Extra-Kohlenhydrate zu Bier und Wein?

Gegen Unterzucker wird Diabetikern geraten, abends zum Alkohol mehr Kohlenhydrate zu essen. Der Blutzucker ist dann aber oft zu hoch. Was tun?
von Dr. med. Bernd Regling, Diplom-Psychologe und Diabetologe (DDG), 30.08.2011

Diabetiker, die Insulin spritzen, sollten wissen, wie ihr Körper bei gelegentlichem Alkoholkonsum reagiert

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Die Empfehlung, zu alkoholischen Getränken Kohlenhydrate zu essen, um Unterzuckerungen zu vermeiden, ist berechtigt. Zwar sind Unterzuckerungen nach Alkoholgenuss nicht die Regel, aber auch nicht selten. Allerdings treten sie meist ziemlich verzögert auf – also während des Schlafs – und können durchaus heftig ausfallen. Der Grund ist, dass der Alkoholabbau erheblich in andere Stoffwechselvorgänge der Leber eingreift und vor allem die Zuckerneubildung mehr oder weniger stark bremst.

Nun gibt es allerdings erhebliche individuelle Unterschiede, so dass auch für den Umgang mit Alkohol gilt: Probieren Sie unter Kontrolle des Blutzuckerverlaufs aus, wie Ihr Körper reagiert und mit welchen Sicherheitsmaßnahmen Sie beruhigt zu Bett gehen können. Bedenken Sie vor allem, in welcher Zeitspanne das Unterzuckerungsrisiko erhöht ist.

Leber passt sich dem Lebensstil an

Dazu noch ein paar Erklärungen: Der Alkoholabbau erfolgt in erster Linie in der Leber, die aber sehr anpassungsfähig ist. Wer selten oder vielleicht sogar zum ersten Mal ein bis zwei Bier oder ein bis zwei Viertel Wein trinkt, dürfte die Alkoholwirkung mehr oder weniger ausgeprägt verspüren, während jemand, der öfter diese Menge trinkt, keine Symptome bemerkt. Dies liegt daran, dass die Leber in der Lage ist, die Produktion häufig benötigter Enzyme zu steigern.

Nun wirkt sich der Alkoholabbau aber nicht sofort auf den Blutzuckerspiegel aus, sondern erst viele Stunden später. Denn beim Abbau des Alkohols wird NAD (Nicotinamidadenindinucleotid) verbraucht. Dieser Stoff ist ein Enzym-Helfer, ein Coenzym. Es unterstützt das für den Abbau zuständige Enzym Alkoholdehydrogenase.

Alkohol setzt Glukoseproduktion auf Sparflamme

Die Leber benötigt das Coenzym aber auch für viele andere Stoffwechselprozesse, darunter die Zuckerneubildung. Diese ist wichtig, um das Gehirn, das rund um die Uhr Traubenzucker (Glukose) benötigt, in der Zeit zwischen den Mahlzeiten, also vor allem nachts, mit Energie zu versorgen. Die Zuckerneubildung beträgt beim Erwachsenen während des Schlafs etwa acht Gramm pro Stunde. Das ergibt bei einer Nachtruhe von sechs bis acht Stunden die beachtliche Menge von 50 – 60 Gramm Glukose. Wenn nun aber beim Alkoholabbau große Mengen des Coenzym verbraucht werden, so kann die Zuckerneubildung nur auf Sparflamme laufen. Und es können viele Stunden vergehen, bis das benötigte NAD wieder in ausreichender Menge zur Verfügung steht.

Eine Untersuchung an Patienten einer Diabetesklinik, die abends eine Flasche Bier getrunken hatten, zeigte einen bis zum Mittag des folgenden Tages niedrigeren Blutzuckerverlauf als an einem Vergleichstag ohne Bier am Vorabend! Der Alkohol einer Flasche Bier ist nach etwa drei Stunden restlos abgebaut, die Glukoseproduktion erholt sich aber erst sehr viel später. Dies ist der Grund, warum nach einem alkoholreichen Abend über 12 Stunden und mehr eine erhöhte Unterzuckerungsgefahr besteht.

