Diabetiker? Nein, Mensch mit Diabetes

Ist die Bezeichnung „Diabetiker“ diskriminierend? Warum der früher gängige Ausdruck heute im Abseits steht

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 15.02.2016

Charakterisiert durch ein Wort? Menschen mit Diabetes macht viel mehr aus als die Krankheit

dpa Picture-Alliance / Westend61

Das Wort "Diabetiker" hat ausgedient: Die American Diabetes Association hat in ihren jährlich aktualisierten Behandlungsstandards angekündigt, Menschen mit der Zuckerkrankheit künftig nicht mehr als "diabetic" zu bezeichnen – was der deutschen Bezeichung "Diabetiker" entspricht. Die Begründung der US-Ärzte: Menschen sollten nicht über eine Krankheit definiert werden.

Hierzulande sehen Experten den Ausdruck ebenfalls kritisch. "Die Deutsche Diabetes Gesellschaft hat sich schon seit Jahren darauf geeinigt, wegen potentieller Diskriminierung nicht den Begriff Diabetiker zu verwenden", sagt Professor Dirk Müller-Wieland, Pressesprecher der DDG. Stattdessen rät die Fachgesellschaft, das deutsche Pendant zur American Diabetes Association, besser von "Menschen mit Diabetes" zu sprechen.


Aus Diabetiker Ratgeber wurde Diabetes Ratgeber

Auch der Diabetes Ratgeber trug bis Anfang 2010 den Titel Diabetiker Ratgeber – und nannte sich dann um. Als Begründung für den Wechsel hieß es damals im Editorial der ersten Ausgabe mit dem neuen Namen, ein Mensch mit Diabetes sei mehr als einfach nur ein "Diabetiker" oder "chronisch Kranker".

In den Texten im Heft und online ist seitdem bevorzugt von "Menschen mit Diabetes" die Rede – auch, wenn die Bezeichnung "Diabetiker" nicht völlig verschwunden ist.

Wörter mit bestimmten Vorstellungen verknüpft

Alles nur übertriebene Political Correctness? Dr. Christopher Scheff, Fachpsychologe Diabetes (DDG), widerspricht dieser Meinung. "Mit einem Begriff verbinde ich spontan ein Bild und bestimmte Merkmale", sagt der Experte aus Waldbüttelbrunn bei Würzburg. "Die unterschiedlichen Begriffe können die zugrunde liegende Einstellung widerspiegeln und dem Betroffenen vermitteln, wie er gesehen wird: als Kranker oder als Mensch."

Beim "Diabetiker" steht die Krankheit im Mittelpunkt, nicht der Mensch dahinter. Die Bezeichnung "Diabetespatient" sei aber kaum besser, so Scheff: "Wenn ich in Seminaren Teilnehmern die Frage stelle, was sie mit dem Begriff Patient verbinden, kommt eine lange Liste mit negativ besetzten Eigenschaften", sagt er. Zum Beispiel "Der Diabetespatient ist krank" oder "Der Patient braucht Hilfe".

Diabetes – ein Aspekt von vielen

Scheff spricht sich grundsätzlich ebenfalls für "Mensch mit Diabetes" als die beste Ansprache aus. Sie drückt aus, dass dahinter ein Individuum steht, das viele Interessen und unterschiedliche Eigenschaften hat. Die Zuckerkrankheit ist nur eine davon.

Diabetiker, Mensch mit Diabetes oder ganz etwas anderes? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in die Kommentare.



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