Was hinter einer Ohnmacht stecken kann

Hinter einem Ohnmachtsanfall, auch Synkope genannt, verbirgt sich oft eine harmlose Kreislaufstörung. Manchmal weist er aber auf eine Krankheit hin. Welche Ursachen es gibt, was bei einer Ohnmacht zu tun ist
von Dr. Christian Guht, aktualisiert am 08.12.2016

Ohnmächtig: Einem Gardisten ist der Kreislauf weggesackt. Ihm wurde rasch geholfen

Action Press GmbH & Co. KG/Ben Stevens

Drückende Hitze, fast ein Kilo Bärenfellmütze auf dem Kopf – und dann noch das stundenlange Exerzieren zum Geburtstag der Queen: Da kann auch einem altgedienten Gardisten mal der Kreislauf wegsacken. Ärzte nennen das eine "Synkope": einen plötzlichen Bewusstseinsverlust, von dem man sich normalerweise schnell erholt.

Ohnmacht kann auf Krankheit hinweisen

Synkopen sind sehr häufig – nicht nur bei der britischen Garde. Bis zu drei Prozent der Patienten, die in eine Notaufnahme kommen, wurden wegen einer Synkope eingeliefert. Und sind oft ziemlich verwundert angesichts der Aufregung um sie herum – es geht ihnen doch schon längst wieder gut.


Professor Rolf Diehl, Alfred Krupp Krankenhaus in Essen

W&B/Selina Pfrüner

"Tatsächlich wird die Diagnostik bei vielen Synkopen übertrieben", sagt Professor Rolf Diehl vom Alfried Krupp Krankenhaus in Essen. Dann werden Patienten in den Computertomografen geschoben oder zum Gefäßspezialisten überwiesen, obwohl eine sorgfältige Befragung bereits gereicht hätte, um zu erkennen, dass eine einfache Kreislaufstörung der Auslöser war.

"Manche Synkopen sind jedoch ein Hinweis auf gefährliche Erkrankungen", sagt Neuropsychologe Diehl. Dann ist eine sorgfältige Abklärung wichtig. Die klassische Synkope verläuft so: eine plötzliche Ohnmacht, eingeleitet von einem kurzen mulmigen Vorgefühl.

Herzleiden als Auslöser

Häufige Auslöser sind zum Beispiel ein plötzlicher Schmerz, ein Schreck oder längeres Stehen. "Gefährlich ist eine solche ‚Reflexsynkope‘ meist nicht", so Diehl. Meist betrifft sie junge, gesunde Menschen. Tritt eine Synkope aber erstmals in fortgeschrittenem Erwachsenenalter auf oder fehlen typische Auslöser, besteht Grund zu erhöhter Wachsamkeit. Denn auch Herzerkrankungen, etwa Rhythmusstörungen oder eine verengte Herzklappe, können die Ursache sein und müssen ausgeschlossen werden.

Um gefährliche von harmlosen Synkopen besser zu unterscheiden, haben kanadische Ärzte die Daten von über 4000 Patienten ausgewertet und Warnkriterien ermittelt. Demnach gelten auffällige Blutdruckwerte oder bestimmte EKG-Veränderungen in der Notaufnahme als Alarmzeichen, dass ernste Gefahr droht – etwa ein Herzinfarkt oder gar ein plötzlicher Herzstillstand. "Die Basisuntersuchung und das Gespräch mit dem Patienten erlauben meist eine schnelle Entscheidung, ob weitere Tests nötig sind", sagt Experte Diehl.

Puls und Blutdruck messen

In speziellen Fällen muss der diagnostische Aufwand erhöht werden. Dann wird der Patient auch schon einmal auf einen kippbaren Tisch geschnallt. Unter Puls- und Blutdruckkontrolle bringt ihn der Arzt in die Aufrechte. Kommt es dabei zu einer kurzen Bewusstlosigkeit mit Veränderungen von Blutdruck und Puls, weist das auf eine Kreislaufregulationsstörung hin.

Betroffene bekommen dann zum Beispiel den Rat, nicht abrupt aufzustehen, sondern sich erst auf den Bettrand zu setzen und ihrem Kreislauf etwas Zeit zu geben. Mitunter muss auch die Dosis blutdrucksenkender Tabletten etwas reduziert werden.


Einige Patienten bekommen sogar ein kleines EKG-Gerät unter die Haut gesetzt, das die Herz­erregung mehrere Monate lang aufzeichnet. "Manchmal führen Rhythmusstörungen zu einer Synkope", sagt Rolf Diehl. "Treten sie nur selten auf, lassen sie sich anders nicht erfassen — zumal sie auch nicht jedes Mal eine Synkope auslösen müssen."

Hoher Blutzucker schadet den Nerven

Daneben können bestimmte Erkrankungen Synkopen fördern, etwa Diabetes. Dauerhaft hohe Blutzuckerspiegel schädigen Nerven, die Herzfrequenz oder Gefäßweite steuern und an der Kreislaufregulierung beteiligt sind.

Auch Nervenleiden wie die Parkinson-Krankheit können Kreis­laufstörungen verursachen. "Ner­venschäden lassen sich zwar meist nicht bessern", so Rolf Diehl. "Es gibt aber Möglichkeiten, Synkopen bei den Betroffenen vorzubeugen." So können etwa bestimmte gefäß­aktive Medikamente einem Blutdruckabfall entgegenwirken. Ähnliches leisten "Gegendruckmanöver", die man bei Warnsymptomen einer Ohnmacht ausführen kann.

Nicht immer liegt’s am Kreislauf

Einer plötzlichen Bewusstlosigkeit liegt nicht immer eine Synkope zugrunde. So kann zum Beispiel auch eine schwere Unterzuckerung zum Bewusstseinsverlust führen. Dieser kündigt sich aber meist durch Warnzeichen wie Heißhunger, Schwitzen und Herzklopfen an und dauert auch länger. Etwas schwieriger ist die Abgrenzung zu einem epileptischen Anfall, der wie die Synkope aus heiterem Himmel auftritt und ebenfalls rasch von allein aufhört. Bei einem Verdacht, etwa weil krampfartige Zuckungen beobachtet wurden, hilft eine neurologische Untersuchung, die Ursache zu klären.

Grundsätzlich werde in deutschen Kliniken aber eher zu viel als zu wenig Diagnostik durchgeführt, so Rolf Diehl. Was nicht nur Kosten erhöhe, sondern auch die Verunsicherung der Betroffenen. Dabei könnten Ärzte meistens schnell entwarnen: Die Ohnmacht selbst bleibt in der Regel folgenlos. Nur ihre Ursache muss man kennen.


Das Wichtigste in Kürze

Als Synkope bezeichnet man eine plötzliche Ohnmacht, die sich rasch von allein bessert. Etwa vier von zehn Menschen haben einmal in ihrem Leben eine Synkope. Zum Arzt gehen danach aber weniger als die Hälfte – viel zu wenig


Eine harmlose Kreislaufstörung ist meist der Auslöser. Vor allem bei älteren Menschen können Syn­kopen aber auch auf Herzprobleme hinweisen


Lassen Sie die Ursache der Synkope vom Arzt (Hausarzt, Internist) klären



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