Jeder reagiert unterschiedlich

Allerdings gibt es auch hier erhebliche individuelle Unterschiede: Manche Diabetespatienten berichten von Unterzuckerungen nach Alkoholgenuss trotz reichlicher Kohlenhydratmengen, während andere dieses Problem kaum oder gar nicht haben, und das selbst dann, wenn auf zusätzliche Kohlenhydrate verzichtet wurde.

Sammeln Sie also selbst Erfahrungen, indem Sie in mehreren Nächten mit einer Blutzuckerkontrolle gegen drei bis vier Uhr nachts verfolgen, wie ihr Körper auf die von Ihnen üblicherweise getrunkene Alkoholmenge reagiert. Akzeptieren Sie zur Sicherheit zunächst einen Zielwert von etwa 180 mg/dl (10,0 mmol/l) vor der Nachtruhe, sofern Sie ein lang wirkendes Analoginsulin verwenden. Bei einer Spätspritze mit NPH-Insulin sollte der Zielwert wegen des deutlichen Wirkungsgipfels dieser Präparate sogar noch etwas höher liegen.

Der nächtliche Test zeigt Ihnen, ob und um wie viel der Blutzuckerspiegel seit Beginn der Nachtruhe gefallen ist. Wenn Sie in mehreren Nächten kein oder nur ein geringes Absinken feststellen, können Sie den Zielwert vor dem Einschlafen nach und nach in kleinen Schritten verringern, indem Sie die Kohlenhydrataufnahme zum Alkohol reduzieren.

Im Bier stecken reichlich Kohlenhydrate

Bedenken Sie aber auch, dass Bier bereits reichlich Kohlenhydrate (Malzzucker) enthält. Aufgrund Ihrer bisherigen Beobachtungen werden Sie bei Bier vielleicht sogar ganz auf eine Extra-Portion Kohlenhydrate, etwa Brot, verzichten können.

Zwar stecken auch in Wein Kohlenhydrate, die aber können Sie vernachlässigen. Weintrauben enthalten Traubenzucker und Fruchtzucker. Zu Alkohol vergoren wird aber in erster Linie die Glukose. Der verbleibende Fruchtzucker hat, und das gilt selbst für einen lieblichen Tropfen, nur eine unwesentliche Wirkung auf den Blutzuckerspiegel. Deshalb wird zu Wein und natürlich allen hochprozentigen Alkoholika wie Obstbrand, Whiskey oder Cognac eine Kohlenhydratzulage für einen genügend hohen Blutzucker zu Beginn der Nachtruhe sinnvoll sein.

Korrekturinsulin nachts vorsichtig dosieren

Nun kann es vielleicht auch einmal vorkommen, dass der Blutzucker durch zu viele Kohlenhydrate während des Abends vor der Nachtruhe in einem weit überhöhten Bereich liegt, der Sie an eine Korrektur mit schnell wirkendem Insulin denken lässt. Berücksichtigen Sie dann unbedingt, dass die Insulinempfindlichkeit nachts am höchsten ist. Die Dosis, die bei Ihnen mittags den Blutzucker um 50 mg/dl (2,8 mmol/l) senkt, wird sich in den Stunden um Mitternacht wesentlich stärker auswirken.

Besprechen Sie mit Ihrem Diabetologen, ab welchem Grenzwert Sie in so einer Situation mit welcher Dosis korrigieren sollten, um eine Entgleisung nach oben zu verhindern, ohne dabei eine Unterzuckerung zu riskieren. Ein nächtlicher Blutzuckertest ist dabei natürlich unverzichtbar: bei einem schnellen Analoginsulin zwei Stunden nach der Korrektur, bei Normalinsulin nach etwa drei Stunden.

