Diabetische Neuropathie

Nervenschäden sind häufige Folgen eines Diabetes. Diese können zum Beispiel die Schmerzempfindung stören. Die Therapie zielt darauf ab, ein Fortschreiten nach Möglichkeit zu vermeiden und die Beschwerden zu lindern

aktualisiert am 12.09.2016

Schädigungen der Nerven zählen zu den häufigsten Folgeschäden des Diabetes

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nach oben nach oben1. Was ist eine diabetische Neuropathie?

Diabetes kann auch die Nerven angreifen. Bei der diabetischen Neuropathie sind die Nerven infolge dauerhaft erhöhter Blutzuckerwerte geschädigt. Sie gehört zu den häufigsten Folgeschäden eines Diabetes – bei wohl rund jedem dritten Patient mit der Zuckerkrankheit liegt eine Neuropathie vor. Dabei können zum einen die peripheren Nerven betroffen sein, zu denen die sensiblen Empfindungs- sowie die motorischen Bewegungsnerven gehören. Häufig leidet aber auch das vegetative (auch: autonome) Nervensystem, das sich nicht bewusst beeinflussen lässt und das vielfältige Funktionen im Körper steuert, etwa die Tätigkeit innerer Organe oder die Schweißbildung.

Die Bandbreite der Beschwerden ist bei diabetischen Nervenschäden sehr groß. Eine periphere Neuropathie kann zu Störungen des Schmerz-, Berührungs- oder Temperaturempfindens führen, aber auch zu chronischen Schmerzen, Missempfindungen und Lähmungen. Eine autonome Neuropathie kann beispielsweise eine Magenlähmung oder Herzrhythmusstörungen zur Folge haben, aber auch eine Blasenschwäche oder Erektionsprobleme begünstigen.


Darüber hinaus ist die diabetische Neuropathie eine wichtige Ursache des sogenannten diabetischen Fußsyndroms: Weil das Schmerzempfinden vermindert ist, bleiben Verletzungen an den Füßen häufig lange unbemerkt. Dadurch können schlecht heilende Wunden entstehen, die sich entzünden und sich in die Tiefe des Gewebes ausbreiten – meist begünstigt durch die gleichzeitig bestehenden Durchblutungsstörungen. Das diabetische Fußsyndrom ist eine der Hauptursachen von Amputationen in Deutschland.


nach oben nach oben2. Symptome

Eine Neuropathie bei Diabetes kann sich mit verschiedenen Anzeichen bemerkbar machen. Typische Symptome von gestörten sensomotorischen Nerven sind:

  • Brennende, bohrende Schmerzen
  • Kribbeln, Ameisenlaufen, Pelzigkeitsgefühl
  • Taubheitsgefühl
  • Verringerte Empfindlichkeit für Temperaturen oder Schmerzen

Es gibt auch Verbindungen zum sogenannten Restless-Legs-Syndrom. Zu dessen Symptomen zählen unangenehmes Spannungs- oder Druckgefühl der Beine in Ruhe, häufig abends, nachts oder beim Stillsitzen, dazu Missempfindungen wie Kribbeln oder krampfartige Schmerzen. Da Bewegung die Beschwerden bessert, verspüren Betroffene in Ruhehaltungen oft einen starken Bewegungsdrang.

Bei der sensomotorische Neuropathie breiten sich die Symptome in der Regel von den Zehen, Füßen und Unterschenkeln nach oben aus. Typischerweise verschlechtern sich die Beschwerden im Bett und bessern sich beim Gehen. Sind die für die Beinmuskulatur zuständigen Nerven betroffen, kann sich das mit Gangunsicherheiten sowie erhöhter Stolperanfälligkeit bemerkbar machen.

Ist das autonome Nervensystem beeinträchtigt, hängen die Beschwerden vom betroffenen Organ ab. Nervenschäden am Herz-Kreislaufsystem äußern sich unter Umständen mit Pulsveränderungen, etwa einem erhöhten Ruhepuls, oder Störungen des Blutdrucks. Im Magen-Darm-Trakt sind Schluckstörungen, Sodbrennen, Völlegefühle oder Übelkeit mögliche Auswirkungen. Außerdem kann beispielsweise eine Blasenschwäche auftreten und das sexuelle Empfinden gestört sein.

