Ein Netzwerk für Diabetiker

Eine Krankheit – viele Helfer. Das Beispiel einer Kleinstadt nahe Gütersloh zeigt, wie Diabetiker profitieren, wenn verschiedene Fachleute in einem Netzwerk zusammenarbeiten
von Sabine Lotz, 18.08.2017

Fachleute im Austausch: Netzwerke verbessern die Patientenbetreuung

Fotolia/contrastwerkstatt

Schwungvoll zieht Willi F., 64, den Bügel des Rückentrainers nach unten. Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn. "Und das muss jetzt wirklich regelmäßig sein?", fragt er. Physiotherapeut Roland Schroth nickt: "Wenn Sie Muskeln aufbauen und sich mehr bewegen wollen …" Noch einmal zieht Willi F. am Bügel, dann ist Schluss. Schließlich will er heute noch zu zwei weiteren Beratungsterminen – zum Apotheker und ins Sanitär-Fachgeschäft.

Willi F. hat Typ-2-Diabetes. In letzter Zeit haben sich seine Werte verschlechtert. Er müsse mehr Sport treiben, mehr aufs Gewicht achten, hat der Arzt gesagt. Gar nicht so einfach.

Netzwerke: Fachleute stehen miteinander in Kontakt

Doch Willi F. hat einen Vorteil. Er lebt in Schloss Holte-Stukenbrock. In der Kleinstadt im Kreis Gütersloh gibt es ein einzigartiges Netzwerk: einen Kreis von miteinander vernetzten Fachleuten, die sich um die Gesundheit von Diabeteskranken kümmern.

Initiatorin ist Beate Niendorf, Pflegedienstleiterin der Diakoniestation in Schloss Holte-Stukenbrock. Die Idee, ein Experten-Netzwerk für Diabetiker zu gründen, kam der 47-Jährigen vor gut zwei Jahren. Viele ihrer Klienten sind zuckerkrank. Die Pflegefachfrau erlebt also tagtäglich, mit welchen Alltagsproblemen vor allem Ältere zu kämpfen haben. "Viele haben zum Beispiel noch nie davon gehört, dass es spezialisierte Diabetes-Ärzte gibt. Auch dass man für eine höhere Toilettenschüssel einen Zuschuss bekommen kann oder dass es Ernährungsberatung auf Kassenkosten gibt, weiß kaum jemand", sagt Niendorf. "Das wollten wir ändern."

Jeder Patient erhält ein Notizheft

Am 1. Januar 2016 fiel der Startschuss für das Netzwerk Diabetes, das heute knapp ein Dutzend Apotheker, Physiotherapeuten, Diabetologen, Sportlehrer, Pflegekräfte und Wundmanager umfasst. Auch eine auf alters- und behindertengerechten Badezimmerumbau spezialisierte Installateurfirma ist mit im Boot.

Unterstützung erhält das Dia­betes-Netzwerk unter anderem von der Deutschen Diabetes-Stiftung, welche die Organisation mit Informations- und Schulungsmaterial versorgt. Damit alle den Überblick behalten, erhält jeder Patient ein Notizheft, auf dem "Ihr Roter Faden" steht. Darin werden wichtige Daten und Gesundheitsinfos gesammelt – vom Betroffenen selbst und, wenn gewünscht, von den einzelnen Experten des Netzwerks.

Blick für das Fachfremde

Was das Diabetes-Netzwerk in Schloss Holte-Stukenbrock so einzigartig macht, ist der ganzheitliche Blick der Beteiligten auf "ihre" Diabeteskranken. "Jeder von uns achtet nicht nur auf die Symptome oder Signale, die seinen Fachbereich betreffen", sagt Pflegerin Beate Niendorf. "Wir alle versuchen, den ganzen Menschen mit all seinen gesundheitlichen Problemen zu betrachten und ihm zu helfen."

Praktisch sieht das dann so aus: Bekommt Volker Beyer vom Sanitär-Fachgeschäft mit, dass ein Kunde Diabetes hat, händigt er ihm den Flyer des Netzwerks aus und empfiehlt eine Beratung bei Beate Niendorf. Apothekerin Raphaela Menne, der ein Kunde von einer hartnäckigen Fußwunde erzählt, nennt ebenfalls Beate Niendorf als Ansprechpartnerin.

Diese kümmert sich dann entweder selbst darum, dass die Wunde gut versorgt wird, oder schaltet das Wundzentrum Bielefeld ein. Und klagt ein Klient bei Physiotherapeut Roland Schroth über seine zu hohe Duschwanne daheim, vermittelt dieser ihm den Kontakt zu Volker Beyer vom Sanitär-Fachgeschäft.

Kein Detail geht verloren

Alle Akteure sind miteinander vernetzt. Kreuz und quer wird telefoniert, werden Informationen ausgetauscht. Damit dabei kein wichtiges Detail verloren geht, treffen sich die Netzwerk-Akteure einmal im Monat und besprechen die Probleme der Menschen, die sie betreuen.

Von der Fürsorge der Netzwerk-Akteure profitieren in Schloss Holte-Stukenbrock derzeit zehn Diabetiker. Und es werden immer mehr. Auch Willi F. ist erst kürzlich ans Netzwerk geraten. Pflegerin Beate Niendorf kennt ihn aus ihrer Nachbarschaft. "Schon seit einem Jahr sage ich dem Willi, dass er aktiv werden muss. Nun ist er endlich bereit, mal bei uns reinzuschnuppern." Ob daraus etwas Dauerhaftes wird? "Ganz bestimmt", sagt Willi F. "Es ist schon beeindruckend, was die im Netzwerk für einen tun. Ich glaube, mit meinem Diabetes bin ich da gut aufgehoben."

So schaffen Sie sich ein ­eigenes Netzwerk

  • Krankenkassen haben Angebote für chronisch Kranke. In solchen Disease-Management-Programmen (DMP) arbeiten Ärzte, Kliniken, Apotheken und Reha-Einrichtungen zusammen. Infos: Arzt, Kasse
  • Selbsthilfegruppen bieten Austausch mit anderen Diabetikern. Infos: Arzt, Kasse, www.nakos.de
  • Diabetes-Lotsen helfen bei ­Pro­blemen im Alltag. Infos: zum Beispiel Landesverbände des Deutschen Diabetiker Bundes (www.diabetikerbund.de)


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