Lang wirkende Kohlenhydrate für die Nacht

Testen Sie einen niedrigen Blutzucker bei einem noch ausreichend hohen nächtlichen Wert erst morgens, dann benötigen Sie einen Kohlenhydrat-Puffer auch erst für die zweite Nachthälfte. Gut geeignet sind lang wirkende Kohlenhydrate unmittelbar vor der Nachtruhe, zum Beispiel Vollkornbrot mit Wurst oder Käse, aber auch normale Schokolade.

Wer NPH-Insulin spritzt, sollte mit seinem Diabetologen besprechen, ob und in welchem Ausmaß eine Dosiskürzung die Unterzuckerungsgefahr bannt. Bei lang wirkenden Analoginsulinen macht dagegen eine einmalig verringerte Dosis keinen Sinn, weil sich Änderungen zu spät auswirken würden. Bei sehr verzögert auftretenden Unterzuckerungen bis in den Vormittag kann auch eine Dosiskürzung des schnellen Insulins zum Frühstück erforderlich sein.

Vorsicht bei Alkohol und körperlicher Anstrengung

Besondere Vorsichtsmaßnahmen sind erforderlich, wenn der Alkoholkonsum mit körperlicher Betätigung wie Tanzen verbunden ist oder nach anstrengendem Sport erfolgt. Da ausdauernde Muskeltätigkeit nicht nur über das Ende der Bewegung hinaus den Blutzucker senkt, sondern auch einen Teil der Zuckerreserven der Leber aufbraucht, entsteht unterstützt durch die anhaltend verringerte Zuckerneubildung eine ganz erhebliche Unterzuckerungsgefahr. Und die kann sich nun bereits im Verlauf des Abends bemerkbar machen.

Es sind also mehr als die sonst bei Bewegung üblichen Kohlenhydrate erforderlich, wenn zum Tanzen oder nach Sport Alkohol getrunken wird.  Wichtig sind in dieser Situation auch lang wirkende Kohlenhydrate vor der Nachtruhe, dazu ein höherer Ausgangsblutzucker und möglichst ein weiterer Test bereits gegen zwei Uhr. Auch sollte über eine reduzierte Dosis des NPH-Insulins nachgedacht werden.

Mit der Zeit werden Sie herausfinden, mit welchen Maßnahmen Sie nach Genuss von Alkohol sicher über die Nacht kommen. Allerdings sollte die Trinkmenge immer in einem vernünftigen Rahmen bleiben. Für mit Insulin behandelte Diabetiker liegt die Grenze bei allerhöchstens einem Liter Bier oder zwei Viertel Wein, vorausgesetzt die Auswirkungen des Alkohols auf den eigenen Körper sind bekannt und die individuell erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen werden eingehalten.

Wenn nur noch der Notarzt helfen kann

Übermäßiger Alkoholkonsum kann dagegen schnell zu einem Diabetes-Notfall führen. Größeren Alkoholmengen stören die Stoffwechselvorgänge der Leber mehr als sonst, die bisherigen Erfahrungen gelten dann nicht mehr.

Auch für einen Menschen ohne Diabetes ist es denkbar ungesund, wenn er sich betrinkt. Während der aber schlimmstenfalls mit einem Kater aufwacht, begibt sich ein mehr oder wenig betrunkener Diabetiker mit Insulinbehandlung in akute Gefahr. Es kann sich vielleicht nicht einmal die Spätspritze geben und sicher auch nachts nicht testen. Damit sind schwere Stoffwechselentgleisungen sowohl mit einem sehr hohen wie vor allem einem sehr niedrigen Blutzucker möglich. Sich daraus ergebende Folgen würden Angehörige, Mitbewohner oder Freunde nicht beherrschen können. Leider kommt es immer wieder vor, dass für einen Diabetiker im Alkokolrausch der Notarzt gerufen werden muss.

Übrigens sollten Sie wie auch Ihre Angehörigen, Freunde, Arbeitskollegen und Sportkameraden wissen, dass die Glukagon-Notfallspritze nach reichlicher Alkoholzufuhr kaum den Blutzucker anheben wird. Denn wenn der Leberspeicher leer und die Zuckerneubildung anhaltend ausgebremst ist, kann Glukagon nichts bewirken.


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