshalb wurden Kurse entwickelt, in denen Diabetiker lernen können, die Anzahl der Unterzuckerungen zu verringern, einen absinkenden Blutzucker wieder rechtzeitig zu erkennen und dann angemessen zu reagieren.
Verlaufskontrolle
Mit der Blutzuckerselbstkontrolle überprüft ein Typ-1-Diabetiker je nach Therapieart vor den Insulininjektionen und gegebenenfalls auch zu anderen Zeitpunkten die aktuelle Blutzuckerhöhe. Die Testergebnisse lassen erkennen, ob der Blutzucker im persönlichen Zielbereich liegt, oder ob die Dosis der folgenden Injektion verändert werden muss, um die Situation zu korrigieren. Jeder einzelne Blutzuckertest ist eine Momentaufnahme, eine halbe Stunde früher oder später kann der Blutzuckerspiegel in einem ganz anderen Bereich liegen. Erst die genaue Durchsicht der im Stoffwechselprotokoll dokumentierten Werte über Tage und Wochen, so wie es der Arzt ein- bis zweimal im Quartal gemeinsam mit seinem Diabetespatienten tut, vermittelt einen Eindruck vom Verlauf des Blutzuckers und dem Erfolg der Therapie. Zusätzlich wird zur Beurteilung der Blutzuckerhöhe der letzten Wochen ein Laborwert bestimmt, der HbA1c. Dieser Wert steht für jenen Anteil des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin, der mit Zuckermolekülen beladen ist. Dieser Anteil ist umso höher, je höher die Blutzuckerwerte in der zurückliegenden Zeit lagen. Der HbA1c-Wert gibt also Auskunft über den langfristigen Verlauf der Blutzuckereinstellung, wobei die letzten sechs bis acht Wochen vor Blutabnahme am besten erfasst sind. Das HbA1c wird auch als Blutzuckergedächtnis bezeichnet.
Zucker lagert sich nicht nur am Hämoglobin, sondern überall im Körper an Eiweißstrukturen ab, beeinträchtigt aber – abhängig vom Ausmaß der Ablagerung – die Funktion des jeweiligen Organs. Deshalb lässt sich aus der Höhe des HbA1c auch auf die Gefährdung durch Folgeerkrankungen schließen: je näher am Normbereich gesunder Menschen, umso geringer das Risiko.
Zu den von Arzt und Patient gemeinsam festzulegenden Therapiezielen gehört auch die Höhe des HbA1c. Wird sie überschritten, sollte nach Gründen gesucht und eventuell über eine Umstellung der Therapie nachgedacht werden. Denn auf lange Sicht können selbst geringfügig erhöhte Blutzuckerkonzentrationen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen – den durch den Diabetes bedingten Folgeerkrankungen – führen. Dabei sind Schäden an den großen Blutgefäßen (Makroangiopathie) von Veränderungen an den kleinsten Gefäßen (Mikroangiopathie) zu unterscheiden (siehe Kapitel Folgeerkrankungen).
www.diabetes-ratgeber.net;
04.11.2008, aktualisiert am 26.03.2012
Bildnachweis: W&B/Martin Ley, W&B/Bernhard Limberger, W&B/Simon Katzer
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