"Spritzen? Bloß nicht!" Vielen Diabetikern ist die Vorstellung ein Gräuel, sich täglich Insulin injizieren zu müssen. Die einen haben Angst vor der Nadel, andere fürchten, die Insulintherapie sei zu kompliziert für sie.
Und dann sind da noch die „Nebenwirkungen“: Schließlich hört man doch immer wieder, Insulin sei ein „Dickmacher“. Vor allem übergewichtige Typ-2-Diabetiker fürchten daher, eine Insulinbehandlung könne ihr Problem noch verstärken. Zu Recht?
„Insulin kann tatsächlich zu einer Gewichtszunahme führen“, sagt der Internist und Diabetologe Dr. Harald Fischer, Chefarzt der Klinik Rosenberg in Bad Driburg. Das hat eine ganze Reihe verschiedener Gründe. Beispielsweise, so Fischer, verwertet der Körper den Zucker besser, wenn genügend Insulin verfügbar ist. Er baut dann aus überschüssigem Zucker auch leichter Fettdepots auf. Gleichzeitig bremst Insulin den Abbau von Fettgewebe. Deshalb fällt das Abnehmen vielen Übergewichtigen, die Insulin spritzen, schwerer.
Hoher Zucker trocknet den Körper aus
Oft ist der Grund, warum ein Diabetiker kurz nach Beginn einer Insulintherapie zunimmt, ganz einfach: Ist die Zuckerkonzentration im Blut erhöht, schwemmen die Nieren überschüssigen Zucker mit dem Harn aus. Der Körper verliert dadurch aber auch Flüssigkeit.
Mit Beginn der Insulinbehandlung sinken die Blutzuckerwerte. Auch die Harnproduktion geht zurück. Die Ausscheidung normalisiert sich, und die Waage zeigt ein paar Kilo mehr an. Dabei handelt es sich aber nicht um Fett, sondern um Flüssigkeit, die dem Körper vorher entzogen wurde. Das ist natürlich kein Trost ist für denjenigen, der mit seinem Gewicht hadert.
Zum anderen bleibt der Zucker, der vor der Insulinbehandlung ausgeschwemmt wurde, jetzt im Körper und steht als Energiequelle zur Verfügung. Damit verschiebt sich das Gleichgewicht von Energiezufuhr und Energieverbrauch. Wer seine Essgewohnheiten nicht ändert, und nicht mehr Energie verbraucht, zum Beispiel durch Sport, wird deshalb zunehmen. Was im Einzelfall durchaus vorteilhaft sein kann.
Vor allem Typ-1-Diabetiker, deren Krankheit sich oft innerhalb weniger Wochen entwickelt und die in dieser Zeit stark abnehmen, aber auch manch älterer Typ-2-Diabetiker, der über längere Zeit hohe Werte hat, ohne von seinem Diabetes zu wissen, blühen nach Beginn der Insulintherapie regelrecht auf.
Als Dopingmittel missbraucht
Insulin sorgt aber nicht nur dafür, dass überschüssiger Zucker als Fett gespeichert wird. Auch die Zuckerspeicher in der Leber und den Muskeln werden besser gefüllt. Ein Effekt, den sich inzwischen auch manche Leistungssportler zunutze machen, die gar keinen Diabetes haben. Sie spritzen sich Insulin, um die Energiespeicher ihrer Muskeln kurzfristig aufzufüllen und so ihre Leistung bei Wettkämpfen zu steigern. Dieses „Insulindoping“ ist nicht ungefährlich und zudem illegal. Mittlerweile gibt es übrigens ein Nachweisverfahren, dass den Missbrauch von Insulin künftig erschweren soll.
Ob und wie stark ein Diabetiker, der mit Insulin behandelt wird, zunimmt, ist schwer abzusehen. „Eine Gewichtszunahme von drei bis fünf Kilogramm lässt sich in den meisten Fällen nicht vermeiden“, sagt Diabetologe Harald Fischer. „Wer aber 15 oder 20 Kilo zu viel auf die Waage bringt, kann das kaum allein dem Insulin in die Schuhe schieben. Da spielen noch andere Faktoren eine Rolle.“
Etwa die gefürchteten Unterzuckerungen (Hypoglykämien). Mit einer Insulintherapie steigt auch das Risiko für Unterzuckerungen – und damit für Heißhungerattacken. Besonders, wer neu in eine Insulinbehandlung einsteigt, muss deshalb ausprobieren, wie sein Körper auf bestimmte Lebensmittel reagiert oder wie stark der Zucker sinkt, wenn er sich mehr bewegt oder Alkohol trinkt. Keine gute Idee ist, ständig vorsorglich gegen den niedrigen Zucker anzuessen.
Freiheit mit Nachteilen
Auch die Art der Insulinbehandlung und die Dosis spielen eine Rolle. Wer beispielsweise zu den Mahlzeiten ein kurz wirksames Insulin spritzt, darf eigentlich alles essen. Eine spontane Einladung zum Eis, ein üppiger Nachtisch, eine doppelte Portion? Alles kein Problem: Die Kohlenhydrate werden mit Insulin einfach „weggespritzt“. „Wer diese Freiheit ausnutzt, kann doch ein Problem bekommen, nämlich ein Gewichtsproblem“, sagt der Internist und Ernährungswissenschaftler Professor Volker Schusdziarra von der Technischen Universität München.
