Arthrose: Bewegung ohne Schmerz

Wenn die Gelenke wehtun, ist oft eine Arthrose schuld. Glücklicherweise gibt es effektive medizinische Hilfe. Und Betroffene können selbst viel tun, damit es ihnen besser geht
von Andrea Grill, 14.08.2017

Steinewerfen am Flussufer: Bei Arthrose kann jede Bewegung schmerzen

W&B/André Kirsch

Nicht wenige Patienten, die den Orthopäden Professor Sven Ostermeier in der Gelenk-Klinik in Gundelfingen bei Freiburg aufsuchen, sind erst 40, höchstens 50 Jahre alt. Aber sie fühlen sich, als wären sie hochbetagt. Der eine kommt wegen seiner ständigen Knieschmerzen kaum noch eine Treppe hoch. Der andere leidet jeden Morgen nach dem Aufstehen unter steifen Fingern. Unter seinen Gelenkpatienten, sagt der Arzt, seien viele Menschen mit Typ-2-Diabetes. Denn Übergewicht fördert Diabetes und Gelenkerkrankungen gleichermaßen.

Oft diagnostiziert Orthopäde Ostermeier eine Arthrose, die häufigste Gelenkerkrankung weltweit. Jede zweite Frau und ein Drittel aller Männer ab 60 Jahren plagt der schmerzhafte Gelenkverschleiß. Je früher Betroffene zum Arzt gehen, umso besser kann er den Gelenken helfen.

Die Ursache einer Arthrose finden

Anders als eine Grippe oder Blasenentzündung bricht Arthrose nicht von heute auf morgen mit massiven Symp­tomen aus. Der Gelenkverschleiß schreitet still und leise fort und tut anfangs nicht weh. Denn im Knorpel selbst gibt es kein Schmerzempfinden. Je mehr sich der Knorpel aber abreibt, umso deutlicher wird Arthrose spürbar. Schließlich sind die Gelenke stark entzündet, und die Erkrankung ist quälend schmerzhaft.

"Die ersten Anzeichen kommen meist nach Belastung und immer an der gleichen Stelle", erklärt Experte Ostermeier. Dann wird zum Beispiel nach Wanderungen das Knie dick, warm und tut weh. Weil der Schmerz aber wieder vorbeigeht, blenden ihn Betroffene oft aus oder schlucken Tabletten, um ihn in Schach zu halten. Ein Fehler, weil damit nur die Symptome behandelt werden. Gelenkschmerzen sollte immer ein Arzt abklären.

Den Schmerz stoppen

"Manche Patienten gehen leider erst dann zum Arzt, wenn die Schmerzen nicht mehr aufhören und unerträglich sind", bedauert der Orthopäde Sven Ostermeier. Dabei ist Arthrose umso besser behandelbar, je früher die Therapie beginnt. Bevor – als letztes Mittel – in einer Operation künstliche Hüften oder Knie eingesetzt werden, können Ärzte und auch der Patient selbst viel tun, um die Gelenke zu erhalten. Umkehren lässt sich der Knorpelverlust zwar nicht, aber verlangsamen und im Idealfall sogar stoppen.

Ostermeier erklärt, wie das klappen kann: "Unser erstes Ziel ist es immer, den Schmerz in den Griff zu bekommen." Erst dann kann man die Gelenke wieder bewegen und so verhindern, dass sie irgendwann versteifen.

Arthrose fängt immer dann an wehzutun, wenn sich im Gelenk eine Entzündung bildet. Diese entsteht, wenn die Knorpelschicht ausgedünnt ist und Knochen auf Knochen reibt. Der Körper reagiert auf den mechanischen Reiz, indem er entzündungsfördernde Stoffe freisetzt.

Je nach Diagnose wird der Arzt zunächst entzündungshemmende und schmerzstillende Präparate verordnen, zum Beispiel mit dem Wirkstoff Ibuprofen. "Unter Umständen tragen auch Kortisoninjektionen direkt in das betroffene Gelenk dazu bei, die Entzündung zu bekämpfen und die Schmerzen zu lindern", erklärt Ostermeier. Weil Kortison den Blutzucker erhöhen kann, sollten Patienten mit einer Kortisontherapie ihre Werte im Auge behalten. Gegebenenfalls muss die Diabetestherapie angepasst werden.

