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Kunstgelenk: Bei Diabetes mehr Probleme

Wer ein künstliches Hüftgelenk hat, sollte besonders auf gute Zuckerwerte achten. Denn sonst kann ein vorzeitiger Austausch der Prothese nötig werden

Schematische Darstellung eines Hüftgelenks

Künstliches Hüftgelenk: Bei Diabetes früherer Austausch nötig?

In Deutschland werden jedes Jahr rund 200.000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt. Die meisten davon halten länger als zehn Jahre, viele sogar länger als 25 Jahre. Dänische Forscher untersuchten jetzt, wie häufig es bei Patienten mit Diabetes zu einem vorzeitigen Austausch des Kunstgelenks kommt. Sie werteten dazu die Daten von knapp 60.000 Patienten aus, die zwischen Januar 1996 und Dezember 2005 ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt bekommen hatten. Über 3.000 davon hatten Diabetes mellitus.


Kunstgelenk infiziert sich bei Diabetes häufiger

Im Vergleich zu Nicht-Diabetikern mussten sich die Diabetes-Patienten deutlich häufiger erneut unters Messer begeben. Der Grund: Die Kunstgelenke infizierten sich bei ihnen öfter. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes war das Risiko für eine Infektion knapp 50 Prozent höher als bei Stoffwechselgesunden. Bestanden bereits Diabetes Folgekrankheiten und Herz-Kreislauf-Komplikationen, mussten die Kunstgelenke mehr als doppelt so häufig vorzeitig ausgetauscht werden. Die Forscher weisen deshalb darauf hin, dass Patienten mit Diabetes, die ein Kunstgelenk bekommen haben, besonders sorgfältig auf eine gute Blutzuckereinstellung achten sollten.

Nachgefragt bei Kunstgelenk-Spezialist Dr. Ulrich Hinkelmann


Dr. Ulrich Hinkelmann

Dr. Ulrich Hinkelmann, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie I an der Rehaklinik Damp, ist Spezialist für die Nachsorge von Patienten mit künstlichen Gelenken. Außerdem ist er Autor eines Ratgeber-Buches für Patienten mit künstlichen Hüft- und Kniegelenke.

Im Gespräch mit Diabetes-Ratgeber-Online erläutert Ulrich Hinkelmann, wie Menschen mit Diabetes dazu beitragen können, dass ihre künstlichen Gelenke länger halten – und sich nicht infizieren.


Herr Dr. Hinkelmann, wie kann sich ein künstliches Hüftgelenk überhaupt mit Keimen infizieren?
Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Zum einen können während der Operation, bei der das Kunstgelenk eingesetzt wird, Keime in das Wundgebiet gelangen und zu einer Infektion führen. Das geschieht allerdings sehr selten. Meistens haben Menschen mit einem infizierten Kunstgelenk irgendwo im Körper einen bakteriellen "Herd". Das kann zum Beispiel eine vereiterte Zahnwurzel sein, eine eitrige Nagelbettentzündung oder eine chronische Blasenentzündung. Wenn von diesem Herd Keime mit dem Blut zu der Prothese verschleppt werden, können sie sich dort ansiedeln und zu einer Entzündung führen.

Wie spüre ich es, wenn sich eine Gelenkprothese entzündet?
Typisch sind plötzliche Schmerzen, vor allem bei Bewegung des Gelenks. Wenn eine Prothese bislang keine Probleme gemacht hat und plötzlich Schmerzen auftreten, sollten Sie sich sofort an die Klinik wenden, in der die Prothese eingesetzt wurde. Schmerzen können, neben einer Entzündung, auch andere Ursachen haben: etwa eine Prothesenlockerung oder einen Bruch der Prothese. Das muss zunächst ausgeschlossen werden. Wenn der Verdacht auf eine Infektion besteht – etwa weil sich keine andere Ursache findet und  Entzündungszeichen im Blut vorhanden sind – sollte zunächst eine Gewebsprobe aus dem Gelenkbereich entnommen werden, um festzustellen, ob und welche Keime dafür verantwortlich sind.

