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Warum schwankt Blutzucker bei jugendlichen Diabetikern oft extrem?

Woran liegt es, dass die Blutzuckerwerte bei an Diabetes Typ 1 erkrankten Jugendlichen so stark schwanken können? Aus der "Experten-Sprechstunde Diabetes"


Ganz wichtige Erfahrung: Als Jugendliche / r mit Diabetes und damit verbundenen Problemen ist man nicht allein auf der Welt

Jugendliche mit Typ-1-Diabetes haben in der Regel einen recht labilen Stoffwechsel. Mehrere Faktoren sorgen dafür, dass mit Eintritt in die Pubertät die Blutzuckerwerte viel ausgeprägter schwanken als in der vorhergehenden Zeit. Eine ganz wesentliche Bedeutung haben dabei hormonelle Umstellungen: Die Sexualhormone bremsen die Insulinempfindlichkeit. Ihre bis zum Eintritt der Geschlechtsreife sehr unregelmäßige Freisetzung ist eine der Ursachen für unvorhersehbare Berg- und Talfahrten des Blutzuckers. Der mit der Pubertät verbundene Wachstumsschub wird ausgelöst durch hohe Blutspiegel des Wachstumshormons, das genauso dem Insulin entgegenwirkt. Auch das Wachstumshormon wird nicht gleichmäßig ins Blut abgegeben. Die phasenweise sehr ausgeprägte nächtliche Freisetzung ist mitverantwortlich für extreme frühmorgendliche Blutzuckeranstiege, die geradezu typisch für die Zeit der Pubertät sind.

Plötzliche Werte über 300 mg/dl ( 16,6 mmol/l) oder sogar über 400 mg/dl (22,2 mmol/l) ohne erkennbaren Anlass wie Therapiefehler oder zu viel Essen können mutlos machen. Das Gefühl, den Diabetes nicht mehr unter Kontrolle zu haben, egal, was man tut, lässt dann manchen resignieren, die Therapie wird vernachlässigt. Depressive Verstimmungen und vielleicht sogar Vorwürfe der Eltern wegen der hohen Blutzuckerwerte können dann auch noch die Stresshormone ansteigen lassen, was den Blutzucker weiter in die Höhe treibt.



Dabei ist Stress für die meisten Jugendlichen ja bereits ein Dauerzustand. Identitätsfindung, Loslösung vom Elternhaus, Austesten der Grenzen, dazu häufig eine erhebliche Selbstunsicherheit und Empfindlichkeit lassen ständig Konflikte im familiären und schulischen Bereich entstehen und damit die Stresshormone steigen. Selbst bei körperlich gesunden Jugendlichen können diese Konfliktfelder depressive Verstimmungen und eine Null-Bock-Haltung auslösen. Ist zusätzlich noch ein Diabetes unter Kontrolle zu halten, werden derartige Belastungen auch schnell zu einer Vernachlässigung der Therapie und damit zu noch mehr Schwankungen des Blutzuckers führen.

Die meisten Jugendlichen halten sich am liebsten unter Gleichaltrigen auf. Um nicht wegen des Diabetes aufzufallen, zum Beispiel beim Besuch einer Eisdiele oder in der Disko, wird dann schon mal aufs Testen verzichtet. Gespritzt wird dann einfach so – nämlich dann, wenn es nicht auffällt, später oder vielleicht auch gar nicht.

Die Auswirkungen der eigentlich normalen hormonellen Umstellungen während der Pubertät auf den Blutzucker, daraus resultierende Mutlosigkeit und Vernachlässigung der Therapie, das Nicht-Auffallen-Wollen und das erhöhte Stressniveau vieler Jugendlicher können sich gegenseitig so aufschaukeln, das der Blutzucker Achterbahn fährt. Manche Jugendliche resignieren schließlich, testen nur noch selten und spritzen unregelmäßig, bis der Diabetes entgleist und ein Krankenhausaufenthält unvermeidlich ist.

Niemand kommt an der Pubertät vorbei. Natürlich auch nicht, wer bereits als Kind an Diabetes erkrankt. Deshalb ist es die Aufgabe des Diabetesteams, den jungen Patienten und natürlich auch seine Eltern rechtzeitig auf die mit Sicherheit auftretenden Blutzuckerschwankungen vorzubereiten. Kein Jugendlicher mit Diabetes sollte sich die Schuld an hohen Werten geben, nur weil er über die Auswirkungen der Pubertät auf den Stoffwechsel nicht informiert ist. Sofern nicht bereits erfolgt, sollte, wenn der Jugendliche dazu bereit ist, zu Beginn der Pubertät auf eine intensivierte Insulintherapie mit Injektion des Verzögerungsinsulins spätabends umgestellt werden. So lassen sich Stoffwechselschwankungen besser beherrschen als mit nur zwei oder drei Injektionen täglich. Bei massiven frühmorgendlichen Blutzuckeranstiegen kann eine Insulinpumpe zur Beruhigung der Stoffwechsellage beitragen. Das geht natürlich nur, wenn der Jugendliche eine Pumpenbehandlung akzeptiert, was allerdings vielen Mädchen schwer fällt. Wichtig ist, dass der betreuende Diabetologe und der junge Patient – möglichst unter Einbeziehung der Eltern – gemeinsam darüber sprechen, wie sehr hohe Blutzuckerwerte aufgefangen werden können.

Da nun mal die HbA1c-Werte (dieser Messwert spiegelt das sogenannte Blutzuckergedächtnis im Blut wider, informiert also über die Blutzuckereinstellung in den letzten Wochen) während der Pubertät höher liegen als davor und danach, sollte das Diabetesteam mit dem Jugendlichen höhere, dafür aber realistisch erreichbare Zielwerte für Blutzucker und HbA1c festlegen. Das erlaubt dann auch wieder Erfolgserlebnisse, motiviert zur Stoffwechselführung und ist allemal besser, als durch unerreichbare Ziele die Resignation zu fördern.

Der Kontakt zu Gleichaltrigen mit Diabetes und die Erfahrung, dass es anderen auch nicht besser geht, kann die eigene Einstellung relativieren. Zum regelmäßigen Besuch einer Selbsthilfegruppe wird aber kaum ein Jugendlicher bereit sein. Von den Selbsthilfeverbänden und auch manchen Schwerpunktpraxen und Diabetesambulanzen angebotene mehrtägige Freizeiten werden dagegen eher angenommen. Ein stationärer Aufenthalt in einer Diabetes- oder Rehaklinik kann zwar auch nicht die hormonellen Störeinflüsse der Pubertät beseitigen. In einer Gruppe Gleichaltriger mit denselben Diabetesproblemen lässt sich aber in der Regel doch eine Beruhigung von Stoffwechsel und Psyche erreichen, die erfahrungsgemäß über Monate anhält. Womit deutlich wird, welche gewichtige Rolle auch psychische und soziale Faktoren beim Umgang mit dem Diabetes spielen.


Dr. med. Bernd Regling, Diplom-Psychologe und Diabetologe (DDG), Experte der "Sprechstunde Diabetes", in der Sie interessante Fragen, Antworten und Tipps finden, speziell auch zu Diabetes Typ 1

Diese Informationen enthalten nur allgemeine Hinweise und dürfen nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Sie können einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



www.apotheken-umschau.de; 05.06.2009, aktualisiert am 26.06.2010
Bildnachweis: W&B/Christian Lehsten

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