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Insulintherapie, Nachtschweiß: Unterzucker?

Schweißgebadet morgens aufwachen: Kann nächtlicher Unterzucker im Schlaf bei der Insulintherapie von Diabetes schuld daran sein? Aus der "Experten-Sprechstunde Diabetes"


Schwitzen ist ein Leitsymptom bei Unterzucker – tagsüber wie nachts

Schwitzen ist zwar tagsüber wie auch nachts ein Leitsymptom des Unterzuckers, kann aber auch zahlreiche andere Ursachen haben. Wenn Sie alltägliche Auslöser wie ein zu warmes Schlafzimmer, zu hohe Luftfeuchtigkeit oder Albträume ausschließen können, ist es als Insulin spritzender Diabetiker natürlich berechtigt, zunächst an Unterzuckerungen zu denken. Denn die sind nachts häufig und werden zudem meist "verschlafen". Einen ersten Hinweis könnte der nach dem Aufwachen bestimmte Blutzucker geben: Ein Wert bei oder unter 80 mg/dl (4,4 mmol/l) würde beispielsweise im Zusammenhang mit vor der Nachtruhe gespritztem NPH-Insulin für eine vorhergehende nächtliche Unterzuckerung sprechen. Denn anders als die sehr lang und ohne deutlichen Höhepunkt wirkenden Analoginsuline entwickelt NPH-Insulin je nach Dosis etwa vier bis acht Stunden nach der Injektion eine besonders starke Wirkung, was eine erhöhte Unterzuckerungsgefahr in dieser Zeit bedeutet. Kommen beim Aufwachen noch Kopfschmerzen dazu, würde das den Verdacht auf eine im Schlaf aufgetretene Unterzuckerung noch verstärken.

Ein erhöhter oder sogar stark erhöhter morgendlicher Blutzucker spricht indessen eher gegen einen vorhergehenden Unterzucker. In einer Studie, die den nächtlichen Blutzuckerverlauf kontrollierte, war hoher Blutzucker in der Frühe nicht mit einer nächtlichen Unterzuckerung verbunden, sondern mit hohen Werten bereits um Mitternacht oder zu weiteren Messzeitpunkten. Die immer wieder ins Feld geführte Gegenregulation, bei der die körpereigenen Hormone Adrenalin und Glukagon bei einem Blutzuckerabfall die Zuckerreserven der Leber mobilisieren, ist eher selten, vor allem bei leichten Unterzuckerungen.

Hinzu kommt, dass nach langjähriger Dauer der Zuckerkrankheit beim Diabetes Typ 1 die Ausschüttung von Glukagonn abnimmt, weil nach der Zerstörung der das Insulin produzierenden Zellen, den sogenannten Betazellen der Bauchspeicheldrüse, häufig auch die für das Glukagon zuständigen, in derselben Drüse liegenden Alphazellen zugrunde gehen. Und aus nicht bekannten Gründen kann mit der Zeit auch der Adrenalineffekt auf den Blutzucker nachlassen. Hohe Blutzuckeranstiege als Folge einer Gegenregulation sind allerdings zu erwarten, wenn bei sehr niedrigen Blutzuckerwerten unter 40 mg/dl (2,2 mmol/l) weitere Hormone, nämlich Cortisol und Wachstumshormon, freigesetzt werden. Sie regen die Zuckerneubildung an und bremsen die Insulinempfindlichkeit der Zellen. Diese Vorgänge wirken sich aber nur verzögert aus, der Blutzucker steigt deshalb meist erst nach dem Frühstück oder vormittags, und zwar über Stunden anhaltend. Falls ein derartiger Blutzuckerverlauf nach einer verschwitzten Nacht beobachtet wird, dann würde das für eine bereits sehr ausgeprägte Unterzuckerung während der Nacht sprechen.


