Die Pharmaindustrie setzt bei der Diabetestherapie auf Neuentwicklungen, aber auch Weiterentwicklungen bereits vorhandener Wirkstoffe
Die Möglichkeiten, Diabetes zu behandeln, haben sich in den letzten Jahrzehnten ständig verbessert. Wer Insulin braucht, verabreicht es sich bequem mit Pen oder Pumpe. Der Blutzuckerspiegel ist dank moderner und handlicher Messgeräte in ein paar Sekunden kontrolliert. Und wer Typ-2-Diabetes hat, profitiert von vielen neuen Wirkstoffen, die die Stoffwechseleinstellung verbessern.
Andererseits wächst die Zahl der Menschen mit Diabetes so rasch, dass die WHO bereits von einer Epidemie spricht. Das gilt vor allem für Typ-2-Diabetes, der infolge Übergewicht und Bewegungsmangel immer häufiger wird. Aber auch Typ-1-Diabetes, an dem häufig schon Kinder erkranken, nimmt immer mehr zu – ohne dass klar ist, warum.
Zucker raus – über die Nieren
Kein Wunder, dass angesichts dieser Entwicklung rund um den Globus nach neuen Behandlungsmöglichkeiten für Diabetes geforscht wird. Allein in den nächsten Jahren sollen 17 neue Wirkstoffe auf den Markt kommen, so der Verband forschender Arzneimittelhersteller.
Darunter zum Beispiel die "SGLT-2-Hemmer" Dapagliflozin und Canagliflozin: Sie hemmen einen Eiweißstoff, der in den Nieren normalerweise dafür sorgt, dass Glukose (Traubenzucker) erst dann in den Harn gerät, wenn der Blutzuckerspiegel eine bestimmte Höhe erreicht hat – etwa 180 mg/dl (10 mmol/l). Studien zeigten, dass bei Einnahme eines SGLT-2-Hemmers täglich bis zu 85 Gramm Glukose mit dem Urin ausgeschieden werden. Weil mit dem Zucker auch Kalorien ausgeschwemmt werden, helfen die neuen Wirkstoffe vermutlich auch dabei, Übergewicht abzubauen. Derzeit wird in klinischen Studien geprüft, wie verträglich und wirksam die dauerhafte Einnahme dieser Substanzen ist.
Ein weiterer Fokus der Forschung liegt auf dem Darmhormon GLP-1. Es stimuliert, abhängig von der Kohlenhydratmenge, die man gegessen hat, die Insulinfreisetzung aus der Bauchspeicheldrüse, vermindert aber auch den Appetit und verlängert das Sättigungsgefühl. Bereits seit einigen Jahren sind Substanzen auf dem Markt, die die Wirkung von GLP-1 imitieren oder verstärken und die sich in der Diabetestherapie bewährt haben. Forscher arbeiten unter anderem daran, die Verträglichkeit, aber auch die Wirkdauer dieser Substanzen weiter zu verbessern – sodass sie beispielsweise statt täglich nur noch einmal wöchentlich gespritzt werden müssen und auch von Patienten mit Nieren- oder Leberproblemen besser vertragen werden.
Lässt sich Typ-1-Diabetes "bremsen"?
Ein völlig neuer Ansatz soll Patienten mit frisch diagnostiziertem Typ-1-Diabetes helfen: Das Ziel ist, die Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen mit gentechnisch hergestellten Arzneistoffen aufzuhalten, so dass wenigstens ein Teil der Insulinproduktion erhalten bleibt. Schwere Stoffwechselentgleisungen würden damit deutlich seltener, hoffen Experten.
Weitere Neuentwicklungen sollen Folgeschäden des Diabetes mildern oder verhindern. Vor allem die diabetesbedingten Netzhautschäden, immer noch ein häufiger Grund für Erblindungen, hoffen Forscher künftig besser verhindern zu können – zum Beispiel mithilfe von Ranibizumab. Dieser Wirkstoff, ein sogenannter monoklonaler Antikörper, wird bereits zur Therapie der altersabhängigen Makuladegeneration eingesetzt. Studien zufolge kann Ranibizumab auch bei diabetesbedingten Netzhautschäden die Sehleistung bessern. Und auch die Nervenschmerzen, unter denen viele Diabetiker leiden, will man mit neuen Wirkstoffen, etwa dem Epilepsie-Medikament Lacosamid, besser behandelbar machen.
Etwas wird sich allerdings bei allem therapeutischen Fortschritt auch in Zukunft nicht ändern: Eine vernünftige Lebensweise, zu der regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung gehören, bleibt nach wie vor das wichtigste, um möglichst lange gesund zu bleiben.
Dr. Martin Allwang / Diabetes Ratgeber;
14.09.2010
Bildnachweis: PhotoDisc/ RYF
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