Ein zentrales neuropathisches Problem bei Diabetes ist das Ausbleiben der Gegenregulation, wenn der Blutzucker absinkt. Betroffene nehmen deshalb Unterzuckerungen schlechter wahr.


nach oben nach oben3. Ursachen

Verschiedene Faktoren beeinflussen die Wahrscheinlichkeit, an einer Neuropathie zu erkranken. Grundsätzlich besteht beim Risiko kein wesentlicher Unterschied zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Die Mechanismen, die dazu führen, dass Diabetes die Nerven schädigt, sind bisher nicht eindeutig geklärt. Mit Sicherheit spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle, unter denen erhöhte Blutzuckerwerte einen zentralen Platz einnehmen.

Zum einem beschädigt ein hoher Zuckerspiegel die Blutgefäße, die zu den Nerven führen. Letztere erhalten dann nur unzureichend Sauerstoff. Zum anderen setzt der Blutzuckerüberschuss wohl komplizierte Stoffwechselprozesse in Gang, die die Nerven selbst beeinträchtigen.


nach oben nach oben4. Diagnose

Geschädigte Nerven äußern sich nicht immer mit wahrnehmbaren Anzeichen. Auch wenn sie keine Beschwerden haben, sollten Menschen mit Diabetes deshalb einmal jährlich bei einem Hausarzt oder Diabetologen ihre Nerven untersuchen lassen: bei Typ-1-Diabetes ab dem fünften Erkrankungsjahr, bei Typ-2-Diabetes gleich nach der Diagnose, da hier oft schon lange Zeit unbemerkt erhöhte Zuckerwerte vorliegen.

Mit einfachen Untersuchungsmethoden lässt sich testen, ob möglicherweise ein Schaden der sensomotorischen Nerven vorliegt. Der Arzt prüft unter anderem:

  • die Schmerzempfindung
  • die Berührungsempfindlichkeit
  • die Temperaturempfindung 
  • das Vibrationsempfinden 
  • Achilles- und Kniesehnenreflex
  • Druck- und Berührungsempfinden an bestimmten Stellen des Fußes

Außerdem befragt der Arzt den Patienten, wenn dieser sich erstmals vorstellt, zu seiner Krankheitsgeschichte (Anamnese) und nach bisher eingenommenen Medikamenten. Bei Kontrolluntersuchungen wird er sich auf die aktuellen Entwicklungen beim Patienten konzentrieren. Besteht der Verdacht auf eine Nervenschädigung, kann der Arzt mit verschiedenen technischen Verfahren näher untersuchen, ob tatsächlich eine diabetische Neuropathie vorliegt oder die Beschwerden auf andere Ursachen zurückzuführen sind.

Schwieriger festzustellen: Schäden der autonomen Nerven

Auch bei einer Schädigung der autonomen Nerven können die Angaben des Patienten für den Arzt aufschlussreich sein. Je nach Beschwerdebild folgen weitere Untersuchungen.

Hinweise auf ein Leiden der Nerven am Herzen liefern verschiedene kardiologische Untersuchungen. So kann ein EKG oder 24-Stunden-EKG einen in Ruhe erhöhten Pulsschlag oder eine Abnahme der natürlichen Schwankungen des Herzrhythmus aufzeigen. Eine Neigung zu Blutdruckabfällen, zum Beispiel nach dem Aufstehen aus dem Bett (Fachbegriff: neurogene orthostatische Hypotonie), lässt sich zum Beispiel durch Blutdruckmessungen im Liegen und im Stehen, einem sogenannten Schellong- oder Orthostase-Test, nachvollziehen.

Eine autonome Neuropathie der Magennerven, die die Muskeln der Magenwand steuern, lässt sich schwer feststellen. Beschwerden wie Übelkeit, Völlegefühle oder Schluckstörungen können auch auf andere Ursachen zurückzuführen sein. Einen Hinweis auf einen diabetischen Nervenschaden kann aber ein schlecht eingestellter Blutzuckerspiegel sowie nicht anders erklärbare Blutzuckerschwankungen mit Neigung zu Unterzuckerungen sowie eine Störung der Schweißbildung liefern. Letzteres kann sich mit trockenen Füßen bemerkbar machen.

Weitere Diagnosemaßnahmen wie eine Ultraschalluntersuchung, eine Magenspiegelung und die Messung der Magenentleerungsgeschwindigkeit können sinnvoll sein, zudem verschiedene Laborwerte.

