Alkohol: Das ist bei Diabetes wichtig

Nach dem Genuss von Bier und Wein kann es bei Diabetes zu Unterzuckerungen kommen. So beugen Sie vor
von Stephan Soutschek, 04.08.2016

Genuss mit Folgen: Alkohol begünstigt Unterzuckerungen bei Diabetes

W&B/Ingram

Kein Alkohol bei Diabetes – so streng handhabten Ärzte das früher. Mittlerweile sind sie von diesem Verbot abgerückt, an das sich ohnehin nicht jeder Patient gehalten haben dürfte. Bier und Wein sind für Menschen mit der Zuckerkrankheit heute nicht mehr tabu. Allerdings sollten sie aus mehreren Gründen aufpassen, wenn sie alkoholische Getränke zu sich nehmen.

Alkohol hemmt Zuckerfreisetzung der Leber

An erster Stelle steht dabei die Gefahr von Unterzuckerungen. Zu den Aufgaben der Leber gehört es, Zucker in Form von Glykogen zu speichern und diese Reserven laufend ins Blut abzugeben. Dieser natürliche Mechanismus verhindert, dass die Blutzuckerwerte zu tief fallen. Ist die Leber aber damit beschäftigt, Alkohol abzubauen, kann sie das Blut nicht mit Zucker versorgen. Eine Unterzuckerung droht. Besonders gefährdet sind Patienten, die Insulin spritzen oder Tabletten der Wirkstoffgruppe Sulfonylharnstoffe schlucken.

Außerdem kann Alkohol diabetische Nervenschäden verstärken, hohe Blutfettwerte fördern und ist sehr kalorienreich. Das ist schlecht für alle Patienten mit Typ-2-Diabetes, die auf ihr Gewicht achten müssen. Menschen mit starkem Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen oder Nervenschäden trinken deswegen besser nur in Maßen. Schwangere sollten Alkohol komplett vermeiden.

Karsten Müssig vom Uniklinikum Düsseldorf

W&B/Privat

Unterzucker im Schlaf und nach dem Sport

"Gerade wer abends Alkohol trinkt, droht nachts im Schlaf zu unterzuckern", sagt Professor Karsten Müssig, Stellvertretender Direktor der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Riskant kann auch das Bier nach dem Sport sein. Denn im Anschluss an die anstrengende körperliche Aktivität versucht der Körper, die leeren Energiespeicher der Zellen wieder aufzufüllen. Kann die Leber durch den Alkohol nicht ausreichend Glykogen ins Blut abgeben, kann noch Stunden nach dem Sport eine Unterzuckerung auftreten.

Wie stark Alkohol die Werte beeinflusst, ist von Diabetiker zu Diabetiker sehr unterschiedlich. Deswegen sollte jeder Betroffene mit seinem Arzt besprechen, wie er im Einzelfall am besten vorgeht. Diese Ratschläge sind hilfreich, um Unterzuckerungen nach Alkoholkonsum vorzubeugen:

1. Kohlenhydrate aus Alkohol nicht berechnen

Getränke wie Bier und Wein enthalten Zucker, für den Diabetiker theoretisch Insulin spritzen müssten. Da bei Alkohol aber das Unterzuckerrisiko erhöht ist, rät Diabetologe Müssig, diese Kohlenhydrate bei der Berechnung der Dosis nicht mit zu berücksichtigen.

2. Zwischendurch eine Kleinigkeit essen

Zu alkoholischen Getränken immer einen Snack oder eine kleine Mahlzeit zu sich nehmen. Gut ist alles, was langsame Kohlenhydrate enthält – zum Beispiel eine Scheibe Vollkornbrot. So wird der Körper über einen längeren Zeitraum mit Energie versorgt.

3. Messgerät und Traubenzucker bereithalten

Wer in regelmäßigen Abständen seinen Blutzuckerspiegel kontrolliert, beugt bei längeren Feiern bösen Überraschungen vor. Sinken die Werte zu tief, schnell einen Traubenzucker als Soforthilfe essen sowie ein paar langsame Kohlenhydrate, um mittelfristig ein zu tiefes Absinken zu vermeiden.

4. Mit erhöhten Werten ins Bett gehen

Nächtliche Unterzuckerungen gehören zu den gefährlichsten Folgen von Alkoholkonsum bei Diabetes. Zur Vorsorge empfiehlt Müssig, nach einem feucht-fröhlichen Abend mit leicht erhöhten Werten "nicht unter 150 mg/dl" ins Bett zu steigen. Im Bedarfsfall vor dem Schlafengehen also noch eine Kleinigkeit essen. Wer etwas mehr getrunken hat, sollte sich den Wecker auf drei Uhr morgens oder eine ähnliche Zeit stellen. So kann er mitten in der Nacht noch einmal die Werte überprüfen und gegebenenfalls gegensteuern.

5. Besser Bier als Schnaps

Eine Faustregel lautet: Je mehr Alkohol ein Getränk im Vergleich zu seinem Kohlenhydratgehalt besitzt, desto eher drohen Unterzuckerungen. Achten Sie deswegen immer auf die Prozentangaben auf der Flasche. Bier ist in diesem Sinne weniger bedenklich als Schnaps.

6. Ausprobieren, wie Alkohol wirkt

Am besten einmal vorab unter kontrollierten Bedingungen ausprobieren, wie alkoholische Getränke die Werte beeinflussen. Trinken Sie also daheim ein Glas Bier oder Wein und messen währenddessen und danach, wie der Blutzucker sich entwickelt. Die Ergebnisse dabei aufschreiben und mit dem Arzt besprechen.

7. Maß halten

Je mehr getrunken wird, desto höher ist die Gefahr von Unterzuckerungen. Deswegen ist es klug, dem eigenen Konsum Grenzen zu setzen. Außerdem sollte niemand so betrunken sein, dass er Maßnahmen wie Blutzuckermessen nicht mehr selbstständig ausführen kann.

8. Mehrere alkoholfreie Tage pro Woche

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen rät Frauen, nicht mehr als zwölf Gramm Alkohol am Tag zu sich zu nehmen. Diese Menge entspricht etwa einem Gläschen Wein oder 0,3 Liter Bier. Männern wird höchstens 24 Gramm empfohlen. Um einer Sucht vorzubeugen, empfiehlt die Behörde zudem zwei oder drei alkoholfreie Tage in der Woche.

Fazit: Menschen mit Diabetes tun also gut daran, sich an diese Richtwerte zu halten. Das Tabu von einst mag es nicht mehr geben. Das ist aber kein Freibrief, um sich bedenkenlos zu betrinken.

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