Es gibt verschiedene Behandlungs-Konzepte, die ein unterschiedliches Maß an Eigenverantwortung erfordern
Bei der intensivierten Insulintherapie sind engmaschige Blutzuckerkontrollen Pflicht
Insulin wird beim gesunden Menschen einerseits ständig und unabhängig von den Mahlzeiten in kleiner Menge zur Regulierung des Ruhestoffwechsels abgegeben, andererseits in sehr viel größerer Menge zu den Mahlzeiten. Mediziner sprechen von einer basalen und einer prandialen Sekretion oder auch von Basalrate und Bolus. Therapieformen, die versuchen, dieses Muster durch multiple bedarfsgerechte Injektionen unterschiedlich wirkender Insulinpräparate nachzuahmen, wurden seit den 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt. Sie werden als "intensivierte Insulintherapie“ bezeichnet im Gegensatz zu der bis dahin praktizierten "konventionellen Therapie", die das benötigte Insulin auf täglich zwei Injektionen in hoher Dosis verteilt.
Konventionelle Insulintherapie
Der Patient spritzt zweimal pro Tag (selten auch nur einmal) entweder eine fertige Mischung aus einem schnell und kurz sowie einem lang wirkenden Insulinpräparat, oder er mischt seine Insuline vor der Injektion in einer Spritze. Die meisten Patienten ziehen es aber vor, beide Präparate getrennt mit einer Injektionshilfe (Insulinpen) zuzuführen. Die natürliche basale und prandiale Insulinsekretion kann damit nur unzulänglich ersetzt werden. Abhängig von der Insulinwirkung sind Zeitpunkt und Größe der Mahlzeiten vorgegeben, der Patient richtet also seinen Tagesablauf nach der Therapie. Die vom Arzt festgelegte Dosis wird Tag für Tag beibehalten, es ist nur eingeschränkt möglich, auf hohe Blutzuckerwerte zu reagieren. Deshalb sind engmaschige Blutzuckerkontrollen entbehrlich, wenige Tests reichen aus.
Wer Flexibilität im Tagesablauf benötigt und mal mehr, mal weniger körperlich aktiv ist, wird schnell an die Grenzen der konventionellen Therapie stoßen, weil das mühsam austarierte System schnell aus dem Gleichgewicht gerät. Beim Typ-1-Diabetes wird die starre konventionelle Therapie in der Regel nur noch eingesetzt, wenn jemand nicht in der Lage oder nicht bereit ist, eine Therapie, die mehr Aufwand erfordert, umzusetzen. Es gibt aber auch Übergangsformen von der konventionellen zur intensivierten Therapie, so dass die Insulinbehandlung ganz individuell gestaltet werden kann.
Intensivierte Insulintherapie
Weit mehr Flexibilität ermöglicht die intensivierte Insulintherapie. Mit meist ein oder zwei Injektionen eines lang wirkenden Insulins wird der von den Mahlzeiten unabhängige Basalbedarf abgedeckt. Dies erlaubt, den Zeitpunkt der Mahlzeiten frei zu wählen oder auch mal auf das Essen zu verzichten. Das schnell und kurz wirkende Insulin, der Bolus, wird zu den Mahlzeiten gespritzt. Die Dosis berücksichtigt die Portionsgröße, eventuelle körperliche Betätigung und die aktuelle Blutzuckerhöhe. Die Selbstkontrolle des Blutzuckers vor jeder Injektion eines Bolus ist deshalb Bestandteil der intensivierten Therapie. Weitere Test können ein bis zwei Stunden nach einer Mahlzeit sinnvoll sein, um zu überprüfen, ob die gespritzte Dosis richtig war. In Zusammenhang mit körperlicher Aktivität, bei Verdacht auf Unterzucker, bei Infekten sowie vor der Nachtruhe zum Schutz vor Unterzuckerungen fallen weitere Test an. Bei sehr unruhigem Blutzuckerverlauf und Neigung zu hohen Nüchternwerten sollte der Blutzucker ab und zu auch nachts überprüft werden. In der Regel wird ein erwachsener Typ-1-Diabetiker mit intensivierter Therapie 400 bis 600 Teststreifen pro Quartal verbrauchen. Kinder und Jugendliche können wegen ihres meist labilen Blutzuckerverlaufs noch mehr Streifen benötigen. Testwerte, Insulineinheiten, Kohlenhydratmenge der Mahlzeiten, körperliche Betätigung und Besonderheiten wie Erkrankungen werden in einem Stoffwechselprotokoll vermerkt, das dem Betroffenen selbst zur Orientierung und als Grundlage für das Arzt/Patientengespräch dient.
Die selbstständige Durchführung einer intensivierten Insulintherapie ist aufwändig, erfordert viel Wissen, praktische Fertigkeiten und die Bereitschaft, mehrfach täglich Entscheidungen zur Stoffwechselführung zu treffen und damit Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Patienten, die hierzu nicht in der Lage sind, benötigen Unterstützung. So wird der Diabetes eines Kindes zur Aufgabe für die Eltern und die ganze Familie. Pflegedienste und Altenpfleger, für die eine entsprechende Fortbildung angeboten wird, übernehmen teilweise oder ganz die Umsetzung der Diabetestherapie für Menschen, die dies alleine nicht oder nicht mehr können.
Doch dieser Aufwand lohnt sich. Korrekt durchgeführt, ermöglicht diese Behandlungsform nicht nur, Essenszeiten und –mengen frei zu wählen. Vielmehr kann der Betroffene seine Insulintherapie auf seinen Alltag ausrichten. Dies ist vor allem für Menschen mit einer unregelmäßigen Lebensführung wie Schichtarbeiter, Geschäftsreisende mit schwer planbarem Alltag und Interkontinentalreisen, aber auch für Sportler vorteilhaft. Selbst Kinder mit spontaner körperlicher Aktivität profitieren.
www.diabetes-ratgeber.net;
04.11.2008, aktualisiert am 27.06.2010
W&B/Christine Schneider
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