Diagnose Typ-2-Diabetes: Was sich jetzt ändert

Nach der Diagnose Typ-2-Diabetes haben Betroffene erst mal viele Fragen. Wir klären die häufigsten. Die wichtigste Antwort vorab: So viel ändert sich gar nicht, wenn Sie es schlau anstellen

von Dr. Antje Kunstmann, Ute Wild, aktualisiert am 15.12.2016

Stefan R.: Zahlreiche Fragen nach der Diabetes-Diagnose

W&B/Florian Generotzky

Durstig, müde, schlapp: Stefan R. spürte 2007 deutlich, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Eine Untersuchung bei seiner Hausärztin förderte schließlich ans Licht, was ihm zu schaffen machte: Die Blutzuckerwerte waren erhöht. "Die Diagnose Typ-2-Diabetes war erst mal ein Schock", erinnert sich der 53-Jährige, der als Bild- und Tonmeister beim Bayerischen Rundfunk in München arbeitet, "und ich hatte zahlreiche Fragen, etwa, ob ich jetzt sofort Insulin brauche." Doch während einer Kur und in Schulungen lernte Stefan R., wie ihm Medikamente helfen und wie er den Blutzucker mit einem gesunden Lebensstil unter Kontrolle hält.

Ähnlich wie Stefan R. haben viele Menschen nach der Diagnose "Typ 2" erst mal jede Menge Fragen. Die häufigsten und was Experten darauf antworten, haben wir hier für Sie zusammengestellt.


1. Muss ich jetzt mein ganzes Leben ändern?

"Die meisten Betroffenen machen sich diesbezüglich zu viele Sorgen", sagt Dr. Roy Tustas, Hausarzt aus Hamburg. "Wenn ein Typ-2-Diabetes festgestellt wird, bedeutet das vor allem, dass man von nun an etwas mehr für seine Gesundheit tun muss – und natürlich die Blutzuckerwerte wieder in den Griff bekommt."

Auch Claudia Leippert, Diabetesberaterin und stellvertretende Vorsitzende des Verbands der Diabetesberatungs- und Schulungsberufe e. V., weiß: "Viele Menschen haben den Kopf voller Ängste und falscher Vorstellungen, wenn sie von ihrem Diabetes erfahren. Das Wichtigste ist, diese abzubauen. Typ-2-Diabetes ist eine Erkrankung, die man gut behandeln kann!"

2. Was passiert in meinem Körper?

Wer Typ-2-Diabetes bekommt, dem ist die Krankheit oft schon ein Begriff. Häufig gibt es nämlich den einen oder anderen Typ-2-Diabetiker in der Familie. Zum Beispiel die Großmutter, die "Alterszucker" hatte. Die Anlage für die Krankheit liegt in den Genen. "Typ-2-Diabetes ist in der Regel die Folge einer Insulinresistenz, die mit dem Erbgut weitergegeben wird", sagt die Haus­ärztin Dr. Ute Welsch-Eckhard aus München, die auch den 53-jährigen Stefan R. betreut.

Infolge der Insulinresistenz wirkt das blutzuckersenkende Hormon nicht richtig. Der Körper kann das zwar lange Zeit ausgleichen, indem er mehr Insulin produziert. Eines Tages reicht das aber nicht mehr. Dann steigt der Blutzuckerspiegel stark an. Ab einem nüchtern gemessenen Blutzuckerwert von 126 mg/dl (oder 7,0 mmol/l) spricht man von Diabetes. 

3. Was kann ich selbst tun?

Übergewicht und Bewegungsmangel verstärken die Insulinresistenz. Das heißt: Wer an diesen Schrauben dreht, hat beste Chancen, seinen Diabetes unter Kontrolle zu bekommen. "Oft reichen bereits drei bis vier Kilo weniger, damit sich die Zuckerwerte bessern", sagt Hausarzt Tustas. Frisch diagnostizierten Typ-2-Diabetikern rät Claudia Leippert, an einer Schulung teilzunehmen. Dort erfahren sie auch, wo­rauf es bei der Ernährung ankommt. "Niemand braucht spezielle Diät-Produkte", sagt sie. "Ideal ist eine ausgewogene Kost mit viel Gemüse und ein bis drei Stück Obst am Tag, mit Vollkornprodukten, wenig tierischem Fett und maßvoll pflanzlichem Fett", sagt Claudia Leippert.

Regelmäßige Bewegung sorgt dafür, dass die Muskeln Zucker verbrennen und die Fettpolster schmelzen. Um ein Gespür dafür zu bekommen, wie die Zuckerwerte auf Bewegung und bestimmte Lebensmittel reagieren, hilft es, vor allem anfangs häufiger den Blutzucker zu kontrollieren. Teststreifen bezahlen die Kassen bei Typ-2-Diabetes nur begrenzt, etwa wenn eine Insulintherapie nötig ist. Oder vorübergehend in Phasen, in denen die Therapie geändert wird.


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4. Ich soll abnehmen, weiß aber nicht, wie: Wer hilft mir?

Mehr Bewegung, gesünder essen: Das klingt einfach. Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier – und deshalb tun sich im Alltag viele schwer, die guten Ratschläge umzusetzen. Gerade hier kann eine Diabetesschulung gute Hilfe leisten. Angeboten werden Schulungen von Diabetes-Praxen oder Kliniken. Am besten sucht man sich Verbündete, um sich gegenseitig zu motivieren und dabei zu unterstützen, alte Lebensgewohnheiten zu durchbrechen. An vielen Orten gibt es Diabetes-Selbsthilfe- oder -Sportgruppen. Informieren Sie sich zum Beispiel beim Arzt, der Krankenkasse, unter www.diabetesde.org oder unter www.diabetes-sport.de.


