Insulin-Purging: Gefährliche Verknappung

Vor allem junge Frauen mit Typ-1-Diabetes spritzen bewusst eine zu geringe Insulindosis, um nicht zuzunehmen. Doch das Spiel mit den erhöhten Zuckerwerten ist riskant

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 21.03.2016

Beim Purging spritzen Menschen mit Diabetes weniger Insulin, als ihr Körper benötigt

W&B/Simon Katzer

Wann Lisa zum ersten Mal absichtlich zu wenig Insulin spritzte, weiß sie heute auch nicht mehr. "Das kam schleichend in der Pubertät", sagt die heute 26-Jährige, die auf ihrem Blog über ihr Leben mit Typ-1-Diabetes schreibt. "Ab 18 Jahren habe ich das dann bewusst gemacht, um abzunehmen."

Gezielte Insulin-Verknappung

Insulin-Purging heißt das, wenn Menschen mit Diabetes sich bewusst eine zu geringe Dosis an Insulin verabreichen. In der Regel wollen sie damit ihr Gewicht kontrollieren. Die Logik dahinter ist einfach: Nur mithilfe von Insulin kann der Körper die Glukose aus der Nahrung zur Energiegewinnung nutzen. Ohne Insulin bleibt der Zucker in den Blutgefäßen und wird zum Teil über den Urin ausgeschieden. Das bedeutet, dass viele Kalorien aus dem Essen ungenutzt verpuffen – und sich nicht als Polster am Körper ansammeln können.


Verlässliche Daten, wie häufig Insulin-Purging ist, gibt es nicht. Die Zahlen unterscheiden sich von Studie zu Studie. In einer deutschen Untersuchung aus dem Jahr 2014 spritzte rund jeder fünfte Jugendliche mit Typ-1-Diabetes gezielt zu wenig. In einer norwegischen Studie war es sogar fast jeder dritte 11- bis 19-Jährige mit Diabetes.

Purging ist vor allem bei Frauen verbreitet

"Generell gilt Insulin-Purging eher als ein weibliches Phänomen", sagt Dr. Berthold Maier, Psychodiabetologe am Diabetes Zentrum Mergentheim. Wahrscheinlich entdecken viele in der Pubertät diese Möglichkeit – einer an sich schon schwierigen Lebensphase, die durch die Krankheit zusätzlich verkompliziert wird.

Ein Diabetes verlangt, sich fortlaufend an bestimmte Regeln zu halten, vernünftig zu sein. Genau das, worauf Jugendliche mit 14 Jahren am wenigsten Lust haben. Dazu kommt, dass bei Kindern die Eltern die Behandlung mit überwachen. In der Pubertät geht es aber auch darum, sich von eben diesen Eltern abzuschotten. "Diabetes und Pubertät passen meist schlecht zusammen", fasst Maier zusammen.

Insulin-Purging für mehr Selbstwert

Häufig leidet wegen des Diabetes auch das Selbstwertgefühl der Heranwachsenden. Die künstliche Insulin-Verknappung ist dann ein Versuch, der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper Herr zu werden. Außerdem verheißt Purging eine verlockende Freiheit beim Essen: Wer nicht spritzt, kann praktisch so viel essen wie er möchte, ohne zuzunehmen.

Der eine spritzt nur hin und wieder absichtlich zu wenig Insulin. Andere nehmen aber über längere Zeit eine deutlich zu niedrige Dosis. Lisa betrieb rund fünf Jahre lang Insulin-Purging. "Teilweise habe ich gar kein Basalinsulin mehr gespritzt", sagt sie.

Ketoazidose kann drohen

Ihr Körper beschwerte sich über die Insulinknappheit. Lisa hatte oft starken Durst, flachen Atem und war schnell aus der Puste. Alles Anzeichen einer drohenden Ketoazidose. Diese Übersäuerung des Blutes kann bei einem absoluten Insulinmangel auftreten. "Dennoch habe ich oft erst gespritzt, wenn es mir wirklich schlecht ging", sagt sie. Mit 23 Jahren musste sie dann tatsächlich wegen einer Ketoazidose ins Krankenhaus.

