Die Diagnose schien sonnenklar. 65 Jahre alt, erhöhte Zuckerwerte: eindeutig ein Typ-2-Diabetes. Schwester R., Missionsdominikanerin im Kloster Strahlfeld, bekam von ihrem Arzt blutzuckersenkende Tabletten verordnet. Wie so üblich bei neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes. Denn dieser lässt sich mit Medikamenten, die die Insulinproduktion anregen oder die Insulinempfindlichkeit verbessern, meist gut in den Griff bekommen – anders als der viel seltenere Typ-1-Diabetes, bei dem die Betroffenen von Anfang an Insulin spritzen müssen, weil ihr Körper keines mehr herstellt.
Meist dauert es etliche Jahre, bis ein Typ-2-Diabetiker nicht mehr mit Tabletten auskommt und Insulin spritzen muss. Schwester R. dagegen verschafften die Medikamente nur eine kurze Verschnaufpause, dann kletterten die Zuckerwerte wieder in die Höhe. Ihrem Diabetologen kam das spanisch vor. Er schickte ihr Blut ins Labor, zur genaueren Untersuchung. Dabei stellte sich heraus: Im Blut der Ordensschwester waren Antikörper, wie sie eigentlich für Typ-1-Diabetes typisch sind, bei dem das körpereigene Abwehrsystem die Insulin-Produktion zum Erliegen bringt.
LADA ist vermutlich häufiger als Typ 1, aber kaum bekannt
Eine Fehldiagnose also? Hatte Schwester R. in Wirklichkeit Typ-1-Diabetes? Grundsätzlich zwar möglich – denn auch ältere Menschen können daran erkranken. Was aber nicht dazu passte: Die Zuckerwerte hatten sich, zumindest eine Zeit lang, durch Tabletten senken lassen. Und das gibt es bei Typ 1, eigentlich, nicht.
Des Rätsels Lösung klingt eher nach Benzin als nach Insulin – es heißt LADA. Der "Latent Autoimmune Diabetes of the Adult"(latenter Autoimmundiabetes des Erwachsenen) ist zwar kaum bekannt, aber relativ häufig. Experten schätzen, dass etwa jeder zehnte Typ-2-Diabetiker in Wirklichkeit einen LADA hat. Was bedeutet, dass in Deutschland doppelt so viele LADAs leben wie Typ-1er.
Patienten brauchen nicht sofort Insulin
Im Unterschied zum Typ 1 zerstört das Immunsystem beim LADA die insulinproduzierenden Zellen langsamer. Daher brauchen die Patienten nicht gleich Insulin, aber doch einige Jahre früher als Typ-2-Diabetiker. Zwar helfen Tabletten vorübergehend. Einige Experten raten jedoch, sofort Insulin zu geben. "In einer Studie blieb die Insulinproduktion dadurch länger erhalten", sagt Dr. Nanette Schloot vom Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf.
Sicher ist das aber nicht. Daher diskutieren Experten, ob es sinnvoll ist, mit viel Geld und Aufwand die LADAs aus den Millionen Typ-2-Diabetikern herauszupicken. Schloot empfiehlt den Antikörpertest bei Menschen, die nicht ins klassische Typ-2-Schema passen, etwa weil sie schlank sind oder sich mit Tabletten schlecht einstellen lassen. Bei positivem Antikörpertest rät sie zu einer sofortigen Insulintherapie.
Besonders kritisch: Diabetes nach Bauchspeicheldrüsen-Op.
Ganz andere Schwierigkeiten hat die 51-jährige Gudrun S.. Vor zehn Jahren wurde ihr die Bauchspeicheldrüse entfernt, weil eine seltene Erbkrankheit das Organ in einen dauernden Entzündungszustand versetzt hatte. Seitdem ist Gudrun S., wie alle Menschen, denen das Pankreas entfernt wurde, auf Insulingaben angewiesen und trägt eine Insulinpumpe.
Diabetes nach Verlust der Bauchspeicheldrüse (Pankreopriver Diabetes) ist besonders schwierig zu behandeln. Denn es fehlen nicht nur Insulin, sondern auch wichtige Verdauungsenzyme, was den Zucker zusätzlich ins Schwanken bringen kann. Betroffene müssen zu den Mahlzeiten regelmäßig Enzym-Kapseln schlucken, die dem Darm beim Aufspalten der Nährstoffe helfen. Gudrun S. verträgt die Enzym-Präparate leider nicht: "Von denen bekomme ich nur Bauchschmerzen", sagt die Frührentnerin, die eine Regionalgruppe beim Arbeitskreis der Pankreatektomierten e. V. leitet.
MODY-Diabetes: Einer von Hundert
Wenn Vater oder Mutter MODY-Diabetes haben, erkranken auch die Kinder mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit
Etwa ein bis zwei Prozent aller Diabetiker haben einen "MODY". Das bedeutet "Maturity Onset Diabetes of the Young" (Altersdiabetes bei jungen Menschen). Eigentlich missverständlich, denn: MODY ist kein verfrühter Typ-2-Diabetes, sondern eine eigene Diabetesform. Die Ursache sind Gendefekte, die die Insulinproduktion stören. Zehn Formen sind bekannt. In Europa sind MODY 2 und MODY 3 am häufigsten. MODY 2 tritt schon bei Kindern auf. Zur Behandlung reicht es oft, schnell wirkende Kohlenhydrate wegzulassen. MODY 3 entwickelt sich meist erst nach der Pubertät. Er wird anfangs mit Tabletten, später mit Insulin behandelt.
Diagnostizieren lässt sich der MODY mit einem Gentest. Experten raten dazu bei vermeintlichen Typ-1-Diabetikern, die auch nach zwei Jahren wenig Insulin brauchen und bei denen typische Antikörper fehlen. Oder wenn auch Eltern und Großeltern Diabetes haben. Das Gute: Die Betroffenen kommen oft lange ohne Insulin aus.
Immunzellen,
die die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstören, lösen Typ-1-Diabetes oder LADA aus. LADA wird oft fälschlich als Typ-2-Diabetes diagnostiziert.
Gendefekte,
die die Insulinproduktion in den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse beeinträchtigen, können zu MODY-Diabetes führen. Bislang sind zehn verschiedene MODY-Formen bekannt.
Pankreaskrankheiten
wie chronische Entzündungen oder Krebs zerstören die insulinproduzierenden Zellen. Auch nach einer operativen Entfernung des Organs entsteht Diabetes.
Medikamente,
etwa eine lang dauernde und hoch dosierte Kortisontherapie oder bestimmte wassertreibende Wirkstoffe, können Diabetes auslösen oder verstärken.
Drüsenstörungen
wie eine Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) können dazu führen, dass die Blutzuckerwerte steigen und ein Diabetes entsteht.
Genetische Syndrome
wie beispielsweise das Down-Syndrom (Trisomie 21) können mit Diabetes einhergehen. Die genauen Zusammenhänge sind unklar.
Daniela Pichleritsch / Diabetes Ratgeber;
02.11.2011, aktualisiert am 04.11.2011
Bildnachweis: PhotoDisc/RYF, W&B/Dr. Ulrike Möhle
Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z>, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung