Der Wunderstoff ist vielfach süßer als Zucker, natürlich gewachsen und auch noch kalorienfrei: Ab 3. Dezember ist Süßstoff aus der Süßpflanze Stevia in Europa zugelassen. Dann dürfen nach einer Entscheidung der EU-Kommission Lebensmittel in den Handel kommen, die mit Steviolglykosiden gesüßt wurden. 2010 hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die Unbedenklichkeit des Stoffs festgestellt. Für Diabetiker gibt es damit bald eine vielversprechende Alternative zu Zucker und künstlich hergestellten Süßstoffen.
Der Durchbruch für das Süßkraut Stevia rebaudiana sei die Entscheidung allerdings noch nicht, urteilt Stevia-Forscher Dr. Udo Kienle von der Universität Hohenheim. Denn in Lebensmitteln dürfen nur vergleichsweise geringe Mengen verwendet werden. Die EFSA hat die zulässige Tagesdosis für die Stevia-Süße bei 4 Milligramm pro Kilo Körpergewicht festgesetzt. Auch dürfen Landwirte das Süßkraut noch nicht anbauen. Doch die Teilzulassung sei ein wichtiger Schritt für die Verbraucher, das Zukunftspotenzial der Pflanze enorm.
Von Paraguay in die ganze Welt
In den Gewächshäusern der Universität Hohenheim ist Stevia - zu wissenschaftlichen Zwecken – schon seit Jahrzehnten heimisch: Seit fast 30 Jahren erforscht Dr. Udo Kienle dort das süße Kraut, das ursprünglich aus Paraguay stammt. In dieser Zeit untersuchte er Anbau- und Verarbeitungsverfahren für den europäischen Markt. In Marktstudien testete der Agrarwissenschaftler die Akzeptanz und Erwartungen der Verbraucher. Im Auftrag der EU untersucht Dr. Kienle, ob Stevia eine Einkommensalternative für Tabakbauern wäre.
Das Süßkraut hat mittlerweile weltweit Fuß gefasst. In Japan wurde Stevia zulassungsfrei als Naturstoff deklariert. Brasilien folgte in den 80er Jahren – auch ohne gesundheitliche Studien. Seit 1994 gibt es in den USA eine Sonderregelung. 2008 war die Schweiz erster europäischer Staat, der Steviolglykoside im Handel erlaubte.
Dass die EU-Zulassung erst jetzt kommt, beurteilt Dr. Kienle dennoch positiv: "Wenn es um menschliche Gesundheit geht, hat die EU zu Recht hohe Hürden gesetzt. Deshalb waren viele Studien nötig, um so eine Zulassung zu bekommen." Lebensmittelkonzerne seien vor dem Dilemma gestanden, dass diese Studien kompliziert und kostspielig seien. "Gleichzeitig lässt sich das Endprodukt nicht patentieren, weil es natürlichen Ursprungs ist. Das hat viele abgeschreckt." Dagegen blühe in Deutschland schon seit längerer Zeit der Handel mit Produkten, die offiziell als Badezusatz oder Kosmetika deklariert seien.
Entwicklungsbedarf in der Lebensmittel-Industrie
Getränke oder Lebensmittel, gesüßt mit "100 Prozent Stevia", wird es trotz EU-Zulassung so schnell noch nicht geben. "Mit den Vorgaben der EU können ab Dezember maximal 30 Prozent des Zuckers ersetzt werden", schätzt Kienle. Außerdem gebe es in der Lebensmittel-Industrie noch enormen Entwicklungsbedarf. "Die Herstellungsverfahren der Steviolglykoside sind noch nicht einheitlich genug. Jeder Hersteller macht es etwas anders, und jedes Mal schmeckt die Süße etwas anders. Das Problem ist, dass sie nicht jedem gleich schmeckt – und nicht mit jedem Produkt harmoniert."
Was Folgen in der Verbraucher-Akzeptanz hat. "Bei Studien mit verschiedenen Produkten hat ein Viertel der Tester alle Varianten abgelehnt. Ein weiteres Viertel war mit allen Produkten zufrieden. Die Hälfte aber unterschied sehr stark zwischen verschiedenen Produkten: Die Urteile reichten von sehr gut bis sehr schlecht."
idw / www.diabetes-ratgeber.net;
16.11.2011, aktualisiert am 21.11.2011
Bildnachweis: W&B/Winfried Fischer
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