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Diagnose Diabetes - packen wir’s an!

Für viele ist die Diagnose Diabetes erst mal ein Schock. Aber auch eine Chance, das Leben zu verändern


Erst wenn sie die Diagnose kennen, können Diabetes-Patienten den Verlauf ihrer Krankheit günstig beeinflussen

Es kann einen mit 75 Jahren ereilen – oder auch schon mit 25. Wenn der Arzt die Diagnose Typ-2-Diabetes stellt, ändert sich vieles im Leben. Was es für die meisten zunächst nicht leichter macht: Die Nachricht, chronisch krank zu sein, kommt oft überraschend. Denn in der Regel haben die Patienten jahrelang nicht bemerkt, dass ihr Stoffwechsel entgleist ist.

Hier erklären Experten und Betroffene, welche – manchmal sogar positiven – Folgen die Diagnose hat und wie Patienten ihr neues Leben planen können. Dazu: Welche Untersuchungen jetzt regelmäßig anstehen. Und wie man es schafft, gesund zu leben, ohne dass das Denken rund um die Uhr um den Zucker kreist.


Viele ahnen nicht, dass sie krank sind

Kann die Diagnose einer Krankheit ein "Glück" sein? Beim Typ-2-Diabetes schon. Und zwar aus dem Grund, weil sie oft nicht erfolgt. Denn auf rund sieben Millionen behandelte Diabetiker kommen schätzungsweise drei Millionen, die nicht ahnen, dass sie krank sind. Ihnen fehlt die Therapie – und damit die Chance, ihre Krankheit aufzuhalten. Und Folgeschäden wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle aktiv zu verhindern.

Dominik K. (27) aus Varrel war einer der Ahnungslosen. Bis die Ärzte im Frühjahr 2010 seinen stark erhöhten Blutzuckerspiegel feststellten. Der Student ist ein klassischer Fall: Zu viele Kilos, jahrelanger Bewegungsmangelund vermutlich eine erbliche Veranlagung haben seinen Typ-2-Diabetes ausgelöst.

Anders als beim Typ-1-Diabetes fehlt es beim Typ 2 zunächst nicht an Insulin, dem "Türöffner", der Zucker aus dem Blut in die Zellen schleust. Beim Typ 2 steht meist die Insulinresistenz im Vordergrund: Die Zellen sprechen nicht mehr richtig auf Insulin an. Über Jahre gleicht der Körper dieses Manko aus, indem er die Zellen regelrecht mit Insulin überschwemmt, damit der Zucker hineinkommt, den sie für ihre Energieversorgung brauchen. Bis sich die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüseerschöpfen. Dann steigendie Zuckerwerte im Blut, und der Diabetes ist da.

Mit der Insulinresistenz steigt auch der Zucker


Der Stoffwechsel ändert sich schon lange, bevor der Nüchtern-Blutzucker so hoch ist, dass ein Diabetes diagnostiziert werden kann. Bereits in dieser Phase kann es zu ersten Folgeschäden kommen. Oft wird der Diabetes erst festgestellt, wenn er schon viele Jahre besteht


Von wegen "Altersdiabetes" - an Typ 2 erkranken zunehmende Jüngere

Mit 27 Jahren ist Kopietz für einen Typ-2-Diabetiker sehr jung. Lange Zeit nannte man seine Form des Diabetes "Altersdiabetes". Zwar ist der Typ-2-Diabetes einer Studie der AOK zufolge bei den über 60-Jährigen mit 18 bis 28 Prozent immer noch deutlich häufiger als bei den 40- bis 59-Jährigen (4 bis 10 Prozent). Aber inzwischen erkranken zunehmend Jüngere, sogar Jugendliche und Kinder. Daran ist zum großen Teil die Lebensweise schuld. Die Menschen sitzen Stunden vor dem Fernseher oder Computer. Der Trend zum Fastfood ist ungebrochen. Auch zu viel Stress treibt den Blutzucker in die Höhe.

Erhöhter Blutzucker greift auf Dauer Blutgefäße und Nerven an. Wie die Schäden entstehen, ist im Einzelnen nicht geklärt. Fest steht: Das Risiko für einen Herzinfarkt, Nerven- oder Netzhautschaden steigt früh. "Bereits Vorstadien des Diabetes richten im Körper Schaden an", sagt Professor Petra-Maria Schumm-Draeger, Chefärztin der Abteilung Endokrinologie und Diabetologie des Münchner Klinikums Bogenhausen. Studien bestätigen, dass viele Menschen lange vor der Diagnose an Folgeschäden leiden.

Risiko-Kandidaten: Jährlich zum Zuckertest!

