Yuma fällt vor Eifer fast der Schnuller aus dem Mund. "Auch messen", sagt sie und stupst ihren Bruder am Arm. Bela schiebt gerade einen Teststreifen in sein Blutzuckermessgerät. Es ist blau-silber, genau wie das von Yuma. Nur hängt an ihrem Mäppchen eine rosa Schleife. "108", ruft der achtjährige Bela. "Super", kommentiert seine Mutter Britta den Wert und stellt eine Schale mit frischen Erdbeeren auf den Tisch.
Dann nimmt sie Yuma auf den Schoß, die ihr sofort die Hand entgegenstreckt. Am liebsten würde Yuma, gerade zweieinhalb Jahre alt, ihren Blutzucker selbst messen – wie ihr Bruder Bela. Aber natürlich braucht sie dabei noch Hilfe. Sanft drückt Britta Bungenberg ihrer Tochter die Stechhilfe an den kleinen Finger. Auch Yumas Wert ist gut.
Erdbeeren möchte sie keine, lieber ein Eis. "Auf!", fordert sie, und zeigt auf die Eistüte, die ihre Mutter aus der Küche geholt hat. Bela zählt derweil Erdbeeren: "Zehn Stück sind eine KE!" Eine Kohlenhydrateinheit, dafür braucht er 0,8 Einheiten Insulin. Das Rechnen mit Kohlenhydraten beherrscht Bela aus dem Effeff. "Ist ja nichts Neues für mich", sagt er.
Diagnose in Schanghai
Bela und Yuma bekamen beide mit 18 Monaten Typ-1-Diabetes. Für die Eltern nicht nur ein Schreck, sondern auch eine Überraschung: "Bis dahin hatte niemand in unserer Familie Diabetes gehabt", sagt Britta Bungenberg. Als Bela erkrankte, lebte die Familie in Schanghai, wo Vater Lars am Bau des Transrapid beteiligt war.
Es begann mit einem scheinbar harmlosen Magen-Darm-Infekt. Plötzlich trank Bela literweise Wasser, so viel Durst hatte er. "Eine Bekannte riet uns, wir sollten ihn auf Diabetes untersuchen lassen", sagt Britta Bungenberg. Beim Arzt zeigte das Blutzucker-Messgerät nur noch "HIGH" ("hoch") an. In der Kinderklinik empfahl man den Eltern, Bela zu einem Diabetes-Spezialisten nach Hongkong oder Deutschland zu bringen.
Sie entschieden sich für Hannover. Dort waren beide aufgewachsen und dort, so wussten sie, gibt es eine große Klinik für Kinder mit Diabetes. Mitten in der Nacht kamen sie dort an. Bela und seine Mutter landeten in einem Zimmer mit sechs Kindern und deren Müttern. Alle zwei Stunden knipste eine Schwester das Licht an, kontrollierte den Zucker und spritzte Bela Insulin. Zehn Tage lang blieb Bela in der Klinik, abwechselnd schliefen seine Mutter oder sein Vater bei ihm. Nebenbei suchte die Familie eine neue Bleibe.
Als ein paar Jahre darauf Belas Schwester Yuma ebenfalls Typ-1-Diabetes bekam, war alles weniger dramatisch. Die Familie lebte inzwischen wieder ständig in Hannover. "Yuma wurde immer 'knurriger' und wollte nichts mehr essen. Da haben wir mit Belas Messgerät ihren Zucker gemessen – und eine halbe Stunde später waren wir in der Klinik", erinnert sich Britta Bungenberg.
Die Pumpe macht vieles leichter
Zwei Kinder mit Diabetes – das mussten Britta und Lars Bungenberg erst mal verdauen. "Wir haben natürlich gehofft, dass Yuma gesund bleibt", sagt Lars Bungenberg. Bela dagegen war gar nicht so unglücklich: "Ich fand's zwar für Yuma doof. Aber wenigsten war ich nicht mehr der Einzige mit Diabetes", sagt er, zieht seine Insulinpumpe aus der Tasche und drückt eine Taste, um die Insulindosis für die Erdbeeren abzurufen.
Auch Yuma hat eine Pumpe, in ihrer Lieblingsfarbe Rosa. Genüsslich schleckt sie an ihrem Eis. So genüsslich, dass es langsam zu tropfen beginnt. "Insulin bekommt Yuma aber erst, wenn ich sicher bin, dass sie aufisst", sagt Britta Bungenberg. Denn wenn Yuma es sich plötzlich anders überlegt und die Lust an ihrem Eis verliert, könnte sie sonst unterzuckern.
Als Bela noch keine Pumpe hatte, musste seine Mutter ihm jedes Mal, wenn er zwischendurch etwas naschen wollte, Insulin spritzen. Die Pumpe hat vieles leichter gemacht: Das ständige Piksen ist nicht mehr nötig, denn das Insulin wird per Knopfdruck unter die Haut befördert. Auch die Betreuung der Kinder ist einfacher. Britta Bungenberg arbeitet fünf Tage pro Monat als Flugbegleiterin.
In dieser Zeit passt ihre Schwägerin tagsüber auf die Kinder auf. Wenn Bela oder Yuma etwas essen wollen, wiegt sie das Essen ab und gibt die Kohlenhydratmenge in die Pumpe ein. Die Pumpe berechnet dann die nötige Insulindosis.
Kein Krippenplatz wegen Diabetes
Bald kommt Yuma in den Kindergarten. "Die Kita ist gleich bei uns um die Ecke. Weil es mit Bela so gut geklappt hat, nehmen sie jetzt auch Yuma ", sagt Britta Bungenberg. Wie man den Blutzucker misst und Kohlenhydrate abschätzt, haben sich die Erzieherinnen extra von einer Diabetesberaterin erklären lassen. So aufgeschlossen sind allerdings längst nicht alle Einrichtungen. Mit Krippen haben die Bungenbergs, wie viele andere Eltern von Diabetes-Kindern, auch schlechte Erfahrungen gemacht. "Wir hatten schon die Zusage für einen Platz, doch dann bekam Yuma Diabetes – und er war wieder weg", sagt Britta Bungenberg.
Die Erzieherinnen wollten kein Kind mit Diabetes betreuen. Der Leiter riet dazu, Yuma in eine Krippe zu geben, die behinderte Kinder aufnimmt. Doch dort hieß es nur: "Nichts frei!" Ginge es nach den Bungenbergs, würden alle Erzieher und Lehrer eine Diabetes-Schulung bekommen: "Dann wäre ihnen klar, dass Kinder mit Diabetes nicht behindert sind und auch keine aufwendige Sonderbehandlung brauchen!", sagt Lars Bungenberg.
Wie aufs Stichwort flitzt sein Sohn Bela mit einem Korb voller Schokolade um die Ecke. Ein Geschenk der Nachbarn. "Komm, Yuma", sagt er und zieht seine Schwester an der Hand. Die strahlt übers ganze Gesicht, zeigt auf eine Schokotafel und fordert: "Auf! Auf!"
Daniela Pichleritsch / Diabetes Ratgeber;
15.09.2011
Bildnachweis: W&B/Michael Löwa
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