Von einer Unterzuckerung spricht man in der Regel, wenn der Blutzucker unter 50 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) beziehungsweise -2,7 Millimol pro Liter (mmol/l) sinkt. Normal sind Nüchternwerte um die 100 mg/dl.
Die häufigste Ursache einer Unterzuckerung sind falsche Dosierungen der oralen Diabetesmedikamente und von Insulin, auch körperliche Aktivität oder das Auslassen von Mahlzeiten. Besonders Medikamente aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe (Wirkstoffe z.B. Glibenclamid, Glimepirid, Gliclazid, Glibornurid) und der Glinide können Unterzuckerungen auslösen, da sie die Bauchspeicheldrüse anregen, Insulin auszuschütten, das den Zucker aus dem Blut in die Zellen einschleust.
Unterzuckerungen infolge von Sulfonylharnstoff-Tabletten können sehr anhaltend sein. Das Risiko für eine Unterzuckerung ist geringer bei Metformin oder Medikamenten aus der Gruppe der Glitazone, Inkretinmimetika, DPP-4 Hemmer sowie bei kurz- und langwirksamen Insulinanaloga.
Auch Alkohol erhöht das Risiko von Unterzuckerungen, da Alkohol die Zuckerneubildung in der Leber hemmt. Die Zuckerspeicher in der Leber sind wichtig für die Grundversorgung des Körpers mit Traubenzucker. Alkohol am Abend kann daher zu einer nächtlichen Unterzuckerung führen.
Nach langjährigem Diabetes (das gilt aber vor allem für Menschen mit Typ-1-Diabetes) kann die Wahrnehmung der Unterzuckerungs-Warnzeichen gestört sein. Auch das erhöht das Risiko für Unterzuckerungen.
Schon bevor der Blutzucker in den kritischen Bereich fällt, kann sich ein sinkender Blutzuckerspiegel bemerkbar machen. Sinkt der Blutzucker unter einen Wert von etwa 70 mg/dl (3,9 mmol/l) beginnt der Körper zu reagieren, um den Blutzucker wieder zu erhöhen – sogenannte „Gegenregulationen“.
Zunächst drosselt der Körper die Insulinsekretion durch die Bauchspeicheldrüse. Sinkt der Blutzucker weiter, werden die Hormone Adrenalin und Glukagon ausgeschüttet, etwas später auch Wachstumshormone, Cortisol und Noradrenalin. Diese bewirken, dass die Leber gespeicherten Zucker ins Blut abgibt.
Frühe Symptome einer Unterzuckerung, die durch die Ausschüttung von Adrenalin bedingt sind, sind beispielsweise:
Zeichen eines Energiemangels im Gehirn sind:
Bei sehr tiefen Werten kann es zu folgenden Symptomen kommen:
Bei Diabetikern, deren Blutzuckerwerte seit langer Zeit unzureichend eingestellt sind, können diese Vorgänge schon vorher einsetzen. Etwa wenn die Blutzuckerwerte ansonsten um 100 bis 150 mg/dl (5,6 bis 8,3 mmol/l) liegen.
Im Rahmen einer Unterzuckerung können Betroffene sich selbst und andere gefährden (beispielsweise im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz).
Bei häufigem und schwerem Unterzuckerungen vor allem nach jahrelanger Diabetesdauer können möglicherweise Veränderungen der Hirnfunktionsleistung, z.B. Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, auftreten.
Generell sollten Diabetiker Blutzuckerwerte unter 80 mg/dl (5,5 mmol/l) vermeiden.
Wenn Sie erste Anzeichen einer Unterzuckerung bemerken, sollten Sie ein bis zwei BE/KE schnell ins Blut gehende Kohlenhydrate zu sich nehmen. Beispielsweise zwei bis vier Plättchen Traubenzucker oder Flüssigzucker aus der Apotheke. Schnelle Kohlenhydrate sind (absteigend nach Wirkstärker geordnet):
Schokolade, Sahneeis etc. sind weniger geeignet, weil sie eher langsam wirken. Ihre Fette verzögern die Magenentleerung und damit auch die Aufnahme der Kohlenhydrate.
Diabetiker, die eine Therapie mit Unterzuckerungspotential durchführen, sollten immer drei bis vier BE/KE Traubenzucker mit sich führen und nachts neben dem Bett liegen haben.
Diabetiker, die Tabletten mit Wirkstoff Acarbose oder Miglitol einnehmen, verwerten Haushaltszucker und Stärke nur verzögert. Sie sollten bei Unterzucker deshalb immer zu Traubenzucker greifen.
Mit einer Glukagon-Spritze können Laien einem bewusstlosen Diabetiker im Unterzucker helfen. Die Abbildungen zeigen wie es geht (zum Vergrößern ins Lupen-Symbol klicken).
Eine schwere Unterzuckerung ist ein Zustand, bei dem sich der Betroffene nicht mehr selbst helfen kann, sondern Fremdhilfe notwendig wird. Verliert ein Diabetiker im Rahmen einer schweren Unterzuckerung das Bewusstsein, darf man ihm keinesfalls etwas einflößen. Das könnte dazu führen, dass etwas in die Luftröhre gerät. Bei Bewusstlosigkeit sofort den Notarzt (112) verständigen. Der Arzt kann dem Betroffenen eine hochkonzentrierte Zuckerlösung spritzen, die die Unterzuckerung schnell beseitigt.
Diabetiker, die zu häufigen und schweren Unterzuckerungen mit Bewusstlosigkeit neigen, können sich ein Glukagon-Set verschreiben lassen. Glukagon ist ein Hormon, das den Blutzucker erhöht. Im Falle einer Bewusstlosigkeit können Familienangehörige, Freunde oder Kollegen, die über den Umfang mit dem Glukagon-Set informiert sind, dem Diabetiker eine Spritze in den Muskel oder eine Hautfalte setzen. Glukagon wirkt innerhalb von wenigen Minuten. Nach dem Aufwachen muss der Diabetiker zwei bis drei BE/KE schnelle Kohlenhydrate zu sich nehmen, damit der Blutzucker nicht erneut sinkt. Vor allem Unterzuckerungen, die durch Sulfonylharnstoff-Präparate bedingt sind, können bis zu mehreren Tagen anhalten, so dass eine stationäre Überwachung in der Klinik nötig sein kann.
Es gibt Hinweise darauf, dass schwere Unterzuckerungen das Risiko für Blutdruckkrisen, Herzrhythmusstörungen oder sogar einen plötzlichen Herzstillstand erhöhen. Daher sollte insbesondere bei älteren Diabetikern mit Herzproblemen die Diabetestherapie mit Augenmaß erfolgen (individuelle Zielwertbereiche) und der Blutzucker nicht zu aggressiv gesenkt werden. Schwere Unterzuckerungen sollten Diabetiker in jedem Fall vermeiden.
www.diabetes-ratgeber.net;
09.11.2009, aktualisiert am 14.01.2013
Bildnachweis: W&B/Bernhard Limberger, W&B/Martin Ley
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