Eine Ketoazidose ist die deutlichste akute Folge, die auftreten kann. Doch auch wenn der Stoffwechsel nicht völlig aus dem Lot gerät, schadet Insulin-Purging auf Dauer. Der Zuckerüberschuss, der sich in den Blutgefäßen ansammelt, erhöht die Gefahr von Langzeitfolgen wie Gefäßerkrankungen und Netzhautschäden.

Purging verursacht Langzeitschäden

Für eine US-Studie, die im Fachjournal Diabetes Care erschien, beobachteten Forscher 234 Frauen mit Typ-1-Diabetes im mittleren Alter über einen Zeitraum von elf Jahren. Rund ein Drittel der Teilnehmerinnen spritzte bewusst zu wenig Insulin. In dieser Gruppe traten Nierenschäden und Fußprobleme deutlich häufiger auf. Das Sterblichkeitsrisiko war sogar um das Dreifache erhöht.

Den meisten Insulin-Purgern dürfte bewusst sein, dass sie ihrem Körper mit ihrem Verhalten keinen Gefallen tun. Dennoch fällt es ihnen schwer, damit aufzuhören. "Viele schämen sich dafür", sagt Psychologe Maier. Betroffene trauen sich oft nicht, ihr Problem offen anzusprechen. Umgekehrt bemerken ihr Umfeld und das behandelnde Ärzte-Team häufig nichts davon.

Selbst als sie wegen der Ketoazidose in die Klinik eingeliefert wurde, verheimlichte Lisa, dass sie absichtlich zu wenig Insulin spritzte. Gegenüber den Krankenhausärzten stellte sie die Stoffwechselentgleisung als einen Einzelfall hin, den sie sich selbst nicht erklären könne. "Ob die mir geglaubt haben, weiß ich nicht", sagt sie. "Wahrscheinlich nicht."

Keine falsche Scham

Für Berthold Maier, der an der Klinik Bad Mergentheim Kinder und Jugendliche mit Diabetes betreut, ist ein "gutes Arzt-Patienten-Verhältnis" der Schlüssel, damit Betroffene wieder vom Insulin-Purging loskommen. Ist dieses gegeben, fällt es dem Patienten leichter, seine Scham zu überwinden. Umgekehrt kann auch der Arzt sein Gegenüber in diesem Fall besser in einem vertraulichen Gespräch auf das Thema ansprechen, wenn er einen entsprechenden Verdacht hat. Erhöhte Langzeit-Blutzuckerwerte sind oft ein wichtiger Hinweis, dass ein Patient sein Insulin künstlich verknappt.

Essstörung mit einer Psychotherapie behandeln

Wer nur hin und wieder Insulin einspart, hört häufig irgendwann von selbst wieder damit auf. Weitaus problematischer ist es, wenn es jemand ständig macht. Dann geht das Insulin-Purging oft mit einer Essstörung einher. "In diesem Fall ist eine Psychotherapie notwendig", sagt Maier. Manchmal reicht eine ambulante Behandlung aus. Bei einer schweren Essstörung sollten Betroffene dagegen stationär betreut werden.

In der Therapie finden Patienten dann mithilfe der Ärzte und eines Esstagebuchs heraus, welche Situationen bei ihnen Verhaltensweisen wie das Insulin-Purging auslösen. Anschließend lernen sie, wie sie in diesen Momenten alternativ reagieren können. Ein weiterer Baustein der Behandlung ist die Beschäftigung mit dem eigenen Selbst: Ist mein Selbstwertgefühl wirklich vom Gewicht abhängig? Und gibt es möglicherweise andere Möglichkeiten, um nicht zuzunehmen?

Rückfall in alte Muster

Nach ihrem Krankenhausaufenthalt hörte Lisa eine Zeit lang völlig mit dem Insulin-Purging auf. Doch bald fiel sie wieder in ihre früheren Gewohnheiten zurück.

Auf Rat ihrer Diabetologin hat sie deswegen im Januar 2016 mit einer Psychotherapie angefangen, um das Problem endlich in den Griff zu kriegen. Doch die Verlockung, im Bedarfsfall schlicht eine kleinere Insulindosis einzustellen, verschwindet nicht so schnell von heute auf morgen. "Wenn ich eine kalorienreiche Pizza sehe, ringt es nach wie vor oft in mir, einfach etwas weniger zu spritzen."



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Bildnachweis: W&B/Simon Katzer

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