"Guten Morgen! Geht's Ihnen allen gut?" Die freundliche Stimme gehört Vesela Topic, Diabetesberaterin in einer großen diabetologischen Schwerpunktpraxis in Frankfurt am Main. Drei Frauen und vier Männer sitzen um den kleinen Tisch mit Getränken und Info-Material herum. Die Blicke und Worte, die sie wechseln, deuten darauf hin, dass sich diese Runde schon öfter hier getroffen hat. Erst recht das Grinsen auf den Lippen einiger Teilnehmer, als es darum geht, die Diabetes-Tagebücher durchzusehen.
"Meine Nüchtern-Werte waren letzte Woche sehr gut", freut sich eine Patientin, "da bin ich ganz stolz auf mich." "Können Sie auch sein", bekräftigt Topic. "Nur wegen Ihres hohen Blutdrucks sollten Sie noch einmal mit dem Arzt sprechen." Kein Problem – denn der sitzt gleich zwei Zimmer weiter. Die Internisten und Allgemeinmediziner des Praxisteams sind erfahrene Diabetologen – und mit der Behandlung der zahlreichen Begleiterkrankungen eines Diabetes, zu denen auch der Bluthochdruck gehört, bestens vertraut.
Hilfe bei nicht alltäglichen Problemen
Anhand des Diabetes-Tagebuchs bespricht die Diabetesberaterin mit den Patienten die Blutzucker-Einstellung
"Vor allem bei speziellen Problemen mit dem Diabetes, zum Beispiel wenn die Einstellung der Insulintherapie Schwierigkeiten macht, ist der Besuch einer Schwerpunktpraxis sinnvoll", sagt Diabetologe Dr. Wolfgang van de Sand: "In einer Schwerpunktpraxis hat man in der Regel die meisten Erfahrungen mit den speziellen Bedürfnissen und Risiken diabetischer Patienten.
So kommt es zum Beispiel vor, dass einem Patienten mit Fußproblemen zu einer Operation geraten wird – während ein Diabetologe es zunächst einmal mit Druckentlastung und einer passenden Schuhversorgung probiert und damit nicht selten einen Eingriff verhindern kann."
Auch die Arzthelferinnen sind in einer Schwerpunktpraxis speziell geschult und arbeiten Seite an Seite mit Ernährungs- und Diabetesberaterinnen. So können sie die Patienten jederzeit unterstützen, beispielsweise bei Schwierigkeiten mit dem Insulinpen oder dem Blutzucker-Messgerät. Auch die Beratung im praxiseigenen Schulungsraum wissen die Patienten zu schätzen – egal, ob es um Ernährung, Blutzuckerprobleme, Insulin, Pumpentherapie oder Bluthochdruck geht.
Zehn Prozent müssen zum Experten
Typ-2-Diabetiker Günther L. spritzt seit sechs Jahren Insulin, hat sich aber erst hier zu einer Diabetesschulung entschlossen: "Das hat mich sicherer gemacht. Früher wusste ich oft nicht, wie viel ich wann spritzen soll. Jetzt bin ich viel routinierter geworden. Außerdem habe ich hier gemerkt, wie man mit Kleinigkeiten eine große Wirkung erzielen kann. Wir sind zum Beispiel alle zusammen eine halbe Stunde spazieren gegangen. Und waren ziemlich überrascht, wie gut unsere Werte danach waren!"
90 Prozent der Diabetiker können auch vom Hausarzt ausreichend versorgt werden, schätzt Dr. Hermann Finck, Diabetologe und Sprecher des Deutschen Diabetiker Bundes (DDB). "Die übrigen 10 Prozent brauchen einen Experten. Sie haben nicht nur die Möglichkeit, sondern auch das Recht auf Überweisung an eine Schwerpunktpraxis, vor allem wenn es Probleme mit den Werten oder andere Komplikationen gibt."
Kooperation mit dem Hausarzt
Das muss allerdings nicht bedeuten, dass die Patienten ihrem Hausarzt Adieu sagen. Sobald die Schwierigkeiten gelöst sind, kann der Hausarzt die Behandlung wieder übernehmen. Deshalb ist eine gute Zusammenarbeit zwischen den Ärzten der Schwerpunktpraxis und dem Hausarzt sehr wichtig.
So wie bei Patientin Gisela B.. Vor einem halben Jahr stellte ihr Hausarzt bei der 70-Jährigen Typ-2-Diabetes fest. Weil sie schon zwei Herzinfarkte hinter sich hatte und an Asthma leidet, überwies ihr Hausarzt sie an die Schwerpunktpraxis. "Ich war über die Diagnose anfangs schockiert", erinnert sich die Seniorin. "Aber es war beruhigend für mich, dass ich mich in Expertenhand wusste." In der Schwerpunktpraxis wird ihr Blutzucker sorgfältig überwacht, ebenso Blutdruck, Cholesterin und Gewicht. Auch die für sie besonders wichtige Gefäßdiagnostik wird in der Praxis vorgenommen.
Heute stehen jedoch ihre Füße im Vordergrund. "Hier spüre ich einige Schwielen", bemerkt Diabetologe van de Sand, als er ihren linken Fuß abtastet. "Solche Schwielen können bei einem Diabetiker erste Hinweise auf einen Nervenschaden sein", erklärt er. Und tatsächlich: Als er seiner Patientin die Stimmgabel an den Fuß hält, spürt sie die leichten Vibrationen nicht mehr. Der Arzt stellt Gisela B. ein Rezept für medizinische Fußpflege aus. Er war es auch, der der Typ-2-Diabetikerin von Anfang an unmissverständlich klarmachte, wie wichtig es für sie ist, ihr Übergewicht abzubauen. Sie hat mit Hilfe einer Diät kräftig abgespeckt – und ist vom Ergebnis begeistert: "Ich fühle mich viel wohler, und ich kann besser laufen und Treppen steigen als all die Jahre zuvor."
Sonderfall Schwangerschaft
Während der Schwangerschaft ist intensive Beratung nötig - hier Dr. van de Sand im Gespräch mit einer Patientin
Eine besonders aufmerksame Betreuung benötigen Diabetikerinnen während der Schwangerschaft. Wie andere Frauen können auch sie gesunde Kinder zur Welt bringen. Vorausgesetzt, sie werden optimal betreut, denn ein erhöhter Blutzucker gefährdet das werdende Leben. Für manche werdenden Mütter kann zum Beispiel die Umstellung auf eine Insulinpumpentherapie sinnvoll sein, um optimale Blutzuckerwerte zu erreichen. In einer diabetologischen Schwerpunktpraxis sind sie mit solchen Anforderungen gut aufgehoben.
Die Qualitätsanforderungen für Schwerpunktpraxen sind bundesweit nicht einheitlich. Grundsätzlich gilt: Die Praxis muss von einem Diabetologen nach der Weiterbildungsordnung der Landesärztekammer oder der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) geführt werden. Sie muss mindestens eine Vollzeitkraft für Diabetesberatung beschäftigen und über separate Schulungsräume sowie die Ausstattung für diabetologische Notfälle verfügen.
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Wann in die Schwerpunktpraxis? Dr. Hermann Finck vom Deutschen Diabetiker Bund (DDB) empfiehlt:
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Diabetes Ratgeber;
18.01.2011, aktualisiert am 02.02.2011
Bildnachweis: W&B/Bert Bostelmann
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