Kann zur Stategie gegen Unterzucker gehören: ein wenig Schokolade zum Ausklang des Abends (je nach Zusammensetzung etwa 1 Riegel)
Sie teilen noch mit, dass Sie Diabetes Typ 1 haben und eine intensivierte Insulintherapie mit Normal- und Verzögerungsinsulin durchführen und Letzteres (das Basalinsulin) gegen 23.00 Uhr spritzen. Weniger Basalinsulin sei bei Ihnen nicht möglich, da dann der Blutzucker morgens zu hoch sei.
Bei dem von Ihnen verwendeten Basalinsulin dürfte es sich um ein NPH-Verzögerungsinsulin (NPH steht für Neutrales Protamin Hagedorn) handeln. Dieser Insulintyp entwickelt etwa vier bis sechs Stunden nach dem Spritzen (Injektion) die stärkste Wirkung. Damit fällt, selbst wenn die Injektion erst gegen 23.00 Uhr erfolgt, ein Teil des Wirkungsgipfels in die Zeit der stärksten Insulinempfindlichkeit. Besonders groß ist die Gefahr einer Unterzuckerung zwischen 02.00 und 03.00 Uhr. Nur mit Blutzuckertests zu dieser Zeit in unterschiedlichen Nächten können Sie erkennen, ob der Blutzucker noch im sicheren Bereich liegt, oder ob über eine Änderung der Therapie nachgedacht werden sollte. Mit einer Injektion erst um 23.30 oder 24.00 Uhr könnten Sie zwar das Wirkmaximum des Basalinsulins in die frühen Morgenstunden verschieben. Dann reagiert der Körper nicht mehr so empfindlich auf Insulin, und die Unterzuckerungsgefahr sinkt. Wer aber morgens früh aufstehen muss, kann natürlich die Spätinjektion nicht grenzenlos in die Nacht verschieben.
Inzwischen stehen gentechnisch veränderte Analog-Langzeitinsuline zur Verfügung, die wegen ihres Wirkungsverlaufs sehr viel seltener zu nächtlichen Unterzuckerungen führen: Insulin Levemir entwickelt ein nicht sehr ausgeprägtes Wirkungsmaximum Stunden später als NPH-Insulin, Insulin Glargin kommt ganz ohne Wirkungsgipfel aus. Bevor Sie mit Ihrem Diabetologen über den Wechsel des Insulinpräparates reden, empfehle ich Ihnen, Ihre Spritztechnik und die Ernährung am Abend zu überprüfen. Denn gar nicht so selten schleichen sich im Laufe der Jahre auch bei erfahrenen Diabetikern Fehler ein, die dann die Diabetestherapie erschweren.
Ein paar Beispiele:
Mischen Sie Ihr Basalinsulin vor der Injektion wirklich sorgfältig auf? Der Pen – bei Verwendung von Einmalspritzen die Ampulle – muss mindestens 20-mal geschwenkt werden, damit sich der trübe Bodensatz (Insulinkristalle mit Verzögerungssubstanz) und der klare Überstand (Verdünnungs- und Desinfektionsmittel) restlos vermischen. Die früher empfohlenen 10-mal reichen nicht, um zuverlässig zu verhindern, dass mal mehr Insulin, mal mehr Verdünnungsmittel gespritzt wird.
Stimmt Ihre Spritztechnik? Verzögerungs- bzw. Basalinsulin muss in das Unterhautfettgewebe am Gesäß (oberer äußerer Quadrant) oder an der Außenseite des Oberschenkels gespritzt werden, weil es sich von hier deutlich langsamer verteilt als bei einer Injektion am Bauch. NPH-Insulin in den Bauch gespritzt würde schneller und kürzer wirken. Dadurch steigt die Gefahr nächtlicher Unterzuckerungen, und wegen der verkürzten Wirkung liegt der Blutzucker morgens zu hoch. Dieser Effekt ist noch sehr viel ausgeprägter, wenn das Basalinsulin aus Versehen in den Muskel gespritzt wird. Bei schlanken Erwachsenen kann das passieren, wenn mit einer Kanüle von 10 oder 12 Millimeter senkrecht am Oberschenkel injiziert wird. Besprechen Sie mit Ihrem Diabetologen oder dem Diabetesteam, ob die Länge Ihrer Kanülen für Ihren Oberschenkel korrekt ist, oder ob Sie besser kürzere Nadeln verwenden und auch schräg in eine Hautfalte spritzen sollten.
Wie sieht Ihre Spätmahlzeit aus? Bei einem Abendessen gegen 19.00 Uhr und Verwendung von Normalinsulin werden Sie wahrscheinlich gegen 21.00 Uhr eine kleine Zwischenmahlzeit benötigen, um den Wirkungsgipfel des vor dem Abendessen gespritzten Normalinsulins aufzufangen. Doch diese Mahlzeit bietet, auch wenn Sie sehr lang wirkende Kohlenhydrate zu sich nehmen, kaum noch Schutz vor einem Blutzuckerabfall gegen 2.00 Uhr. Wer durch nächtliche Unterzuckerungen gefährdet ist, kann sehr effektiv vorbeugen, wenn er zum Zeitpunkt der Spätinjektion einen zusätzlichen und mit reichlich Fett verzögerten Kohlenhydrat-Puffer zu sich nimmt. Was als „Betthupferl“ am günstigsten ist, wurde 1996 in einer Studie am Diabetes Zentrum Mergentheim überprüft. Ein Riegel normale Schokolade und eine Scheibe Brot mit Margarine und Käse oder Wurst (Kohlenhydratgehalt jeweils 1 BE/KE) verhinderten am zuverlässigsten eine Unterzuckerung nach 02.00 Uhr. Beim Brot lag aber der Blutzucker morgens zu hoch. Apfel und Traubensaft wirkten nur in der ersten Nachthälfte. Auch Sahnejoghurt und Diät-Schokolade erfüllten nicht den Zweck. Probieren Sie aus, ob ein Riegel Schokolade um 23.00 Uhr auch Ihren Blutzucker in einen sicheren Bereich bringt! Und testen Sie aus, bei welchem Blutzuckerwert vor der Nachtruhe Sie weitere Kohlenhydrate benötigen, um eine Unterzuckerung zu verhindern.
Auch wenn es lästig ist – wenn Sie Ihren Blutzuckerverlauf während der Nacht besser in den Griff bekommen wollen, sind in nächster Zeit Selbstkontrollen gegen 02.00 Uhr zur Überprüfung vorgenommener Maßnahmen unverzichtbar. Und unabhängig davon, ob Sie es mit Ihrem Basalinsulin schaffen, nachts auf der sicheren Seite zu liegen, oder ob Sie sich mit Ihrem Diabetologen für ein anderes Insulinpräparat entscheiden – auf gelegentliche nächtliche Tests sollten Sie nie verzichten, um eine eventuelle Tendenz zu niedrigen Werten rechtzeitig erkennen zu können. Obligatorisch sollte ein nächtlicher Test immer dann sein, wenn durch vermehrte körperliche Betätigung tagsüber oder Alkoholkonsum die Gefahr einer nächtlichen Unterzuckerung erhöht ist.
Dr. med. Bernd Regling, Diplom-Psychologe und Diabetologe (DDG), Experte der "Sprechstunde Diabetes", in der Sie interessante Fragen, Antworten und Tipps finden, speziell auch zu Diabetes Typ 1
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18.02.2009, aktualisiert am 26.06.2010
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