Bewegung für die Gelenke

Ist die Entzündung im Gelenk abgeklungen und der Schmerz unter Kontrolle, kommt Bewegung ins Spiel. Davon profitieren Patienten ganz besonders. Bewegung trainiert die Muskulatur, die das Gelenk stützt und entlastet, und verbessert gleichzeitig den Stoffwechsel: Weil der Gelenkknorpel nicht durchblutet ist, wird er mit Nährstoffen aus der Gelenkflüssigkeit versorgt. Diese können umso besser in den Knorpel "einmassiert" werden, je mehr ein Mensch sich bewegt.

Um Arthrosepatienten wieder beweglicher zu machen, wird der Arzt in der Regel eine Physiotherapie verordnen. Gesetzliche Kassen tragen die Kosten, verlangen aber eine Zuzahlung. In der Gundelfinger Gelenk-Klinik ist Physiotherapeutin Martina Wetzel mit ihrem Team dafür zuständig. "Am Anfang arbeiten wir mit Krankengymnastik, speziellen Massagetechniken und Handgriffen, um Blockaden zu lösen, das Gelenk zu entlasten und wieder fit zu machen", erklärt sie.

Schonung fördert den Verschleiß

Der Patient bleibt dabei weitgehend passiv. Nach und nach aber sei immer mehr aktive Mitarbeit gefragt, so Wetzel. "Dann heißt es: ab in den Übungsraum!" Dort stehen spezielle Geräte für ein gelenkschonendes Aufbautraining, bei dem die Patienten in kleinen Gruppen professionell angeleitet werden. Jeder Teilnehmer bekommt außerdem einen individuellen Übungsplan mit nach Hause.

"Für unsere Patienten ist die neue Mobilität völlig ungewohnt", beobachtet Martina Wetzel. Um den ständigen Schmerzen zu entgehen, haben sie sich oft jahrelang geschont und kaum bewegt – wodurch der Knorpelverschleiß noch mehr fortschritt und der Schmerz zunahm.

Nach zwei bis drei Monaten Training unter ärztlicher Betreuung, so Wetzels Erfahrung, sind die meisten Patienten wieder so beweglich, dass sie Sport in ihren Alltag einbauen können. Sie empfiehlt dann Sportarten wie Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen oder Langlaufen. Diese mobilisieren die Gelenke, ohne sie mit abrupten Bewegungen oder zu viel Druck zu belasten. Ein gut betreutes Krafttraining im Fitnessstudio kann die Muskulatur zusätzlich aufbauen. "Der Fokus sollte aber immer auf sanftem Ausdauersport liegen", sagt Wetzel.
Wenn Bewegung wieder mit einem guten Gefühl statt mit Schmerzen verbunden ist, kehrt auch die Lebensqualität zurück. Ein Erfolg für Therapeutin und Patienten: "Ich freue mich immer mit ihnen, wenn sie mir strahlend von Wanderungen oder Fahrrad­ausflügen erzählen, die sie endlich wieder genießen können."

Gelenkfreundlich leben

Viel bewegen, wenig belasten! Dieses Motto gilt für den Alltag, damit die Gelenke nicht zusätzlich strapaziert werden. Dabei helfen viele kleine Aktivitäten: sich mit Freunden zum Spaziergang treffen oder zum Gesundheitskurs anmelden. Die abendliche Zeit vor dem Fernseher für ein paar Streck- und Dehnübungen nutzen. Auf dem Heimweg vom Büro eine Bushaltestelle früher aussteigen und nach Hause gehen. Die Treppe statt den Lift nehmen. Wenn mehr Bewegung ins Leben kommt, macht sich das meist auch positiv auf der Waage bemerkbar. Für den Orthopäden Ostermeier ein wichtiges Therapieziel: "Wer übergewichtig ist, hilft seinen Gelenken am meisten, wenn er abnimmt." Es müsse nicht gleich eine Radikaldiät sein. "Jedes überflüssige Kilogramm, das weg ist, verlängert die Lebensdauer der Gelenke!"

Mit einer ausgewogenen, vitamin- und ballaststoffreichen Ernährung, die vor allem auf pflanzliche Lebensmittel setzt, machen Arthrosekranke alles richtig. Ungünstig sind dagegen viel Fleisch und tierisches Fett. Raucher sollten versuchen, vom Nikotin wegzukommen – was bei Diabetikern, die ohnehin ein erhöhtes Risiko für Herz- und Kreislauf-Erkrankungen haben, ganz besonders ratsam ist. Ostermeier ist optimistisch: "Wer zu einem gesunden Lebensstil findet, hat gute Aussichten, trotz Arthrose weitgehend schmerzfrei zu leben."

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