Insulintherapien bei Diabetes im Überblick

Von BOT bis CSII: Wir stellen die verschiedenen Spritzschemen bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes mit Vorteilen und Nachteilen vor
von Tina Haase, 24.04.2017

Insulinpen: Jeder Patient ist anders – und braucht eine auf ihn abgestimmte Therapie

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Diabetes ist nicht gleich Diabetes. Deswegen richtet sich die Therapie nach dem Krankheitstyp und unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Typ-1-Diabetiker brauchen ab der Diagnose Insulin, Typ-2-Diabetiker meist erst dann, wenn ein gesunder Lebensstil und Tabletten nicht zu den gewünschten Blutzuckerwerten führen. "Die Insulintherapie wird  genau auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten", sagt Bernd-Michael Scholz, Diabetologe in einer Schwerpunktpraxis in Hamburg-Harburg.

Doch welche Behandlung ist für wen geeignet? Gemeinsam mit unserem Experten haben wir sieben häufige Patiententypen und dazu passende Therapien zusammengestellt.


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1. BOT

Der Patient: Helmut S. hat Typ-2-Diabetes. Er ist 69 Jahre alt und leicht übergewichtig. Obwohl er sich gesund ernährt und jeden Tag zwei blutzuckersenkende Tabletten nimmt, hat er morgens nach dem ­Auf­wachen Zuckerwerte um 180 mg/dl (10 mmol/l)

Was helfen könnte: eine basal unterstützte orale Therapie (BOT)

Geeignet für: Typ-2-Diabetiker, die vor dem Frühstück erhöhte Werte haben, tagsüber aber dank Tabletten gut eingestellt sind

So geht‘s: Zur "oralen" Therapie mit Tabletten spritzt man (meist abends) ein lang wirkendes Insulin ("Basalinsulin"). Dieses wirkt dem nächtlichen Blutzuckeranstieg entgegen, der zu den hohen Morgenwerten führt

 


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2. BOT plus

Die Patientin: Hanna W. (71) hat Typ-2-Diabetes. Sie nimmt schon lange ­Diabetestabletten. Abends spritzt sie ein lang wirkendes Insulin. Morgens hat Hanna W. gute Werte, aber nach dem Mittagessen schießt ihr Zucker in die Höhe

Was helfen könnte: eine basal unterstützte orale Therapie plus Mahlzeiteninsulin (BOT plus)

Geeignet für: Typ-2-Diabetiker, die mit Tabletten und lang wirkendem Insulin behandelt werden (BOT, siehe oben) und bei denen der Blutzucker nach einzelnen Mahlzeiten stark steigt

So geht‘s: Vor der problematischen Mahlzeit – etwa einem kohlenhydratreichen Mittagessen – spritzt man zusätzlich zur sonstigen Diabetestherapie ein schnell und kurz wirkendes Insulin, das den Blutzuckeranstieg verhindert

 


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3. ISI

Der Patient: Jan M. (48) hat starkes Übergewicht. Er behandelt seinen Typ-2-Dia­betes mit Tabletten und einem lang wirkenden Insulin. Trotzdem hat er nach dem Abendessen regelmäßig deutlich erhöhte Werte

Was helfen könnte: Insulin plus Inkretin-Analogon (ISI)

Geeignet für: Typ-2-Diabetiker, deren Blutzucker nach bestimmten Mahlzeiten hoch ist – besonders wenn sie übergewichtig sind

So geht‘s: Inkretin-Analoga nennt man Wirkstoffe, die ähnlich wie Insulin unter die Haut gespritzt werden. Sie steigern blutzuckerabhängig die Insulinproduktion, verlängern aber auch das Sättigungsgefühl und wirken appetithemmend. Dadurch helfen sie beim Abbau von Übergewicht. Meist werden sie mit Langzeit-insulin kombiniert, manchmal zusätzlich mit Tabletten

 


