Risikoreiches metabolisches Syndrom

Wer erhöhte Blutzuckerspiegel hat, bei dem sind oft auch Blutdruck, Blutfettwerte und Bauchumfang nicht in Ordnung – eine gefährliche Kombination
von Günter Löffelmann, aktualisiert am 22.10.2015

Metabolisches Syndrom behandeln: Mehr Bewegung ist wichtig

Stockbyte/RYF

Ein Unglück kommt selten allein. Das müssen auch Menschen mit gestörtem Blutzuckerstoffwechsel immer wieder leidvoll erfahren. "Oft ist es so, dass sie zugleich weitere Befunde haben, etwa Übergewicht, eine ungünstige Zusammensetzung der Blutfette oder Bluthochdruck", sagt Professor Dirk Müller-Wieland, Mediensprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Liegen drei dieser Störungen gleichzeitig vor, spricht man von einem metabolischen Syndrom.

Diese Diagnose kann mit erheblichen gesundheitlichen Folgen einhergehen. Denn jede der genannten Störungen stellt allein schon einen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar. "Beim metabolischen Syndrom addieren sich die negativen Effekte, sodass Betroffene deutlich früher und häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle erleiden als Nichtbetroffene", erläutert Müller-Wieland.


Definition und Grenzwerte

Zur Diagnose werden nach einem Konsens internationaler Fachgesellschaften folgende Kriterien herangezogen. Das metabolische Syndrom liegt vor, wenn mindestens drei von ihnen erfüllt sind:

  • Erhöhter Taillenumfang: Bei Männern über 94 bis 102 cm, bei Frauen über 80 bis 88 cm (es gibt verschiedene Definitionen). Der Taillenumfang dient als Hinweis auf einen übermäßigen Bauchfettanteil. Die Messung erfolgt in der Mitte zwischen unterem Rippenbogen und oberem Beckenkamm.
  • Triglyzerid-Konzentrationen im Blut ab 150 mg/dl (> 1,7 mmol/L) morgens im nüchternen Zustand oder eine Behandlung mit Triglyzerid-senkenden Medikamenten
  • Erniedrigte Konzentration von HDL-Cholesterin im Blut; Männer unter 40 mg/dl (unter 1,03 mmol/L), Frauen unter 50 mg/dl (unter 1,29 mmol/L) oder eine Behandlung mit HDL-steigernden Medikamenten
  • Blutdruck ab 130/85 mmHg oder Behandlung mit blutdrucksenkenden Mitteln
  • Nüchternblutzucker mindestens 100 mg/dl (> 5,6 mmol/L) oder diagnostizierter Typ-2-Diabetes

Metabolisches Syndrom: Bauchfett als Auslöser?

In Deutschland trifft die aktuelle Definition des metabolischen Syndroms auf rund jeden vierten Erwachsenen zu. Bislang ist aber immer noch unklar, wie die einzelnen Störungen zusammenhängen und sich gegenseitig bedingen. Eine zentrale Rolle scheint die Fettverteilung im Körper zu spielen.

Als ungünstig gilt Bauchfett, dass die Eingeweide im Bauchraum umgibt – Mediziner sprechen von viszeralen Fettdepots. "Dort setzen die Fettzellen – anders als jene im Unterhautfettgewebe – stoffwechselaktive und entzündungsfördernde Botenstoffe frei", erklärt Müller-Wieland. Muskel- und Leberzellen verlieren daraufhin ihre Empfindlichkeit gegenüber Insulin, eine Insulinresistenz entsteht. Darüber hinaus beeinflussen die Botenstoffe aus dem Bauchfett die Elastizität der Blutgefäße und die Blutgerinnung, was die Entstehung von Bluthochdruck und Infarkten erklären könnte. Häufig kommt es auch zu einer Leberverfettung, die das Risiko einer Leberentzündung bis hin zu Leberkrebs in sich birgt.

Diese Zusammenhänge sind auch der Grund, warum Ärzte heute nicht mehr alleine das bloße Gewicht betrachten. Sie sehen sich vielmehr an, wie die überschüssigen Pfunde im Körper verteilt sind. Dazu messen sie den Taillenumfang, der Auskunft über das Bauchfett gibt.

Gene und ungünstiger Lebensstil als Ursache

Was aber gibt den Anstoß dazu, wenn sich ein metabolisches Syndrom entwickelt? An dieser Stelle kommen die Gene und der Lebensstil ins Spiel. Zum einen fördern entsprechende Gene Übergewicht. Zum anderen könnten die Erbanlagen mit darüber entscheiden, ob überschüssige Kalorien als eher unschädliches Fett unter der Haut oder als schädlicheres Fett im Bauchraum und um die Organe herum gespeichert werden.

Abgesehen davon spielen eine kalorienreiche Ernährung und Bewegungsmangel eine große Rolle. Und während die Erbanlagen sich nicht ändern lassen, geht das beim Lebensstil sehr wohl. Alte und tief verwurzelte Gewohnheiten müssen dann unter Umständen über Bord geworfen und neue Verhaltensweisen entwickelt werden. Kein leichtes Unterfangen, zumindest am Anfang. Aber es lohnt sich.

Mehr Bewegung, weniger Kalorien

"Lebensstiländerungen mit einer kalorienreduzierten Kost und vermehrter körperlicher Aktivität sind die Basis einer jeglichen Therapie", bestätigt Müller-Wieland. Erstes Behandlungsziel für Patienten mit metabolischem Syndrom ist eine Gewichtsreduktion um fünf Prozent. "Davon wird ein Übergewichtiger zwar noch nicht schlank, aber die Risikofaktoren des metabolischen Syndroms bessern sich oft deutlich", sagt Müller-Wieland. So sinken etwa die Cholesterin- und die Nüchternblutzuckerwerte. Diabetologe Müller-Wieland erklärt diesen überraschenden Effekt damit, dass die stoffwechselaktiven Fettdepots im Bauch vermutlich als erstes abgebaut werden.

Im nächsten Schritt gilt es weiter abzunehmen. "Und schließlich sollten die Patienten idealerweise auch jene Grenzwerte erreichen, die für die einzelnen Komponenten des metabolischen Syndroms festgelegt wurden", sagt der Experte. Gegebenenfalls kann dazu auch der Einsatz von Medikamenten sinnvoll sein, also beispielsweise von Blutdruck- und Fettsenkern sowie Antidiabetika.

Weitere Risikofaktoren abklären lassen

Wer einen Risikofaktor besitzt, bei dem liegen oft noch weitere vor. Betroffene sollten das wissen und am besten ihren Arzt darauf ansprechen. "Auf diese Weise lassen sich Patienten mit einem hohen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig erkennen", sagt Müller-Wieland. Mit einer entsprechenden Behandlung lassen sich Folgeschäden so noch abwenden oder zumindest deutlich hinauszögern.



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