Bakterien: Was die Darmflora mit uns macht

Im menschlichen Verdauungstrakt tummeln sich Billionen von Kleinstlebewesen. Forscher entdecken erst allmählich, wie die Darmbakterien uns beeinflussen

von Dr. Sabine Haaß, aktualisiert am 13.04.2017

Reich der Winzlinge: Im Darm tummeln sich Billionen Bakterien

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Die Natur kennt zahllose Partnerschaften, in denen einer vom anderen profitiert. Nashörner halten geduldig still, wenn kleine Vögel ihnen Parasiten von der Haut picken. Blattschneiderameisen schleppen Blätter in ihren Bau, um damit einen Pilz zu füttern, von dem sie sich ernähren. Und unsere heimischen Bäume könnten sich ohne das Pilzgeflecht zwischen ihren Wurzeln nicht mit Wasser und Mineralstoffen aus dem Boden versorgen.

Auch der Mensch ist eine solche Symbio­se eingegangen: mit Bakterien. Mehr als tausend verschiedene Stämme hat man gefunden – auf unserer Haut, im Mund, vor allem im Darm. Die Gemeinschaft dieser Kleinstlebewesen, die "Mikro­biota", setzt sich bei jedem Menschen etwas anders zusammen.


Nahrung verwerten, Vitamine herstellen, Krankheiten abwehren

Was unsere unsichtbaren Bewohner so interessant macht: Sie leisten uns lebenswichtige Dienste. Sie helfen zum Beispiel beim Verwerten von Nährstoffen, stellen Vitamine her und unterstützen das Immunsystem bei der Abwehr von krank machenden Keimen. Zumindest solange eine möglichst große Vielfalt herrscht und die zahlreichen Arten sich gegenseitig in Schach halten.

Eine veränderte Mikrobiota, in der wichtige Bakterien fehlen oder andere sich stark vermehren, scheint sich nicht nur ungünstig auf das Körpergewicht auszuwirken, sondern auch an der Entstehung von chronischen Erkrankungen beteiligt zu sein. Bei entzündlichen Darmkrankheiten, Allergien, Diabetes, Rheuma, multipler Sklerose, Parkinson, sogar bei Ängsten und Depressionen sollen Darmbakterien und ihre Stoffwechselprodukte eine Rolle spielen.

Darmbakterien: Vieles bleibt im Dunkeln

Wie diese Rolle aussieht, müssen die Forscher noch genauer klären. Was sie bis jetzt wissen, ist erstaunlich genug. Einige Ergebnisse stellen wir Ihnen hier vor. Vollständig gelüftet wird das Geheimnis der Darmbakterien aber wohl erst in etlichen Jahren sein. 


Die frühen Jahre

Schon bei der Geburt wird die Darm-Mikrobiota angelegt. Je nachdem, ob ein Baby normal oder per Kaiserschnitt geboren wird, siedeln sich unterschiedliche Bakterien an. Welche Organismen danach dazukommen, hängt vor allem davon ab, was ein Kind isst und wo es aufwächst.

"Etwa ab dem dritten Lebensjahr bleibt die individuelle Mikrobiota relativ stabil", sagt Prof. Dirk Haller, Mikrobiologe und Immunologe an der TU München. Antibiotika bringen sie aus dem Gleichgewicht. Meist erholt sie sich wieder, doch zu viele Therapien in Kindheit und Jugend verringern die Bakterien­vielfalt und machen später womöglich anfälliger für Krankheiten.


Dickmacher

Darmbakterien leben vor allem von dem, was wir zu uns nehmen. Und sie passen sich an unseren Speiseplan an. Wer sich fettreich und ballaststoffarm ernährt, besitzt eine andere, ­weniger vielfältige Mi­krobiota als jemand, der viele Ballaststoffe und wenig Fett isst.

Diese geringere ­Vielfalt und ein Mangel an Bakterien, die Ballast­stoffe verwerten, scheinen Übergewicht zu begünstigen — und Typ-2-Diabetes. "Denn Ballaststoffe verbessern die Insulinempfindlichkeit", sagt Professor Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung. "Die Mikrobiota spielt hier sicher eine Rolle." Eine Therapie lässt sich daraus aber noch nicht ableiten.


Krank durch Darmbakterien?

Zwischen "guten" und "bösen" Bakterien im Darm herrscht normalerweise ein Gleichgewicht. Nehmen schädliche Keime überhand, reagieren wir häufig mit Durchfall. Eine veränderte Mikrobenwelt haben aber auch Menschen mit Auto­immunkrankheiten wie chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, multipler Sklerose oder Typ-1-Diabetes. Möglicherweise fördern die "bösen" Bakterien ­Entzündungsprozesse im Körper. "Ob die veränderte Mikrobiota chronische Krankheiten verursacht oder diese Krankheiten die Mikrobiota verändern, wissen wir aber noch nicht", sagt Experte Dirk Haller.


So helfen uns die Bakterien im Darm

  • Kochkünstler: Sie stellen lebenswichtige Vitamine her, zum Beispiel Vitamin K für die Blutgerinnung
  • Antreiber: Sie bringen den Darm in Beweung und fördern so den Stuhltransport
  • Energieversorgere: Sie liefern den Zellen der Darmschleimhaut die nötigen Nährstoffe
  • Kornknacker: Sie spalten Ballaststoffe auf – und produzieren dabei Gase, die Blähungen verursachen
  • Abschirmdienst: Sie unterstützen unser Immunsystem bei der Abwehr krank machender Keime
  • Umweltschützer: Sie bauen Medikamente, aber auch gesundheitsschädliche Stoffe ab.


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