Was kann das neue Turbo-Insulin?

Ein besonders schnell wirkendes Insulin soll den Spritz-Ess-Abstand überflüssig machen. Übers Buffet herfallen, ohne nachzudenken, klappt aber trotzdem nicht
von Tina Haase, 26.07.2017

Der Spritz-Ess-Abstand kann bei schnellem Insulin entfallen – das erspart unnötigen Stress

istock/People Images

Als vor rund 20 Jahren die ersten schnellen Analoginsuline auf den Markt kamen, feierten Ärzte dies als Meilenstein in der Diabetestherapie. Bis dahin verwendeten Typ-1-Diabetiker ausschließlich sogenanntes Normalinsulin (auch Altinsulin genannt), wenn sie hohe Werte korrigieren wollten. Oder um Blutzuckeranstiege nach dem Essen abzufangen.

Dabei mussten sie penibel auf den "Spritz-Ess-Abstand" achten: etwa 10 bis 15 Minuten bei Blutzuckerwerten im Normalbereich, bei erhöhten Werten auch deutlich länger. Wer Zuckerspitzen nach dem Essen verhindern wollte, musste also daran denken, rechtzeitig den Pen zu zücken. Allerdings auch nicht "zu" rechtzeitig. Denn sonst drohte schon vor dem Essen eine Unterzuckerung. Purer Nervenkitzel ...

Die kleine Insulin-Revolution

Mit den schnellen Analoginsulinen änderte sich dies. Nur Minuten nach der Injektion setzt ihre Wirkung ein. Der Spritz-Ess-Abstand verkürzte sich dadurch deutlich, auch wurde es im Einzelfall möglich, mit der Injektion bis nach dem Essen zu warten – etwa wenn vor der Mahlzeit ein erniedrigter Zuckerwert gemessen wurde. Weil die Wirkung der schnellen Analoginsuline schneller abflaute als die von Normalinsulin, konnten Diabetiker, die ein Analoginsulin verwendeten, fortan auch auf Zwischenmahlzeiten verzichten. Diese sind bei Normalinsulinen nötig, um Unterzuckerungen zwischen den Hauptmahlzeiten zu verhindern.

Doch noch immer sind Diabetologen und ihre Patienten nicht vollends zufrieden. Denn so perfekt, wie das vom Körper selbst gebildete Insulin Blutzuckerschwankungen im Zaum hält, kann dies selbst das fortschrittlichste Analoginsulin nicht.

Schneller dank Zusatzstoffen

Daher tüfteln Forscher weiter daran, die Insulintherapie zu optimieren. Und meldeten nun einen neuen Fortschritt. Im Januar erhielt ein Insulinpräparat die Zulassung, das noch schneller wirkt als die bisherigen Analoginsuline – "und damit der Wirkung des körpereigenen Insulins näher kommt", sagt Diabetes-Forscher Professor Thomas Danne aus Hannover.

Dieses "faster acting insulin aspart" ("schneller wirkendes Insulin Aspart") ist eine Weiterentwicklung des schnellen Analoginsulins Aspart. Durch Zugabe zweier Hilfsstoffe, der Aminosäure Arginin und Vitamin B3, gelang es, dem Insulin quasi einen "Turbo-Beschleuniger" zu verpassen. Danne sieht es als Vorteil, dass damit auf einen Spritz-Ess-Abstand oft verzichtet werden kann. "Man spritzt Insulin direkt vor dem Essen oder bis zu 20 Minuten später", so Danne. Nur wenn der Blutzucker vor dem Essen zu hoch sei, solle die Injektion früher erfolgen.

Bessere HbA1c-Werte mit Turbo-Insulin

Zugelassen ist das "Turbo"-Insulin (Handelsname Fiasp) für Erwachsene seit dem 1. April 2017. Erste Studien haben gezeigt, dass es bei Typ-1-Diabetikern die Blutzuckeranstiege nach dem Essen besser abfängt als das schnelle Analoginsulin Aspart. Auch die Blutzucker-Langzeitwerte (HbA1c-Werte) waren besser. Dies galt allerdings nur bei Patienten, die das neue Insulin direkt zum Essen spritzten. Erfolgte die Injektion 20 Minuten später, waren die Langzeitwerte vergleichbar mit denen von Patienten, die herkömmliches Analoginsulin verwendeten. Unterzuckerungen traten nicht häufiger auf als mit dem Analoginsulin Aspart.

Nicht alle profitieren vom schnellen Insulin

Weniger beeindruckend waren die Ergebnisse bei Typ-2-Diabetes: Hier besserte das neue Insulin zwar die Zuckerwerte nach dem Essen stärker als das zum Vergleich eingesetzte Insulin Aspart, nicht aber den HbA1c-Wert.

Was die Qualität der Blutzuckereinstellung betrifft, schneiden auch die klassischen Normalinsuline nicht viel schlechter ab als ihre Nachfolger. Die Entscheidung für ein Insulin sollte daher immer im Einzelfall abgewogen werden. Mancher Diabetiker schätzt es zum Beispiel, wenn er eine Zwischenmahlzeit einnehmen kann, ohne dafür extra spritzen zu müssen und bleibt deshalb lieber beim Normalinsulin.


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