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4. SIT

Die Patientin: Die 67-jährige Ute W. ist Typ-2-Diabetikerin. Sie hat nach dem Essen immer wieder deutlich erhöhte ­Werte von bis zu 180 mg/dl (10 mmol/l), obwohl sie zweimal täglich eine Metformintablette nimmt. Morgens sind ihre Werte normal

Was helfen könnte: eine supple­mentäre Insulintherapie (SIT)

Geeignet für: Typ-2-Diabetiker, die nach Mahlzeiten hohe Blut­zuckerwerte haben

So geht‘s: Zu den Hauptmahlzeiten spritzt man ein kurz wirkendes Insulin, das Blutzuckeranstiege verhindert. Die Dosis wird mit dem Arzt festgelegt. Blutzuckersenkende Tabletten werden, wenn möglich, weiter genommen

 


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5. CT

Der Patient: Johann F. ist 79 Jahre alt. Der Typ-2-Diabetiker lebt seit vier Jahren in einem Pflegeheim und leidet an Alzheimer-Demenz. Bislang wurde er mit Tabletten behandelt, doch sein Langzeitwert (HbA1c) ist mit 8,6 Prozent (70 mmol/mol) sehr unbefriedigend

Was helfen könnte: eine kon­ventio­nelle Therapie (CT)

Geeignet für: Typ-2-Diabetiker mit festem Tagesablauf und regelmäßigen Mahlzeiten, bei denen eine Tablettentherapie nicht reicht und denen eine Therapie mit selbstständiger Anpassung der Insulindosis nicht möglich ist

So geht‘s: Bei der konventionellen Therapie (CT) spritzt man, häufig vor dem Frühstück und Abend­essen, eine fixe Mischung aus kurz und lang wirkendem Insulin. Das Mischungsverhältnis legt man mit dem Arzt fest. Der Anteil an schnell wirkendem Insulin wird auf den durchschnittlichen Kohlenhydratgehalt der Mahlzeiten abgestimmt. Das Basalinsulin deckt den Grundbedarf des Körpers auch zwischen den Mahlzeiten und nachts

 


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6. ICT

Der Patient: Tom S. ist 17 Jahre alt. Kürzlich wurde bei dem sportlichen Schüler Typ-1-Diabetes festgestellt

Was helfen könnte: eine inten­sivierte Therapie (ICT) – oder eine Pumpentherapie (CSII, siehe unten)

Geeignet für: vor allem für Typ-1-Diabetiker (für sie ist die ICT die Standardbehandlung), aber auch für Menschen mit Typ-2-Diabetes, bei denen die bisher genannten Therapie­möglichkeiten nicht ausreichen

So geht‘s: Der Blutzucker wird ausschließlich mit Insulin behandelt. Die nötige Dosis passt der Diabetiker selbstständig an seinen Bedarf an. Er spritzt ein- bis zweimal täglich ein lang wirkendes Insulin, um seinen Grundbedarf zu decken. Zu den Mahlzeiten oder bei erhöhten Blutzuckerwerten spritzt er außerdem schnell wirkendes Insulin

 


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7. CSII

Die Patientin: Lisa E. (4) erkrankte vor einem Jahr an Typ-1-Diabetes

Was helfen könnte: eine Pumpentherapie (CSII: kontinuierliche subkutane Insulininfusion)

Geeignet für: Typ-1-Diabetiker, die ihre Werte trotz ICT nicht in den Griff bekommen: etwa bei häufigen Unterzuckerungen, gestörter Unterzucker-Wahrnehmung oder stark wechselndem Bedarf an Basalinsulin (z. B. bei Wechselschichtarbeit). Kinder erhalten meist sofort eine Pumpe

So geht‘s: Die Insulinpumpe gibt über eine Kanüle, die unter der Haut liegt, fortlaufend eine kleine Menge schnell wirkendes Insulin ab. Das deckt den Grundbedarf des Körpers. Zum Essen oder wenn der Blutzucker zu hoch ist, ruft der Diabetiker zusätzliches Insulin ab



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