Es wäre deshalb sinnvoll, Patienten schon im Vorstadium des Diabetes als chronisch krank einzustufen, auch wenn dies eine gewaltige Belastung für das Gesundheitssystem wäre. Professor Schumm-Draeger rät vor allem Risikopatienten unbedingt zum jährlichen Zuckertest. Dazu gehören Menschen mit Typ-2-Diabetikern unter den engen Verwandten. Außerdem Übergewichtige, Bluthochdruckkranke und Menschen mit Fettstoffwechselstörungen. Wissen Betroffene, dass sie gefährdet sind, können sie gegensteuern, indem sie ihre Lebensweise ändern.

"Ich bin froh über das gute Verhältnis zu meiner Ärztin. Weil sie mich dabei unterstützt, meinen Diabetes selbst zu managen", sagt der Schweizer Armin Bannasch (47). Der freiberufliche Computerfachmann wollte selbst in der Akutphase seiner Krankheit nicht stationär ins Krankenhaus. Stattdessen lernte er in einer Schwerpunktpraxis in Konstanz, wie er sich selbst behandelt. Heute kommt Bannasch seine Eigenständigkeit zugute. Er spritzt sich Insulin und hat einige Monate nach der Diagnose seine Werte gut im Griff.

Der Doktor wird’s schon richten? Irrtum!

Manchen würde das vielleicht überfordern. Doch die Devise "Der Doktor wird’s schon richten" reicht nicht. Denn der hat heutzutage kaum noch Zeit für seine Patienten: Im Durchschnitt gerade mal drei Stunden im Jahr verbringen Diabetiker in der Sprechstunde, hat Professor Karin Lange, Psychologin an der Medizinischen Hochschule Hannover, ausgerechnet. Die restliche Zeit sind Diabetes-Patienten "ihr eigener Arzt". Müssen daran denken, ihre Medikamente einzunehmen, eventuell die Dosis anpassen können, sich regelmäßig bewegen und gesund ernähren, um Übergewicht zu vermeiden, und lernen, Stress abzubauen.



Typ-2-Diabetiker in einer Schulung: Sie vermittelt zum Beispiel Wissen über gesunde Ernährung

Eigeninititative und Wissen sind gefragt. Wissen, das man zum Beispiel in Diabetes-Schulungen erwirbt. Geschulte Patienten kommen mit ihrem Diabetes besser zurecht. Das bestätigen Studien. Hausärzte, diabetologische Schwerpunktpraxen und viele Kliniken bieten Schulungen an. Einer Umfrage der GfK-Marktforschung im Auftrag des Diabetes Ratgeber zufolge haben rund zwei Drittel aller Diabetiker eine Schulung absolviert.

Schulung vermittelt Gespür für den Blutzucker

"In der Regel umfasst eine Schulung acht Termine zu Themen wie medikamentöse Therapie, Ernährung oder Bewegung", sagt Dr. Winfried Keuthage, Diabetologe aus Münster. Die Teilnehmer lernen auch, den Blutzucker korrekt zu messen. "Für viele Diabetiker, auch wenn sie kein Insulin spritzen, ist es sehr hilfreich, wenn sie durch die Zuckerkontrolle ein Gefühl dafür bekommen, wie sich etwa Bewegung oder bestimmte Nahrungsmittel, die sie gern essen, auf den Blutzucker auswirken. Das verschafft ‚Aha-Erlebnisse‘ und kann helfen, sein Verhalten im Alltag entsprechend zu ändern", sagt Keuthage.

Manche kommen übrigens auch klar, ohne selbst zu messen. Wenige Monate nach seiner Diagnose ist der Blutzucker von Heinz Benger aus Stuttgart gut eingestellt. "Für mich hat sich durch den Diabetes nicht viel geändert", sagt der 76-Jährige. "Ich nehme einfach regelmäßig meine Tabletten und ernähre mich gesünder. Und meine Werte sind wieder völlig in Ordnung, sagt der Arzt."



Was bietet die Teilnahme an einem "DMP"?

Wer Diabetes hat, kann sich bei seinem Arzt in ein "DMP" (Disease Management Program; Programm für chronisch Kranke) einschreiben. Das kostet nichts, in der Regel entfällt auch die Praxisgebühr.

Der Arzt veranlasst die regelmäßigen Untersuchungen, passt die Therapie an und überweist bei Bedarf zum Diabetologen oder anderen Spezialisten, beispielsweise an den Augenarzt. Er vereinbart mit dem Patienten die Zielwerte und dokumentiert den Behandlungsverlauf.
Diabetes-Patienten, die in ein DMP eingeschrieben sind, müssen mindestens einmal im Quartal zu ihrem Hausarzt.



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Dr.Christina Corente / Diabetes Ratgeber; 06.09.2010, aktualisiert am 18.07.2011
Bildnachweis: W&B/Martina Ibelherr, W&B/Jan Greune, Jupiter Images GmbH/Goodshot

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