Aber mehr als Hinweise können die Blutzuckerwerte morgens und am Vormittag nicht geben - beweisen lässt sich ein nächtlicher Unterzucker nur durch einen Blutzuckertest zur fraglichen Zeit. Deshalb und auch wenn es unbequem ist - als Betroffener sollte man den Wecker auf 3.00 Uhr stellen. Zu dieser Zeit nähert sich vor Mitternacht gespritztes NPH-Insulin seinem Wirkungsmaximum. Bei einer Unterzuckerung und selbst einem Wert um 80 mg/dl (4,4 mmol/l) zu dieser Zeit ist die Dosis des Basalinsulins zu hoch, denn der Blutzucker wird in den folgenden Stunden noch weiter sinken. In einem solchen Fall sollte man mit dem Diabetologen besprechen, um wie viel Einheiten die Insulindosis künftig verringert werden kann. Sicherheitshalber sollte der Test einige Nächte später wiederholt werden, um zu überprüfen, ob die Dosiskürzung zu gering oder auch zu groß ausgefallen ist. Auch wenn ein Wert von über 80 bis etwa 110 mg/dl (über 4,4 bis etwa 6,1 mmol/l) gemessen wurde, sollte noch einmal nachts getestet werden. Denn abhängig vom vorhergehenden Tag, der Ernährung, möglichem Alkoholkonsum und weiteren Faktoren kann der Blutzucker in manchen Nächten durchaus in einem niedrigeren Bereich verlaufen. Ein regelmäßiges Testen Nacht für Nacht ist natürlich kaum durchführbar. Aber ein bis zwei Tests pro Monat sollten bei jeder Form der Insulintherapie zur Routine werden, um den Blutzuckerverlauf nachts nicht aus dem Auge zu verlieren. Dies gilt auch dann, wenn kein Verdacht auf Unterzuckerungen besteht.

Möglicherweise sind aber Dosiskürzungen bei nachgewiesenen nächtlichen Unterzuckerungen kein gutes Mittel, weil dann die Insulinwirkung nicht mehr bis morgens anhält. Wenn auch eine Ration lang wirkender Kohlenhydrate vor der Nachtruhe, zum Beispiel Vollkornbrot mit Wurst oder Käse oder ein bis zwei Riegel normale Schokolade, nicht das Problem lösen, sollte man mit dem Diabetologen die Umstellung auf eins der lang wirkenden Analoginsuline besprechen. Diese haben, anders als NPH-Insuline, kein deutliches Wirkungsmaximum und deshalb ein sehr viel geringeres Unterzuckerungsrisiko.

Sollten sich aber selbst durch wiederholtes nächtliches Testen keine Hinweise auf Unterzuckerungen während des Schlafs ergeben, sollte unbedingt in Absprache mit dem Arzt nach den Ursachen des nächtlichen Schwitzens gesucht werden. Denn dies kann zwar manchmal harmlos sein, aber auch Symptom einer behandlungsbedürftigen und durchaus ernsthaften Erkrankung. Neben einer Vielzahl von Infekten, zu denen auch Malaria und Tuberkulose zählen, kommen Krebserkrankungen, darunter Leukämien und Lymphdrüsenkrebs (Hodgkin-Krankheit), Autoimminerkrankumngen wie Rheuma (zum Beispiel Rheumatoide Arthritis), ferner eine bei Diabetes nicht seltene Schlafapnoe (Atemstillstände im Schlaf) infrage. Auch an eine Epilepsie und an hormonelle Störungen wie Wechseljahre oder Schilddrüsenüberfunktion sollte gedacht werden. Dass alle diese Erkrankungen oder Funktionsstörungen einen mehr oder weniger ausgeprägten Einfluss auf den Blutzuckerverlauf haben können, macht das Erkennen und die Behandlung der Ursache noch dringender.



Dr. med. Bernd Regling, Diplom-Psychologe und Diabetologe (DDG)
, Experte der "Sprechstunde Diabetes", in der Sie interessante Fragen, Antworten und Tipps finden, speziell auch zu Diabetes Typ 1.


Diese Informationen enthalten nur allgemeine Hinweise und dürfen nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Sie können einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.
 



www.apotheken-umschau.de; 21.01.2010, aktualisiert am 15.03.2011
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