Warum ein Typ-1-Diabetes anfangs oft Pause macht

Bei Patienten mit Typ-1-Diabetes sinkt nach Beginn der Therapie der Insulinbedarf oft kurzzeitig wieder ab. Kinderdiabetologe Dr. Wolfgang von Schütz erklärt das Phänomen

von Tina Haase, aktualisiert am 08.12.2016

Dr. Wolfgang von Schütz ist Kinderdiabetologe in Hannover

W&B/Stefan Thomas Kröger

Herr von Schütz, weshalb sinkt der Insulinbedarf zu Beginn des Diabetes deutlich ab?

Sobald der Diabetes festgestellt wurde, beginnt die Gabe von Insulin. Hierunter normalisiert sich  der Stoffwechsel, es kommt zu einer scheinbaren "Erholung" der insulinproduzierenden Zellen. Der Körper stellt wieder mehr eigenes Insulin zur Verfügung. Der Insulinbedarf sinkt oft drastisch. Man nennt diese Phase "Erholungsphase" oder auch "Honeymoon".

Wann beginnt die Erholungsphase?

Meist einige Tage bis einige Wochen nach Therapiebeginn. Die Patienten benötigen immer weniger Insulin. In seltenen Fällen kommen sie vorübergehend sogar ohne Insulin aus.


Aber geheilt ist der Diabetes nicht?

Nein. Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung. Durch eine Fehlsteuerung des Immunsystems kommt es zu einer fortschreitenden Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Dieser Prozess ist unaufhaltsam und nicht zu beeinflussen.

Wie lange dauert die Erholungsphase?

Das ist sehr unterschiedlich und nicht vorhersehbar. In der Regel einige Monate bis wenige Jahre. Manchmal bleibt die Erholungsphase auch aus – oft bei Patienten, die zu Beginn ihres Diabetes eine schwere Stoffwechselentgleisung, eine Ketoazidose, hatten.

Aber mit etwas Glück hat man ein paar Jahre "Pause"?

Manchmal. Äußerst selten kommt der Autoimmunprozess zum Stehen, und eine Restsekretion körpereigenen Insulins bleibt erhalten. Das bedeutet, dass sich das Risiko für das Auftreten von Folgeerkrankungen und schweren Stoffwechselentgleisungen etwas verringert.

Was ist während der Erholungs­pha­­se bei der Therapie zu beachten?

Die Bauchspeicheldrüse produziert noch selbst Insulin. Man muss hohe Blut­­zuckerwerte sehr vorsichtig korrigie­ren, da es sonst zu Unterzuckerungen kommen kann. Insgesamt ist es in dieser Phase aber relativ einfach, den Diabetes gut zu behandeln – gründliche und strukturierte Schulungen zu Beginn des Diabetes vorausgesetzt.

Wie zeigt sich das Ende der Phase?

Ein untrügliches Zeichen ist, dass die Blutzuckerwerte langsam, aber stetig steigen, weil die körper­eigene Insulinproduktion kontinuierlich abnimmt und schließlich völlig zum Erliegen kommt. Der gesamte Insulinbedarf muss jetzt ersetzt werden. Dadurch steigt der Insulinbedarf zunehmend an.



ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Newsletter: Grüne Taste

Newsletter

Immer gut informiert mit dem kostenlosen Newsletter des Diabetes Ratgeber »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages