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Wann wird´s Zeit für Insulin?

Oft bleiben die Zuckerwerte auch nach der Diagnose Diabetes Typ 2 noch lange erhöht. Experten fordern deshalb, die Insulintherapie nicht auf die lange Bank zu schieben


Experten raten heute schneller als früher zur Insulintherapie

Meine Diabetes-Tabletten waren am Ende nur noch ein Tropfen auf dem heißen Stein“, sagt Karl-Heinz Nägele. Mehr als zehn Jahre behandelte der heute 74-Jährige seinen Typ-2-Diabetes mit Tabletten. Nahm erst einen, dann zwei, dann drei verschiedene Wirkstoffe ein, hatte dadurch immer leidlich gute Werte. Bis vor zwei Jahren der Tag kam, an dem sein Arzt ihm offenbarte: „Wir sind am Ende der Fahnenstange – jetzt brauchen Sie Insulin“.

Nägele, erst wenig begeistert, ließ sich schließlich überreden. „Trotz der vielen Tabletten, die ich jeden Tag schluckte, lag mein Blutzucker damals häufig über 200 mg/dl (11,1 mmol/l)“, erinnert er sich. Inzwischen haben sich nicht nur seine Werte wieder deutlich verbessert. „Seit ich Insulin spritze, fühle ich mich auch viel fitter“, sagt er.


Diabetes Typ 2: Stoffwechsel früh gestört

Fast jeder Typ-2-Diabetiker wird irgend­wann mit dem Thema „Insulintherapie“ konfrontiert. Manche schon wenige Monate nach der Diagnose, die meisten jedoch erst viel später. „Im Durchschnitt dauert es etwa neun Jahre, bis Patienten mit Typ-2-Diabetes eine Insulinbehandlung beginnen“, sagt der Freiburger Internist und Diabetologe Dr. Udo Wegenast. Seiner Meinung nach ein viel zu langer Zeitraum und einer der Gründe, warum Diabetes-Folgekrankheiten wie Herz-, Nieren- und Augenschäden in Deutschland immer noch so häufig sind.

Darin, dass Typ-2-Diabetes allgemein schneller und intensiver behandelt werden sollte als es in der Praxis häufig noch üblich ist, sind sich die meisten Experten einig. Das vielleicht größte Problem bei der früher als „Alterszucker“ banalisierten Volkskrankheit: Schon Jahre bevor die Zuckerwerte so hoch sind, dass der Arzt Typ-2-Diabetes dia­gnostizieren kann, ist die Balance des Zuckerstoffwechsels so gestört, dass Schäden an Blutgefäßen und Nerven entstehen können. Würde dieses ­Vorstadium des Diabetes rechtzeitig erkannt, ließe sich die Krankheit, zumindest aber die Entwicklung vieler ihrer Folgeschäden, oft verhindern. Doch in der Realität vergehen meist über zehn Jahre, bis ein Typ-2-Diabetes festgestellt wird. Zahlreiche Betroffene haben dann bereits Sehstörungen, leiden an Nervenschmerzen oder hatten schon einen Herzinfarkt. Und viel zu oft dauert es auch nach der Diagnose noch Jahre, bis die Blutzuckerwerte deutlich besser geworden sind.

Hohe Zuckerwerte nicht tolerieren

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt seit Kurzem, sofort nach der Dia­gnose eines Typ-2-Dia­betes Tabletten einzunehmen – statt wie früher zunächst nur auf Bewegung und Abbau von Übergewicht zu setzen. „Eine gesunde Lebensweise ist zwar der beste Weg, den Blutzucker zu verbessern“, sagt Experte Wegenast. „Allerdings zeigt die Erfahrung, dass viel zu wenige Menschen es schaffen, ihren Lebensstil schnell und dauerhaft umzustellen.“

