Erste Hilfe: "Einer muss die Initiative ergreifen"

Kann ich belangt werden, wenn mir als Ersthelfer ein Fehler unterläuft? Und wer kommt für mögliche Schäden auf? Interview mit Dr. Horst Reuchlein von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung
von Sabine Lotz, 13.03.2017

Übung für den Ernstfall: Herzdruckmassage an einer Puppe ausprobieren

Mauritius Images GmbH/Alamy

Erste Hilfe ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber was sagt das Gesetz?

Ganz klar: Wir sind nicht nur moralisch, sondern auch gesetzlich verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten.

Oft sind ja noch etliche andere Personen zugegen, die ebenfalls helfen könnten ...

Gerade dann kommt es leider vor, dass niemand hilft, weil jeder die anderen für zuständig hält. Einer muss die Initiative ergreifen, eventuell die Unfallstelle absichern, helfen und Umstehende auffordern, den Notruf zu wählen.

Dr. Horst Reuchlein von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft und Leiter des Fachbereichs Erste Hilfe der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung

W&B/Angie Wolf

Gibt es überhaupt Situationen, in denen man Hilfe verweigern darf?

Natürlich muss ein Nichtschwimmer nicht ins Wasser springen, um einen Ertrinkenden zu retten. Ebenso soll eine Mutter ihr Kleinkind nicht unbeaufsichtigt am Ufer lassen. Ich darf mich nicht selbst oder jemanden, für den ich verantwortlich bin, in Gefahr bringen. Aber auch dann kann ich einen Notruf absetzen.

Was, wenn ich durch meine Hilfe jemanden verletze? Ihm bei der Herzmassage eine Rippe breche?

Auch dann wird natürlich niemand belangt. Eine Ausnahme wäre, man würde jemandem absichtlich Schaden zufügen.

Viele Menschen scheuen zum Beispiel davor zurück, bei einem Herzstillstand Mund-zu-Mund-Beatmung zu machen ...

Man muss nur das machen, was man sich zutraut. Wer vor der Beatmung zurückscheut, sollte aber in jedem Fall die Herzmassage machen. Auch das allein verbessert die Überlebenschancen deutlich.

Habe ich Anspruch auf Schadenersatz, etwa für Reinigungskosten, wenn ich meine Kleidung verschmutzt habe?

Kein Ersthelfer bleibt auf den Kosten sitzen. Wer dafür zahlt, hängt davon ab, ob der Hilfsbedürftige in seiner Freizeit verunglückt ist oder in der Arbeit bzw. auf dem Arbeitsweg. Bei Arbeits- und Arbeitswegunfällen ist der Verletzte selbst oder sein Arbeitgeber der Ansprechpartner. Wegen Sachschäden, die Ersthelfern bei Freizeitunfällen entstehen, wendet man sich mit einem formlosen Schreiben an den im jeweiligen Bundesland zuständigen gesetzlichen Unfallversicherungsträger. Die nötigen Adressen finden sich auf der Internetseite der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (www.dguv.de).

Was, wenn ich zum Beispiel einen Flug verpasse, weil ich Erste Hilfe leisten musste?

Bei einem Freizeitunfall kommt dafür entweder der zuständige Unfallversicherungsträger auf oder eventuell die Haftpflichtversicherung des Verletzten bzw. dieser selbst. Dem formlosen Antrag auf Kostenübernahme fügt man am besten gleich Nachweise über die entstandenen Vermögensschäden bei, zum Beispiel Flug- oder Bahntickets.

Wie verhält es sich eigentlich, wenn ein Verunglückter die Erste Hilfe ablehnt – zum Beispiel weil er unter Schock steht?

In erster Linie zählt der Wille des Patienten. Wer etwa keinen Verband will, darf auch nicht dazu gezwungen werden. Hat man den Eindruck, ein Patient lehnt die unbedingt nötige Hilfe nur ab, weil sein Bewusstsein gestört ist, sollte man in jedem Fall den Notruf wählen (112), um professionelle Helfer zu holen. Das kann zum Beispiel nötig sein, wenn ein Diabetes-Patient mit schwerer Unterzuckerung verwirrt ist oder ein Unfallopfer unter Schock steht.


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