Reicht die Behandlung mit einem Antibiotikum, um die Infektion zu stoppen?
Meistens genügt es leider nicht, ein Antibiotikum zu verabreichen. Damit erzielt man zwar oft eine vorübergehende Linderung der Symptome, doch in der Regel muss ein infiziertes Kunstgelenk ausgetauscht werden. Beim Einsetzen des neuen Kunstgelenks wird ein Zement verwendet, der ein Antibiotikum enthält, das mehrere Wochen wirkt und dafür sorgt, dass alle noch vorhandenen Keime abgetötet werden.

Kann dieser Eingriff in jeder Klinik gemacht werden, die Kunstgelenke einsetzt?
Sie sollten sich, wenn eine Infektion als Auslöser der Beschwerden feststeht, unbedingt in eine Klinik überweisen lassen, die mit septischen Austausch-Operationen Erfahrung hat.

Kann ich selbst etwas dazu beitragen, eine Infektion zu verhindern?
Auf jeden Fall. Zum einen ist es wichtig, chronische Entzündungen – wie etwa eine Harnblasenentzündung, Zahnwurzeleiterung oder, bei Diabetes besonders wichtig, schlecht heilende Hautwunden – vom Arzt behandeln zu lassen. Der Arzt kann die verantwortlichen Erreger identifizieren und gezielt mit einem Antibiotikum behandeln. Zum anderen sollten Sie, wenn eine größere Zahnbehandlung geplant ist, den Zahnarzt über Ihre Gelenkprothese informieren. In diesem Fall ist es wichtig, dass Sie vorübergehend ein Antibiotikum einnehmen – ähnlich wie es auch Patienten mit künstlichen Herzklappen machen müssen. Das verhindert, dass bei dem Eingriff freigesetzte Bakterien das Kunstgelenk infizieren. Besonders wichtig: Schützen Sie sich vor Verletzungen. Das heißt: Als Diabetiker die Füße gut pflegen, die Füße jeden Tag inspizieren und sofort zum Arzt gehen, wenn Veränderungen auffallen. Beim Rosenschneiden: Handschuhe anziehen, damit Sie sich nicht an den Dornen verletzen – auch das kann schnell zum Ausgangspunkt einer baktieriellen Entzündung werden.

Sollte ich auch bei einer Erkältung vorsichtshalber Antibiotika nehmen?
Nein. Erkältungen werden durch Viren verursacht. Für Infektionen von Kunstgelenken sind jedoch fast immer Bakterien verantwortlich, keine Viren oder Pilze. Antibiotika eignen sich nur zur Behandlung bakterieller Infektionen. Wenn sich eine Erkältung allerdings hinzieht und Fieber und eitriger Auswurf darauf hindeuten, dass es zu einer zusätzlichen Infektion mit Bakterien gekommen ist, ist eine antibiotische Behandlung bei Patienten mit Kunstgelenk durchaus angezeigt – auch wenn man bei anderen Patienten vielleicht noch zuwarten würde.

Wie kann ich sonst noch dazu beitragen, dass mein Kunstgelenk lange hält?
Wichtig ist regelmäßige Bewegung. Bewegung fördert die Bildung von Knochensubstanz und trainiert die Muskeln. Kräftige Muskeln und feste Knochen geben dem Gelenk Halt und Schutz. Gut geeignet sind beispielsweise Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen, Aquajoggen oder Wandern. Sportarten, die mit Sprüngen und Stößen einhergehen, oder auch mit abrupten Stopps und Richtungswechseln, sind nicht geeignet, weil sie die Gelenke überlasten. Außerdem sollten Sie auf eine gesunde, ausgewogene Ernährung achten und Übergewicht abbauen.

Weil Übergewicht die Gelenke belastet?
Das spielt weniger eine Rolle. Das Problem ist eher, dass Übergewicht sich ungünstig auf den Stoffwechsel auswirkt, weil es Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechsel-störungen fördert. Dies wiederum bewirkt, dass die Durchblutung auch in den kleinen Gefäßen beeinträchtigt wird – dann wird auch die Hüfte schlechter versorgt.



A.Baum / www.diabetes-ratgeber.net; 05.07.2010, aktualisiert am 08.08.2010
W&B/Frommann, W&B/ Szczesny

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