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5. Brauche ich jetzt Tabletten?

Ob gleich zu Anfang Tabletten nötig werden oder nicht, entscheidet der Arzt mit dem Patienten. Insulin brauchen nur wenige sofort (siehe Therapie-Stufenplan). Meist empfiehlt der Arzt zunächst eine Änderung des Lebensstils und kontrolliert nach drei bis sechs Monaten den Blutzucker-Langzeitwert HbA1c. Dieser Wert informiert über die durchschnittliche Höhe der Blutzuckerwerte im Verlauf der vergangenen acht bis zehn Wochen. Je nachdem, wie der HbA1c-Wert und gegebenenfalls die vom Patienten selbst gemessenen Blutzuckerwerte ausfallen, wird die Therapie angepasst. So mancher Patient, der gleich nach der Diagnose blutzuckersenkende Tabletten bekommen hat, kann sie wieder weglassen – weil sich seine Zuckerwerte dank Bewegung und Abbau von Übergewicht deutlich gebessert haben.


W&B/Martina Ibelherr

6. Welche Tabletten gibt es eigentlich?

"Mittel der ersten Wahl bei Typ-2-Diabetes ist der Wirkstoff Metformin", erklärt Professor Michael Roden, Direktor des Deutschen Diabetes-Zentrums in Düsseldorf. Metformin senkt den Blutzucker, fördert aber keine Gewichtszunahme, wie das etwa die sogenannten Sulfonylharnstoffe tun, und ist in der Regel gut verträglich. Als Nebenwirkung können vor allem anfangs Magen-Darm-Probleme auftreten. "Meist lässt sich das jedoch verhindern, indem die Dosis nur langsam erhöht wird", so Michael Roden. Wer Metformin nicht verträgt – das sind etwa 15 von 100 Patienten –, könne auf andere Wirkstoffe ausweichen.


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7. Kann ich Diabetes wieder loswerden?

Typ-2-Diabetes ist keine Krankheit, die man mit einer "Tablettenkur" wieder loswird. Zwar können sich die Blutzuckerwerte dank einer gesunden Lebensweise so stark bessern, dass der Patient keine Tabletten (oder kein Insulin) mehr benötigt. Doch früher oder später verschlechtern sich die Blutzuckerwerte oft wieder. "Das heißt aber nicht, dass man etwas falsch macht, auch wenn sich viele Menschen das natürlich fragen", sagt Claudia Leippert. 

Im Laufe der Jahre lässt die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse immer mehr nach. Das passiert auch bei stoffwechselgesunden Menschen. Bei vielen Typ-2-Diabetikern führt das jedoch dazu, dass sich die Blutzuckerwerte irgendwann nicht mehr ohne Medikamente im Normalbereich halten lassen. Wann dieser Zeitpunkt gekommen ist, hängt auch davon ab, wie lange der Diabetes vor der Diagnose schon unbemerkt bestanden hat.

8. Ab wann brauche ich Insulin?

"Im Durchschnitt wird bei Patienten mit Typ-2-Diabetes nach zehn Jahren Behandlung eine Insulintherapie not­wendig", erklärt der Diabetologe Michael Roden. Je weniger Übergewicht ein Typ-2-Diabetiker mit sich trägt und je gesünder er lebt, desto länger lässt sich dieser Punkt hinausschieben.

Allerdings geht es nicht immer da­rum, so spät wie möglich Insulin zu geben. "Wenn nach einer Weile das Metformin allein nicht mehr hilft, kann man entweder erst einmal ein oder zwei andere Mittel hinzunehmen. Oder frühzeitig auf eine einfache Insulintherapie umsteigen, etwa mit einer Spritze am Tag. Das entscheiden Arzt und Patient in der Regel gemeinsam", so Michael Roden.

9. Welche Folgeschäden kann Diabetes verursachen?

Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte sind purer Stress für die Blutgefäße. Sowohl für die kleinen Gefäße, etwa in Augen und Nieren, als auch für die großen Arterien, die die Organe versorgen. Aus diesem Grund gehören Krankheiten wie ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall zu den gefürchteten Folgeproblemen, die ein schlecht behandelter Diabetes verursachen kann.

Auch die Nerven leiden – was insbesondere an den Füßen zum Problem werden kann. Denn wenn das Schmerzempfinden nachlässt, können kleine Wunden rasch und unbemerkt zu tiefen Geschwüren werden – wozu auch die bei Diabetes häufig gestörte Durchblutung beiträgt. "Die tägliche Pflege und Inspektion der Füße auf Verletzungen ist daher Pflicht bei Diabetes", sagt Michael Roden.

10. Wie oft muss ich jetzt zum Arzt?

"Einmal pro Quartal sollten Sie auf jeden Fall zur Kontrolluntersuchung", so Hausarzt Tustas. Die meisten Patienten mit Typ-2-Diabetes werden vom Hausarzt behandelt, der sie bei Problemen, etwa bei Hinweisen auf Folgekrankheiten, zum Spezialisten überweist. Zum Beispiel zum Diabetologen, wenn eine intensivierte Insulintherapie nötig wird, oder zum Neph­rologen, wenn sich ein diabetesbedingter Nierenschaden entwickelt.

Fast alle Patienten mit Diabetes schreiben sich in ein Disease-Management-Programm (DMP) Diabetes ein. Das ist ein strukturiertes Behandlungs-programm für chronisch Kranke. Sie profitieren dann auch von dem Erinnerungsservice. "Eine gute Sache", so Tustas: "Man wird auf anstehen­de Arzttermine oder versäumte Schulungen hingewiesen und bleibt immer am Ball!"



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