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Diabetes mellitus Typ 1:
Krankheitsverlauf (2) – Folgeerkrankungen

Diabetes kann zu Schäden an den großen und den kleinen Blutgefäßen führen. Je höher der Blutzucker, desto größer das Risiko

Makroangiopathien – Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems

Die Arteriosklerose (Arterienverkalkung), die sich bei jedem Menschen mit zunehmendem Alter mehr oder wenig ausgeprägt entwickelt, läuft bei Diabetes, abhängig von der Qualität der Stoffwechsellage, sehr viel schneller und intensiver ab. Verengungen und Schäden an den großen Blutgefäßen erhöhen das Risiko für Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen der Beine. Dies gilt vor allem dann, wenn Diabetiker zusätzliche Risikofaktoren wie zum Beispiel Rauchen aufweisen. Bei Menschen mit Diabetes kommen schwerwiegende Gefäßkomplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall ein Vielfaches häufiger vor als bei Menschen ohne Diabetes. Erektionsstörungen und das Diabetische Fußsyndrom gehen zum Teil auf makroangiopathische Veränderungen zurück.

Mikroangiopathien – Schäden an Netzhaut und Nieren

Veränderungen an den kleinen Gefäßen, die die Netzhaut versorgen (Retinopathie), zeigen sich als Verschlüsse und Aussackungen (Aneurysmen), die der Augenarzt gut erkennen kann, wenn er nach Erweiterung der Pupille den Augenhintergrund betrachtet. Flüssigkeit und Blutbestandteile passieren undichte Gefäßwände und bilden Ablagerungen. All das sind Zeichen einer Minderdurchblutung der Netzhaut. Das Wichtigste, um ein Fortschreiten zu verhindern oder vielleicht sogar eine Rückbildung zu erreichen, ist eine zukünftig möglichst normale Blutzuckerlage, unterstützt durch die Senkung eines erhöhten Blutdrucks und Nikotinverzicht. Gelingt das nicht, kann der Sauerstoffmangel in der Netzhaut das Wachsen neuer, sehr brüchiger Gefäße auslösen. Diese platzen und reißen leicht, was zu Einblutungen ins Auge führt. Sie können in den Glaskörper einwachsen oder Membranen bilden, die durch Zug die Netzhaut ablösen, was den Verlust des Sehvermögens bedeutet. Verschiedene Formen der Laserbehandlung können bei fortgeschrittener Retinopathie  das Risiko der Erblindung senken.

Nach 20 Jahren Diabetes haben über 80 Prozent der Patienten Zeichen einer Retinopathie entwickelt, meistens aber ohne wesentliche Einschränkung des Sehvermögens. Doch das sollte nicht zu Leichtsinn verführen: Ein unzureichend behandelter Diabetes ist die häufigste Ursache einer Erblindung bei Erwachsenen in den Industriestaaten.


In den Nieren schädigt der überhöhte Blutzucker die kleinen Blutgefäßknäuel, was deren Filterwirkung beeinträchtigt (diabetische Nephropathie). Wertvolle Stoffe gehen in den Harn über und werden ausgeschieden. Ein Beispiel dafür ist das im Labor und auch mit Teststreifen gut nachweisbare Eiweiß Albumin. In kleinen Mengen (Mikroalbuminurie) markiert es den Beginn einer Nierenschädigung. Wieder gilt, dass eine zukünftig bessere Diabetestherapie, unterstützt durch Senkung des Blutdrucks und Nikotinverzicht, die Entwicklung stoppen und sogar zurückdrehen kann. Schreitet die Erkrankung durch zunehmenden Verlust der Filterfunktion fort, unter anderem erkennbar an immer größeren Eiweißmengen im Urin (Makroalbuminurie), ist der Übergang in die Niereninsuffizienz kaum noch aufzuhalten. Um zu überleben, muss sich der Patient dann dreimal wöchentlich einer Blutwäsche (Dialyse) oder aber einer Nierentransplantation unterziehen.

Das Risiko, eine diabetische Nephropathie zu entwickeln, liegt bei 30 Prozent Das Anfangsstadium der Mikroalbuminurie hat keine Auswirkungen auf die Lebensqualität und wird vom Patienten nicht bemerkt. Es kann bei Typ-1-Diabetes mit nicht so guter Blutzuckerlage in der Regel frühestens nach einer Erkrankungsdauer von fünf Jahren nachgewiesen werden. Nur bei einem Drittel der Betroffenen geht die Erkrankung über das Stadium der Mikroalbuminurie hinaus.


Schäden am Nervensystem

Ein langjährig erhöhter Blutzucker kann auch an den Nervenzellen seine Spuren hinterlassen (diabetische Neuropathie). Zum einen schränkt die Mikroangiopathie der für die Nerven zuständigen Blutgefäße deren Versorgung ein. Zum anderen ist das Nervengewebe, das anders als die meisten Zellen kein Insulin zur Aufnahme von Traubenzucker benötigt, hohen Blutzuckerspiegeln direkt ausgesetzt, was Struktur und Funktion der Nerven beeinträchtigt. Betroffene berichten von Missempfindungen wie Taubheit, Kribbeln oder Ameisenlaufen vor allem in den Füßen. Die Empfindung von Temperaturunterschieden, Schmerz oder Berührung kann verringert sein oder ganz ausfallen. Sind die für die Steuerung von Muskeln zuständigen Nerven geschädigt, kann es zu Fehlstellungen (zum Beispiel Krallenbildung der Zehen) kommen, ein beim Gehen herabhängender Vorfuß führt zum Stolpern. Bei Schädigung der Nerven innerer Organe sind  Herzrhythmusstörungen, Impotenz und Verdauungsbeschwerden möglich.

Eine Besserung neuropathischer Beschwerden erfordert neben viel Geduld eine zukünftig möglichst normale Blutzuckerlage sowie den Verzicht auf Nikotin und das Nervengift Alkohol. Zahlreiche Medikamente können sich individuell positiv auswirken, allgemein anerkannte Therapien gibt es aber nicht. Das Risiko, bedeutsame Nervenschäden zu enrwickeln, liegt bei etwa 30 Prozent. Dezente Funktionseinschränkungen, die der Betroffene nicht bemerkt, lassen sich mit spezieller Diagnostik, abhängig von der Blutzuckerlage der vorhergehenden Jahre, sehr viel häufiger nachweisen, sogar schon bei Kindern.


Genetische Faktoren


Ein langfristig überhöhter Blutzucker kann sich an praktisch jedem Organ auswirken. Nun lässt sich aber immer wieder beobachten, dass manche Diabetiker selbst nach Jahrzehnten mit häufig überhöhtem Blutzucker keine Folgeerkrankungen aufweisen. Vieles deutet darauf hin, dass es – vermutlich erbliche – Schutzfaktoren gibt, die die Schäden durch hohen Blutzucker im Gewebe ausgleichen. Nun weiß aber niemand, ob er über einen derartigen Schutz verfügt. Deshalb liegt es in der Verantwortung jedes Diabetikers, in Absprache mit seinem Diabetologen realistische Therapieziele anzustreben, um der Entwicklung von Folgeerkrankungen im Rahmen seiner Möglichkeiten so gut es eben geht entgegenzuwirken.



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www.diabetes-ratgeber.net; 04.11.2008, aktualisiert am 26.03.2012
Bildnachweis: W&B/Simon Katzer

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