Keine Kostenübernahme mehr bei Gliniden

Krankenkassen müssen die Zuckersenker nur noch in Ausnahmefällen erstatten. Das entschied der Gemeinsame Bundesausschuss. Dem Entschluss ging ein jahrelanges Tauziehen voraus

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 03.03.2016

In Zukunft dürften weniger Diabetespatienten zu Gliniden greifen

W&B/Marcel Weber

Müssen die gesetzlichen Kassen die Kosten einer Therapie mit Blutzuckersenkern der Wirkstoffgruppe Glinide übernehmen oder müssen sie nicht? In dieser Diskussion hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) mit einem Beschluss vom 18. Februar 2016 vorerst einen Schlusspunkt gesetzt: Nur bei Patienten mit Typ-2-Diabetes, die unter einer schweren Nierenfunktionsstörung leiden, müssen die Krankenkassen weiterhin zahlen. In allen anderen Fällen zukünftig nicht mehr. Der Grund: Es gebe keinen ausreichenden Nachweis dafür, dass die Mittel gegenüber anderen Medikamenten einen Vorteil besäßen.

Voraussichtlich zum 1. Juli wird der Beschluss in Kraft treten. Viele der rund 80.000 Menschen in Deutschland, die Glinide einnehmen, werden nun ihre bisherige Behandlung umstellen müssen. "In der Regel auf Insulin", sagt Dr. Christoph Neumann, Diabetologe in München. Der Wechsel auf Insulin bedeutet oft eine Minderung der Lebensqualität für die Betroffenen: Sie müssen nun nicht nur Insulin spritzen, sondern auch mehrmals täglich ihren Blutzuckerspiegel messen. Doch auch bei Patienten, die auf andere Tabletten umsteigen können, muss der Stoffwechsel erst wieder eingestellt werden.


Was ist der Gemeinsame Bundesausschuss?

Der G-BA ist ein Gremium, in dem Vertreter von Krankenkassen, Ärzten, Krankenhäusern und Patienten sitzen. Er entscheidet unter anderem darüber, ob ein Medikament von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird. Dabei richtet er sich nach Gutachten, die das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.


Viele Diabetes-Ärzte halten Glinide für einen wichtigen Bestandteil in der Therapie. Bei ihnen tritt die Wirkung schneller ein und dauert kürzer als bei den häufig verschriebenen Sulfonylharnstoffen. Sie senken den Blutzuckerspiegel, indem sie die Produktion von körpereigenem Insulin in der Bauchspeicheldrüse anregen.

Lange Vorgeschichte

Vorausgegangen war dem G-BA-Entscheid ein jahrelanges Tauziehen. Nachdem das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen 2009 in einem Bericht "keinen Beleg für einen Nutzen oder Zusatznutzen" einer Behandlung mit Gliniden gefunden hatte, wollte der G-BA die Kosten nur noch in Ausnahmefällen von den Kassen bezahlen lassen. Diesen Beschluss stoppte das Bundesgesundheitsministerium vorläufig.

Danach räumte der Bundesausschuss den Herstellern der Medikamente eine Schonfrist ein, innerhalb der sie Belege für eine Zusatzwirkung nachliefern konnten. In einem weiteren Verfahren sollten zudem Fachverbände wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) beim G-BA zu Gliniden Stellung nehmen. Das entsprechende Schreiben reichte die DDG erst Anfang 2016 ein. Die Diabetesexperten sprachen sich darin dafür aus, weiter an Gliniden festzuhalten. Auch der Diabetes Ratgeber berichtet in seiner Märzausgabe über den andauernden Streit – das Aus verkündete der G-BA kurz nach Redaktionsschluss.

Studienlage unterschiedlich beurteilt

Neumann hatte sich als Vorsitzender des Berufsverbandes niedergelassener Diabetologen in Bayern (bndb) für den Verbleib der Glinide stark gemacht. Er kann die Entscheidung des G-BA nicht nachvollziehen. Neumann hat selbst an einer Studie mitgearbeitet, laut der Glinide Zuckerspitzen nach dem Essen bessern und den Blutzucker-Langzeitwert HbA1c in den Zielbereich senken können. Bei einer dänischen Studie schnitten Glinide hinsichtlich der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit besser ab als Sulfonylharnstoffe.

Der G-BA wertete diese und andere Studien als nicht aussagekräftig genug. "Bis heute liegen dem G-BA keine wissenschaftlich einwandfrei geführten klinischen Studien mit patientenrelevanten Endpunkten vor, anhand derer der therapeutische Nutzen dieser Wirkstoffgruppe hätte nachgewiesen werden können", wird der unparteiische Vorsitzende des G-BA, Professor Josef Hecken, in der Pressemeldung des Ausschusses zum Entscheid zitiert.

Preiswerte Generika

"Formal ist die Entscheidung korrekt", sagt Professor Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Einerseits hat er Verständnis dafür, dass der G-BA sich Untersuchungen mit stärkerer Aussagekraft gewünscht hat. Trotzdem kann auch er den Entschluss nicht nachvollziehen.

Nicht zuletzt, weil Glinide inzwischen als billige Generika verfügbar sind. "Zu Beginn des Verfahrens war das noch nicht der Fall", sagt Gallwitz. Damit sind Glinide preiswerter als Alternativen wie Insulin oder DPP-4-Hemmer. Auf die müssen viele Patienten nun umsteigen.



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