Forscher haben inzwischen weitere Gründe gefunden, die für eine frühzeitige intensive Therapie des Typ-2-Dia­betes sprechen. So gibt es Hinweise, dass Augen- oder Nierenschäden noch nach Jahrzehnten deutlich seltener sind, wenn die Zuckerwerte gleich nach der Dia­gnose des Typ-2-Diabetes so gut wie möglich behandelt werden. In Studien blieb das verminderte Risiko auch bestehen, wenn die Zuckerwerte später wieder stiegen und sich denen von Patienten anglichen, die von Anfang an weniger streng behandelt wurden. Die Gründe sind unklar. Experten vermuten zum Beispiel, dass die Bauchspeicheldrüse, die für die Insulinproduktion verantwortlich ist, durch die intensive Hilfe von außen entlastet wird und so länger „funktionstüchtig“ bleibt.

Typ 2: Anfangs mehr Insulin im Blut

Menschen mit Typ-1-Diabetes müssen sofort nach der Diagnose lernen, Insulin zu spritzen. Denn dem Typ 1 liegt ein fast völliges Versagen der körpereigenen Produktion zugrunde. Typ-2-Diabetiker dagegen haben anfangs sogar einen Insulin-Überschuss. Ihr Problem ist, dass das Hormon nicht richtig wirken kann: Die Zellen, die auf Insulin angewiesen sind, um den wichtigen Treibstoff Glukose (Traubenzucker) aus dem Blut zu ziehen, reagieren nicht mehr richtig, sie werden „insulinresis­tent“. Um dennoch ausreichend Zucker in die Zellen zu schleusen, produziert der Körper immer mehr Insulin. So gelingt es ihm, einen Rückstau des Zuckers im Blut und ein Ansteigen des Blutzuckerspiegels zu verhindern – bis die Bauchspeicheldrüse im Lauf der Jahre anfängt zu schwächeln, immer weniger Insulin freisetzt und die Blutzuckerwerte steigen.

Der Grund für die Insulinresistenz ist meist eine Mischung aus Bewegungsmangel, Übergewicht und erblicher ­Veranlagung. Bewegung und Gewichts-­Normalisierung sind deshalb die Basis jeder Therapie. Die 73-jährige Sieglinde B. etwa schaffte es, ihrem Diabetes zehn Jahre „davonzu­schwimmen“, wie sie sagt: So lange hatte sie ihre Werte durch Medikamente und regelmäßige Besuche im Schwimmbad im Griff. Erst seit etwa einem Jahr spritzt sie zusätzlich einmal täglich Insulin.

Stufen der Diabetestherapie - eine Übersicht:



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Erklärung: Wenn sich die Blutzuckerwerte nach drei bis sechs Monaten nicht gebessert haben, erfolgt jeweils der Übergang zur nächsten Therapiestufe



Manche brauchen sofort Insulin

Wenn ein Patient mit Typ-2-Diabetes Insulin braucht, hat er, anders als Typ-1-Dia­betiker, die mehrmals täglich Insulin benötigen, häufig die Wahl. Oft reicht es zum Beispiel, einmal täglich zusätzlich zu den Tabletten ein lang wirkendes Insulin zu spritzen. Oder zweimal täglich eine fixe Mischung aus schnell und lang wirkendem Insulin, die mit dem Arzt festgelegt wird. Manchmal ist aber auch eine intensivierte Therapie sinnvoll, bei der die Betroffenen die Insulindosis selbstständig an ihre Bedürfnisse anpassen und dabei den Kohlenhydratgehalt ihrer Nahrung ebenso berücksichtigen wie körperliche Aktivitäten, die den Blutzuckerspiegel senken können.

Der 39-jährige Holger S. hatte bei der Diagnose seines Typ-2-Diabetes so hohe Werte, dass die Ärzte ihn sofort auf eine intensivierte Insulintherapie einstellten. Bis zu fünfmal täglich spritzt Speer seitdem das blutzuckersenkende Hormon – für ihn heute „so normal wie Zähneputzen“.

