Ja, das kann unter bestimmten Voraussetzungen tatsächlich der Fall sein. Bei einem gesunden Menschen wird sich der Verzehr von Lebensmitteln mit Sorbitol (oder Sorbit, ein Zuckeralkohol, fungiert als natürlicher Süßstoff bzw. wird zum Süßen diätetischer Lebensmittel und als Zuckeraustauschstoff verwendet) nicht auf den Blutzuckerspiegel auswirken. Das kann anders sein, wenn ein insulinpflichtiger Diabetiker größere Mengen Sorbitol aufnimmt.
Sorbitol wird im Dünndarm resorbiert und gelangt dann über die Blutbahn in Leber und Nieren. Allerdings erfolgt die Aufnahme (Resorption) so langsam, dass ein individuell unterschiedlich großer Anteil in den Dickdarm gelangt und damit für die mögliche Umwandlung in Traubenzucker (Glukose) ausfällt. Sorbitol hat die Eigenschaft, Wasser anzuziehen. Bei Zufuhr großer Sorbitolmengen wird auch ein erheblicher Anteil in den Dickdarm gelangen, wobei der dadurch ausgelöste Wassereinstrom zu Durchfall führt. Außerdem wird Sorbitol im Dickdarm teilweise von Bakterien abgebaut. Dabei entstehen Gase, die dann je nach Menge Blähungen und Bauchschmerzen verursachen. In der Regel wird eine Zufuhr, die das bereits mit Obst und Gemüse aufgenommene Sorbitol um bis 20 Gramm pro Tag übersteigt, problemlos vertragen. Es gibt aber auch Menschen, bei denen wesentlich größere Mengen keine Beschwerden auslösen. Bei vermehrter Resorption aus dem Dünndarm, wobei möglicherweise Gewöhnung eine Rolle spielt, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass Sorbitol teilweise zu Glukose wird.
Das resorbierte Sorbitol wird, wie bereits erwähnt, mit dem Blut in Leber und Nieren transportiert. Für andere Organe und Gewebe hat Sorbitol praktisch keine Bedeutung. Die Kapazität von Enzymen und – bei Diabetes – ein zu geringer Insulinspiegel entscheiden, über welche Wege Sorbitol für die Energiegewinnung abgebaut oder auf andere Weise verwertet wird.
Ein großer Anteil wird sehr schnell in Fruchtzucker umgewandelt. Nach dem darauf folgenden Abbauschritt ist aus dem ursprünglichen Sorbitol ein Stoffwechselzwischenprodukt geworden, das auch beim Abbau von Glukose entsteht. Von nun an hat Insulin für den weiteren Abbau und damit die Energiegewinnung keine wesentliche Bedeutung mehr. Das ist der Grund, warum Sorbitol und Fruktose insulinunabhängig verwertet werden – jedenfalls zu großen Teilen. Das für den ersten Abbauschritt benötigte Enzym, die Fruktokinase, steht nämlich nicht grenzenlos zur Verfügung. Die restliche Fruktose wird dann in Glukose umgewandelt, ins Blut abgegeben und benötigt für die weitere Verwertung Insulin. Allerdings ist der Blutzuckeranstieg wegen der langsamen Sorbitolresorption und die aufeinander folgenden Umwandlungen in Fruktose und Glukose wesentlich langsamer als bei direkter Aufnahme von Traubenzucker. Trotzdem kann es nach Zufuhr sehr großer Sorbitol- oder auch Fruktosemengen (mehr als 50 bis 80 Gramm) zu Blutzuckeranstiegen kommen, die zusätzliche Insulineinheiten erfordern.
Bis zu 40 Prozent der Fruktose werden von Leber und Nieren in Glykogen, den Speicherzucker, umgewandelt. Glykogen wird bei verstärktem Energiebedarf (Sport, körperliche Arbeit), aber auch bei einer Unterzuckerung in Form von Glukose freigesetzt, wobei es belanglos ist, aus welchen Bausteinen das Glykogen ursprünglich aufgebaut wurde.
Es gibt aber noch einen weiteren Stoffwechselweg, über den Sorbitol direkt zu Glukose wird. Bei Zufuhr kleiner Mengen und guten Blutzuckerwerten, also bei genügend Insulinwirkung, spielt dieser Vorgang keine große Rolle. Im Insulinmangel, wenn Leber und Nieren sich von der Zuckerverwertung auf einen ungebremsten Zuckeraufbau (Glukoneogenese) umstellen, wird Sorbitol über die direkte Umwandlung den Blutzuckeranstieg erheblich verstärken.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Sorbitol kommt natürlicherweise in Obst und Gemüse vor. Eine darüber hinausgehende Zufuhr zum Beispiel durch diätetische Lebensmittel zur Ernährung bei Diabetes wird in kleinen Mengen und bei ausgeglichener Stoffwechsellage den Blutzuckerspiegel nicht anheben. Dagegen kann bei Aufnahme sehr großer Mengen und vor allem im Insulinmangel die Umwandlung von Sorbitol in Glukose zu Blutzuckeranstiegen führen, die eine Insulingabe erfordern.
Der Umgang mit Sorbitol in der Ernährung bei Diabetes kann also mit Fallstricken verbunden sein. Nachdem der Gebrauch von Haushaltszucker (Saccharose) bei Diabetes schon lange kein Tabu mehr ist, wird Diabetikern in der Ernährungsschulung auch nicht mehr die Verwendung von Sorbitol empfohlen. Haushaltszucker in verpackter Form, also in Kuchen, Schokolade, Eis usw. lässt sich mit entsprechender Insulingabe wesentlich zuverlässiger beherrschen als Sorbitol, das bei seiner Verwertung doch nicht immer unabhängig von Insulin ist.
Dr. med. Bernd Regling, Diplom-Psychologe und Diabetologe (DDG), Experte der "Sprechstunde Diabetes", in der Sie interessante Fragen, Antworten und Tipps finden, speziell auch zu Diabetes Typ 1.
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17.02.2009, aktualisiert am 26.06.2010
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