Verlässliche Gesundheitsinfos im Netz erkennen

Rat bei Dr. Google ist schnell eingeholt. Doch viele Informationen zu Krankheiten im Internet sind unseriös. So können Sie die Spreu vom Weizen trennen
von Andrea Grill, 08.06.2017

Oh Schreck: Nach einer Google-Suche wird aus harmlosen Beschwerden schnell ein lebensbedrohliches Leiden

W&B/Stephan Höck

Neulich bei der Routinekontrolle: Der "Nüchternblutzucker" sei etwas erhöht, hatte der Arzt gesagt. Nun seien Abspecken und mehr Bewegung angezeigt. Vor lauter Schreck traute man sich erst mal nichts zu fragen. Nach dem Arztbesuch ist also ein Termin bei "Dr. Online" fällig.

Wenn es um ihre Gesundheit geht, suchen Millionen Deutsche im Internet Rat. 73 Prozent der erwachsenen Bundesbürger haben sich laut einer aktuellen forsa-Umfrage schon einmal online über Krankheiten und Therapien informiert. "Sie wollen wissen, was hinter bestimmten Symptomen steckt, oder haben Fragen zur anstehenden Behandlung", sagt der Psychologe Dr. Gunnar Schwan, Gesundheitsexperte bei der Stiftung Warentest in Berlin. Besonders eifrige Nutzer von "Dr. Online" seien Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes.

Google: Auch unseriöse Seiten in Top-Ergebnissen

Doch die werden von Informationen schier erschlagen. In der deutschsprachigen Version der Suchmaschine "Google" steht Dia­betes auf der Hitliste der meistgesuchten Krankheiten weit vorn. Wer "Diabetes" eintippt, erhält knapp 250 Millionen Treffer. Wie soll man sich da zurechtfinden? Sind Treffer, die oben stehen, automatisch die besten? "Weit vorn landen Webseiten, die die gesuchten Begriffe enthalten und auf die viele andere Webseiten verweisen", weiß Gunnar Schwan. Sie haben oft auch gute Inhalte. Aber: "Weit vorn steht auch die bezahlte Werbung", warnt der Experte. Und diese ist eher nicht unabhängig.

Unter den beliebtesten Treffern finden sich zudem öfter un­­seriöse Inhalte. Die Central-Krankenver­sicherung untersuchte für die zehn häufigsten medizinischen Suchbegriffe die jeweils ersten zehn Treffer bei der Google-Platzierung. Rund ein Drittel der Beiträge schnitt mit der Note "mangelhaft" oder "ungenügend" ab. So waren Informationen unvollständig, Quellen wurden nicht genannt, oder es wurden Therapien beschrieben, für deren Wirksamkeit es keine wissenschaftlichen Belege gibt.

Was also tun? "Internetnutzer können anhand gewisser Kriterien die Qualität medizinischer Infos prüfen", meint Regina Behrendt, Referentin für den Gesundheitsmarkt bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Sie nennt einige Kriterien zur Orientierung.

1. Wie erkenne ich gute Inhalte?

  • Ins Impressum schauen. Ist der Betreiber eine Behörde, Krankenkasse oder Forschungseinrichtung, sind die Inhalte vermutlich seriös.
  • Die Finanzierung hinterfragen. Wenn ein kommerzieller Anbieter  hinter einer Seite steht, will dieser womöglich seine Produkte oder Dienstleistungen verkaufen.
  • Informationen prüfen. Wenn Inhalte einseitig dargestellt werden, etwa der Nutzen einer Therapie in den Himmel gelobt wird, sollten die Alarmglocken klingeln. Dann lieber weitersuchen und unabhängige Websites befragen. 
  • Nach Quellen fahnden. Gute Beiträge im Netz nennen am Ende der Texte Autoren und Quellen, etwa internationale Fachzeitschriften, aus denen die Infos stammen.
  • Auf Aktualität achten. Medizinisches Wissen entwickelt sich ständig weiter. Gesundheitsinformationen sollten deshalb immer eine Datumsangabe enthalten. Das Datum steht meist am Anfang oder Ende eines Beitrags.
  • Gütesiegel checken. Regina Behrendt nennt das HON-Siegel der Schweizer Organisation Health On the Net (übersetzt: Gesundheit im Netz) und das afgis-Siegel (Gütezeichen des deutschen Aktionsforums Gesundheitsinformationssystem). Solche Zertifikate dürfen Portale tragen, die eine Qualitätsprüfung durchlaufen haben. Die Siegel finden sich meist auf der Startseite.

2. Achtung, Selbstdiagnose!

Was könnte das Krankheitszeichen bloß bedeuten? Wer zum Beispiel nach "Schwindel", "Bauchweh" oder "Kopfschmerz" sucht, bekommt vom Online-Doktor gelegentlich eine ganze Palette möglicher Ursachen geliefert – von harmlos bis lebensbedrohlich. Für den medizinischen Laien ist es oft schwierig, durchzublicken und die Nerven zu behalten. Gunnar Schwan warnt: "Im Internet Symp­tome eingeben und dann spuckt der Computer aus, was ich habe – das funktioniert leider nicht!" Eine vernünftige Diagnose kann nur ein Arzt stellen, der seine Patienten persönlich spricht, sieht und untersucht.

3. Vorsicht in Foren!

Der Austausch mit anderen kann gerade bei einer chronischen Erkrankung wie Diabetes eine wichtige emotionale Stütze sein. Experte Schwan warnt jedoch auch davor, sich blind auf das zu verlassen, was andere Nutzer in Internetforen und Chats teilen. Denn Erfahrungsberichte und Ratschläge von Laien seien immer subjektiv. Und wenn es um Erkrankungen geht, manchmal sogar gefährlich. Zu diesem Ergebnis kamen etwa US-Forscher der University of Pennsylvania in Philadelphia, nachdem sie Tausende Forenbeiträge zum Thema Brustkrebs analysiert hatten. Ihr Fazit: Die teils drastischen Schilderungen von Nebenwirkungen könnten andere Nutzer dazu verleiten, wichtige Medikamente abzusetzen.

Um sich zu informieren, sei das Internet oft hilfreich. Das persönliche Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt könne es aber nicht ersetzen, betont Experte Schwan. "Wenn Sie ein Problem haben, fragen Sie lieber Ihren Arzt und nicht Dr. Online!"


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