Ernährungsberatung vor der Insulintherapie

Experten wie Diabetologe Udo Wegenast haben jedoch auch die Nachteile einer Insulintherapie kritisch im Blick: „Wer Insulin spritzt, neigt zum Beispiel zu ­einer gewissen Gewichtszunahme“, sagt der Arzt. Die Gründe sind vielschichtig: Zum einen hemmt Insulin den Abbau von Fettgewebe. Zum anderen verwertet der Körper Zucker besser, wenn genug Insulin verfügbar ist, und kann dann aus überschüssiger Glukose leichter Fett­depots aufbauen.

Gerade bei Typ-2-Diabetes ist das nicht unproblematisch, weil Übergewicht die Insulinresistenz fördert und eine der Hauptursachen der „Zuckerkrankheit“ ist. Deshalb besteht Wegenast darauf, dass alle Patienten, die Insulin spritzen, vorher eine ausführliche Ernährungsberatung bekommen. Hier lernen sie unter anderem, dass Insulinspritzen kein „Freibrief“ ist zu essen, was man möchte. Denn Insulin verhindert lediglich die durch Kohlenhydrate verursachten Blutzucker­anstiege. Die Kalorien, insbesondere auch die aus Fett und Eiweiß, muss man natürlich dennoch im Auge behalten.

Operation statt Spritzen?

Typ-2-Diabetikern mit massivster Fettleibigkeit (Adipositas), die es nicht schaffen, ihr Gewicht zu verringern, und trotz aller Bemühungen schlechte Zuckerwerte haben, rät Diabetologe Wegenast mitunter sogar zu einer Magenoperation, die nicht nur beim Abnehmen hilft, sondern auch den Zuckerstoffwechsel deutlich bessern kann. „Solche Eingriffe bleiben jedoch stets eine Option für ausgesuchte Einzelfälle, und ihr Nutzen muss immer sorgfältig gegen die möglichen Risiken abgewogen werden“, sagt Wegenast.

Diabetes-Patient Karl-Heinz N. hat dank vernünftiger Ernährung und täglicher Laufrunden mit seiner Ehefrau keinerlei Gewichtsprobleme. Und die regelmäßigen Insulininjektionen sind längst ein normaler Teil seines Alltags geworden. „Ich bin heilfroh, dass mein Arzt mich damals überredet hat, meine Therapie zu ändern“, sagt er. „Insulin ist heute mein ganz persönlicher Kraftstoff.“

 

Nachgefragt ...

... bei Berthold Maier, Diplompsychologe beim Diabetes Zentrum Mergentheim.

Viele Diabetiker fürchten, dass mit einer Insulintherapie das Risiko für Unterzuckerungen steigt. Zu Recht?

Grundsätzlich bekommen Diabetiker, die Insulin spritzen, eher ­eine Unterzuckerung als andere. Das sollte aber kein Grund sein, auf ­Insulin zu verzichten.

Was raten Sie?

Wichtig ist es, an einer Diabetiker-Schulung teilzunehmen. Dort erfährt man unter anderem, wie man einer Unter­zuckerung vorbeugt, ­eine beginnende Unterzuckerung erkennt und sich schnell helfen kann, wenn der Zucker tatsächlich einmal zu tief sinkt. Bei ausgeprägten Ängsten kann auch ein Psychologe helfen. Ein gewisser Respekt vor Unterzuckerungen ist aber durchaus berechtigt und trägt dazu bei, dass man bei Verdacht auf tiefe Zuckerwerte zügig Gegenmaßnahmen ergreift.

Ihr Tipp für Insulin-Einsteiger?

Sprechen Sie nicht nur mit Ihrem Arzt, sondern reden Sie auch mit anderen Diabetikern, die bereits Insulin spritzen!


Berthold Maier ist Psychodiabetologe am Forschungsinstitut Diabetes-Akademie Bad Mergentheim.




Bildnachweis: W&B/Dr. Ulrike Möhle, W&B/Schneider&Sporrer, W&B/Privat

Daniela Pichleritsch / Diabetes Ratgeber; 04.10.2010, aktualisiert am 02.04.2012
Bildnachweis: W&B/Dr. Ulrike Möhle, W&B/Schneider&Sporrer, W&B/Privat

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