Jedes Jahr erkranken einige Tausend Kinder und Jugendliche in Deutschland an Typ-1-Diabetes – und die Rate der Neuerkrankungen steigt ständig, ohne dass die Ursachen dafür bekannt sind. Bislang gibt es keine gesicherte Möglichkeit, den Ausbruch der Krankheit zu verhindern.
Unter anderem wird diskutiert, dass ein Mangel an Vitamin D bei erblich entsprechend veranlagten Menschen die Wahrscheinlichkeit für einen Typ-1-Diabetes erhöht. Jetzt untersuchten Forscher um Professor Anette-Gabriele Ziegler vom Institut für Diabetesforschung am Helmholtz-Zehtrum München, ob sich die Stoffwechsellage frisch erkrankter Typ-1-Diabetiker durch die Gabe von Vitamin D verbessern lässt.
Vitamingabe verbesserte die Insulinproduktion nicht
40 Patienten mit frischem Typ-1-Diabetes erhielten für mehrere Monate 0,25 Mikrogramm Vitamin D pro Tag – oder ein wirkstoffloses Scheinpräparat (Plazebo). Nach neun und 18 Monaten prüften die Forscher, ob die Vitamingabe Auswirkungen auf die noch vorhandene Insulinproduktion der Teilnehmer hatte.
Weil Insulin selbst sehr schwierig zu bestimmen ist, wurde die Konzentration von C-Peptid gemessen. C-Peptid ist ein Eiweiß, das bei der Insulinbildung anfällt und sich daher eignet, die Insulinproduktion in den Betazellen der Bauchspeicheldrüse zu beurteilen.
Die Insulinproduktion der Teilnehmer ließ innerhalb von 18 Monaten um rund 40 Prozent nach – gleichgültig, ob sie mit Vitamin D behandelt wurden oder nicht. Die HbA1c-Werte als Maß für die Blutzuckereinstellung und die Höhe der Insulindosis, die gespritzt werden musste, unterschieden sich ebenfalls nicht.
Fazit der Forscher: Offenbar eignet sich die Gabe von Vitamin D nicht, um die Stoffwechselsituation von neu diagnostizierten Typ-1-Diabetikern zu verbessern.
Professor Dr. Anette-Gabriele Ziegler leitet die Forschergruppe Diabetes der Technischen Universität München
Was führte zu der Vermutung, dass frisch erkrankte Typ-1-Diabetiker von Vitamin-D-Gaben profitieren könnten?
Studien zeigen, das Gaben von Vitamin D3 nach der Geburt Kinder davor schützen können, später an Typ-1-Diabetes zu erkranken. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Patienten mit neu entdecktem Typ-1-Diabetes niedrigere Vitamin-D3-Spiegel im Blut haben – und wir wissen, dass Vitamin D Immunzellen beeinflusst, die bei der Entstehung des Typ-1-Diabetes eine wichtige Rolle spielen. Deshalb wollten wir mit unserer Studie klären, ob die Gabe höherer Dosen Vitamin D3 den Untergang insulinproduzierender Betazellen in der Bauchspeicheldrüse aufhalten kann – und wie gut verträglich die Vitamingabe ist.
Hatten die Studienteilnehmer einen Vitamin-D-Mangel?
Es gab einige Patienten mit niedrigen Vitamin D Spiegeln. Allerdings zeigte sich kein Zusammenhang zwischen den Vitamin-D-Spiegeln und dem Erfolg der Therapie mit Vitamin D3.
Wird untersucht, ob Vitamin D sich bei Kindern, die ein erhöhtes Risiko für Typ-1-Diabetes haben – zum Beispiel, weil ein oder beide Eltern daran erkrankt sind – zur Vorbeugung eignet?
