Ein neugeborenes Kind kann eine erbliche Veranlagung für Diabetes mitbringen, aber auch verschiedene Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle
In Deutschland haben etwa 400.000 Menschen Typ-1-Diabetes. Diese Form der "Zuckerkrankheit" beruht auf einer Fehlsteuerung des Immunsystems, das aus bisher unklaren Gründen die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse lahmlegt – sodass die Betroffenen das blutzuckersenkende Hormon ihr Leben lang regelmäßig spritzen müssen.
Kinder, deren Vater oder Mutter Typ-1-Diabetes haben, tragen im Vergleich zu Kindern mit gesunden Eltern ein erhöhtes Risiko, ebenfalls daran zu erkranken (allerdings spielt die erbliche Veranlagung bei Typ-1-Diabetes eine weit geringere Rolle als beim Typ-2-Diabetes, an dem rund 7 Millionen Menschen leiden). Daneben beeinflussen möglicherweise auch bestimmte Umweltfaktoren das Risiko, an Typ-1-Diabetes zu erkranken. Auch die Art der Geburt scheint eine Rolle zu spielen, wie neue Daten jetzt belegen.
In der Langzeit-Studie "BABYDIAB" untersuchten Wissenschaftler der Technischen Universität München den Einfluss von Umweltfaktoren auf die Entwicklung der Erkrankung bei 1.650 Kindern aus Risikofamilien. Die Kinder wurden von Geburt an durchschnittlich 11 Jahre lang beobachtet.
Genetische Merkmale verstärken Auswirkungen der Geburt
Dabei stellte sich heraus, dass knapp 5 Prozent der Kinder, deren Mutter oder Vater an Typ-1-Diabetes erkrankt waren und die per Kaiserschnitt geboren wurden, bis zum 12. Lebensjahr selbst Typ-1-Diabetes bekamen, dagegen nur 2,2 Prozent der "normal" entbundenen Kinder.
Das erhöhte Diabetes-Risiko bei Kaiserschnitt trat unabhängig davon auf, ob es sich um eine Mehrlingsschwangerschaft, Frühgeburt oder um das Erstgeborene handelte. Auch der Geburtsmonat und Rauchen während der Schwangerschaft hatten keinen Einfluss.
Die Art der Entbindung spielte besonders bei Kindern mit bestimmten genetischen Merkmalen eine Rolle, von denen bereits bekannt ist, dass sie die Entwicklung eines Typ-1-Diabetes fördern. Diese Genvarianten ließen das Risiko für die Autoimmunerkrankung bei einem Kaiserschnitt um etwa das Dreifache (9,1 Prozent gegenüber 2,8 Prozent bei spontaner Entbindung) steigen.
Spielen Darmbakterien eine Schlüsselrolle?
Eine Erklärung für ihre Beobachtungen könnte laut den Münchner Forschern sein, dass eine Entbindung per Kaiserschnitt die Zusammensetzung der kindlichen Darmflora verändert und damit auf das Immunsystem einwirkt. Unter den Mikroorganismen, die den Darm besiedeln, ließen sich bei Kindern, die per Kaiserschnitt auf die Welt kamen, zum Beispiel weniger Bifidobakterien nachweisen. "Somit ähnelt die Darmflora dieser Kinder der gestörten Darmflora von Diabetikern", erläutert Professor Anette-Gabriele Ziegler, Studienleiterin und Leiterin der Forschergruppe Diabetes der Technischen Universität München.
Bifidobakterien sind die wichtigste Gruppe der nützlichen Darmbakterien. Sie sind auch in der Vagina gesunder Frauen zu finden, so dass sie bei einer vaginalen Entbindung vom Säugling aufgenommen werden können. Diese Mikroorganismen erfüllen neben der Bekämpfung von Krankheitskeimen und Schadstoffen vielfältige Aufgaben für das Immunsystem: Sie versorgen unter anderem die Immunzellen im Darm mit Informationen zur Bekämpfung von Erregern, bilden Vitamine und fördern den Aufbau der Darmschleimhaut.
Quelle: Forschergruppe Diabetes der TU München
idw / www.diabetes-ratgeber.net;
16.02.2012
Bildnachweis: istock/seanoriordan
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