Denn die Kalorien, die man mit dem Stück Torte oder der großen Portion Nudeln gegessen hat, verschwinden nicht einfach, sondern werden als Fett gespeichert, wenn sie nicht verbraucht werden. „Dann kann man durchaus von ‚Insulinmast‘ sprechen“, sagt Schusdziarra. Auch in diesem Fall ist nicht das Insulin für die Gewichtszunahme verantwortlich, sondern das Zu-viel-Essen.
Etwas weniger Probleme mit der Gewichtszunahme haben Diabetiker, die nur zweimal täglich eine Mischung aus kurz und lang wirkendem Insulin spritzen. Dieses Behandlungsschema ist aber weniger populär, weil man sich dabei an feste Essenszeiten und Kohlenhydrat-Portionen halten muss, um Blutzuckerschwankungen zu vermeiden.
Ist die Gewichtszunahme Typ-Sache?
Welche Rolle spielt eigentlich der Diabetes-Typ bei der Frage, ob man durch Insulin zunimmt oder nicht? Müssten nicht Menschen mit Typ-1-Diabetes, die oft schon von Kindesbeinen an jeden Tag mehrmals Insulin spritzen, noch viel häufiger Gewichtsprobleme haben, wenn das Insulin dafür mitverantwortlich ist?
Tatsächlich ist Übergewicht jedoch bei Typ-1-Diabetikern deutlich seltener. Nur jeder Zweite bringt zu viel auf die Waage, während acht von zehn Typ-2-Diabetikern übergewichtig sind. Reagieren die beiden Diabetes-Typen unterschiedlich auf Insulin? Und wenn ja, warum?
Zu viel Insulin im Blut
„Eine wichtige Rolle spielt die Insulinresistenz“, sagt Professor Schusdziarra. Typ-1-Diabetiker bilden kein Insulin mehr. Bei Typ-2-Diabetes ist das anders. Sie produzieren, zumindest in den ersten Jahren ihrer Erkrankung, gewöhnlich genug Insulin. Allerdings reagieren ihre Zellen nicht mehr richtig auf das Hormon. Um diese „Insulinresistenz“ zu durchbrechen, schüttet die Bauchspeicheldrüse immer mehr Insulin aus. Das Überangebot bewirkt tatsächlich, dass mehr Zucker in die Zellen geschleust wird.
Typ-2-Diabetiker haben deshalb anfangs nicht nur erhöhte Blutzuckerspiegel, sondern auch erhöhte Insulinspiegel. Wenn ihnen dann, um den Blutzucker zu senken, Insulin verordnet wird, verstärkt sich das Problem. „Viel sinnvoller wäre es, bei übergewichtigen Typ-2-Diabetikern die Ursache der erhöhten Blutzuckerwerte, nämlich die Insulinresistenz, direkt zu behandeln“, sagt Volker Schusdziarra.
Abnehmen statt spritzen
An erster Stelle stehen dabei Abnehmen und regelmäßige Bewegung. Beides hilft dabei, die Insulinresistenz zu überwinden. Schusdziarra bringt es auf die Formel: „Wenn das Gewicht stimmt, stimmen auch die Blutzuckerwerte.“ Das gilt zumindest für die meisten Typ-2-Diabetiker – und die ersten Jahre der Krankheit.
Im Verlauf eines Typ-2-Diabetes lässt die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse aber gewöhnlich nach, selbst wenn man sich regelmäßig bewegt und Übergewicht vermeidet. Dann wird eine Insulintherapie auch bei normalem Körpergewicht häufig unausweichlich.
Aber auch Typ-1-Diabetiker, so Schusdziarra, benötigen bei normalem Gewicht weniger Insulin. Umgekehrt steigt ihr Bedarf, wenn sie zunehmen. Der Grund: Sie bekommen zu ihrem Insulinmangel noch eine Insulinresistenz dazu.
Abnehmen und regelmäßige Bewegung halten deshalb viele Diabetologen für einen wichtigen Ansatz, um die Spirale von Übergewicht und immer höheren Insulindosen zu durchbrechen. Trotz einer Insulinbehandlung abzunehmen ist zwar etwas schwieriger, aber durchaus möglich. Sowohl bei Typ-1- als auch bei Typ-2-Diabetes. Das zeigen die Erfahrungen vieler Patienten, die es geschafft haben. Mit jedem Kilo weniger können außerem viele ihre Insulindosis verringern. Und mancher Typ-2-Diabetiker sogar ganz darauf verzichten. Ein Versuch lohnt sich.
Birgit Ruf / Diabetes Ratgeber;
10.03.2010, aktualisiert am 06.03.2012
Bildnachweis: W&B/Brigitte Sporrer, W&B/Simon Katzer
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