Derzeit nein. Es wäre zwar nicht überaschend, wenn die Gabe von Vitamin D3 den Ausbruch eines Typ-1-Diabetes verzögern oder dessen Verlauf abschwächen würde. Allerdings kann eine höher dosierte Vitamin D Gabe, insbesondere im Kindesalter, zu Nebenwirkungen im Kalzium- und Knochenstoffwechsel führen. Deshalb müsste eine solche Therapie sehr gut kontrolliert werden. Es wird auch angestrebt, Calcitriolanaloga zu entwickeln – das sind Vitamin-D3-ähnliche Substanzen, die weniger Nebenwirkungen haben. Hier ist allerdings noch viel Forschungsarbeit zu leisten.
Abgesehen von Vitamin D: Gibt es weitere Überlegungen, was den Ausbruch und Verlauf eines Typ-1-Diabetes beeinflussen könnte?
Ja, es gibt noch andere Ansätze. In der gerade laufenden Pre-POINT-Studie wird eine Art Impfung mit Insulinpulver erforscht. Dabei senkt das Insulinpulver, das täglich über den Mund eingenommen wird, nicht den Blutzuckerspiegel, sondern soll das Immunsystem positiv beeinflussen. Ziel der Pre-POINT-Studie ist es, bei Kindern mit einem sehr hohen genetischen Diabetesrisiko den Ausbruch der Erkrankung zu verzögern oder zu verhindern. Um Kinder zu finden, die ein sehr hohes Diabetesrisiko haben, führt unsere Arbeitsgruppe zunächst eine Eingangsuntersuchung zur Risikobestimmung durch. Daran teilnehmen können alle Kinder, die zwischen achtzehn Monaten und sieben Jahren alt sind und die ein Geschwisterkind oder zwei enge Verwandte (Vater, Mutter, Geschwister) mit Typ-1-Diabetes haben.
Wird auch an neuen therapeutischen Ansätzen für bereits an Typ-1-Diabetes erkrankte Patienten geforscht?
Ja. So sind wir im Moment an der internationalen Studie AIDA (Anti-Interleukin-1 in Diabetes Action) beteiligt. Hier wird versucht, die Funktion der insulinproduzierenden Betazellen bei Patienten, die gerade an Typ-1-Diabetes erkrankt sind, zu erhalten. Die Patienten spritzen sich dafür neun Monate lang täglich eine Substanz, die das Immunsystem beeinflusst, nämlich den Interleukin-1-Rezeptor-Antagonisten Anakinra. Verschiedene klinische und experimentelle Studien lassen vermuten, dass der Entzündungsbotenstoff Interleukin 1 eine wichtige Rolle im Rahmen der Immunvorgänge spielt, die zur Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen führen.
Gibt es auch neue Ansätze zur Therapie von Kindern mit Typ-1-Diabetes?
Die Nabelschnurblut-Studie versucht, durch Übertragung von körpereigenem Nabelschnurblut die Blutzuckerkontrolle bei neu erkrankten Kindern zu verbessern. Forscher aus den USA erzielten mit dieser Behandlung bereits Erfolge. Dreiundzwanzig Kindern mit neu aufgetretenem Typ-1-Diabetes wurde dort ihr eigenes Nabelschnurblut übertragen. Dabei zeigte sich bei den behandelten Kindern im Vergleich zu einer unbehandelten Kontrollgruppe eine Senkung des Langzeitblutzuckerwertes HbA1c, der den Verlauf des Blutzuckers über mehrere Wochen anzeigt. Außerdem benötigten die Kinder weniger Insulin pro Tag als die Kontrollgruppe. Mitmachen können Kinder ab dem Alter von einem Jahr, deren Typ-1-Diabetes-Diagnose nicht länger als zwölf Monate zurückliegt und die über ihre eigene Nabelschnurblutprobe verfügen. Wer Interesse an einem dieser Projekte hat, kann sich bei uns melden:
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Kontakt: |
A.Baum / www.diabetes-ratgeber.net;
23.08.2010, aktualisiert am 01.09.2011
Bildnachweis: W&B/Achim Graf, W&B/Bernhard Limberger
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