Bei Beschwerden wie Blasenschwäche, Erektionsstörungen und anderen Sexualproblemen lässt sich ebenfalls mit speziellen Untersuchungsmethoden dem Verdacht auf einen diabetischen Nervenschaden nachgehen.


nach oben nach oben5. Therapie

Bei der Behandlung einer diabetesbedingten Neuropathie geht es um verschiedene Ziele. Einerseits gilt es, den Nervenschaden zu stabilisieren und eine weitere Verschlechterung zu verhindern. Eine Schmerztherapie soll außerdem die Beschwerden lindern und dem Patienten zu mehr Lebensqualität verhelfen. Die genauen Ziele und Maßnahmen im Einzelfall klären Betroffene mit dem behandelnden Arzt ab.

Weiterentwicklung der Neuropathie stoppen

Betroffene sollten mit dem Rauchen aufhören und nach Möglichkeit auf Alkohol verzichten. So lässt sich besser verhindern, dass die Nervenschädigung fortschreitet. Alkohol ist ein Nervengift und greift die Nerven direkt an. Rauchen schädigt vor allem die Blutgefäße und kann dadurch indirekt die Nervenbahnen beeinträchtigen.

Zudem ist eine gute Einstellung des Blutzuckerspiegels, aber auch der Blutfett- und Blutdruckwerte, wichtig. Übergewicht abzubauen unterstützt dies nachhaltig. Alle Maßnahmen zusammen dienen dazu, einer Verschlechterung der Neuropathie entgegenzuwirken. Manchmal kann sogar eine Besserung auftreten.

Schmerztherapie: Beschwerden lindern

Bei der Behandlung einer Neuropathie stimmen sich die zuständigen Ärzte – Neurologen, Schmerztherapeuten, Diabetologe und Hausarzt – im Allgemeinen eng miteinander ab.

Medikamente spielen eine wichtige Rolle, um die Schmerzen zu lindern, die infolge einer diabetischen Neuropathie auftreten. Patienten sollten dabei nicht selbstständig zu rezeptfreien Schmerzmitteln greifen, sondern mit ihrem Arzt abklären, welche Behandlung in ihrem Fall angeraten ist. Dabei ist die genaue Diagnose ausschlaggebend. Stellt sich zum Beispiel ein eigenständiges Restless-Legs-Syndrom (RLS) als Ursache des Beschwerdebildes heraus, wird der Arzt die Therapie entsprechend ausrichten.

Zugleich ist es auch wichtig, ein eventuell für die Beschwerden verantwortliches Medikament als solches dingfest zu machen und die Behandlung wenn möglich umzustellen. Diesen Medikamentenwechsel kann allerdings nur der Arzt vornehmen. Dies kann zum Beispiel bei einem RLS-ähnlichen Beschwerdebild relevant sein, genauso aber zum Beispiel auch bei einer Blasenstörung.

Für Patienten lohnt es sich, eine Neuropathie nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Je länger eine zielgerichtete Therapie hinausgeschoben wird, desto eher werden die Schmerzen chronisch.

Oft benötigt es Zeit, um herauszufinden, welche Medikamente im Einzelfall wirksam sind. Bei Neuropathie bewährt sind einige Arzneien, die auch gegen Depression oder Epilepsie helfen, sowie opiathaltige Schmerzmittel. Dabei richtet sich die Wahl des Medikamentes immer nach den individuellen Besonderheiten und möglichen Risikofaktoren des Patienten.

Dazu zählen Physiotherapie, Kälte-Wärme-Behandlungen oder verschiedene elektrotherapeutische Verfahren, darunter die elektrische Nervenstimulation (TENS) oder die Hochtontherapie. Bei ihnen erhält der Patient Elektroden auf die Haut geklebt. Diese geben leichte Stromimpulse mit unterschiedlichen Frequenzen ab, die die Weiterleitung der Schmerzempfindungen in den Nerven hemmen oder, wie bei der Hochtontherapie, den Zellstoffwechsel beeinflussen und dadurch schmerzlindernd sein sollen. Doch sind diese Verfahren in ihrer Wirksamkeit nicht sicher belegt.

Da auch die Psyche bei der Bewältigung von Schmerzen eine Rolle spielt, kann Betroffenen eine Psychotherapie oder ein Schmerzbewältigungstraining helfen, die Beschwerden zu lindern.


nach oben nach oben6. Was Patienten selbst tun können

Einen absoluten Schutz vor einem diabetischen Nervenschaden gibt es nicht. Dennoch können Menschen mit Diabetes selbst einiges tun, um sich zu schützen. Das konkrete Vorgehen sprechen sie dabei am besten mit dem Arzt ab.

  • Achten Sie auf gute Werte bei Blutzucker und Blutdruck. Die Therapieziele dabei sprechen Sie mit dem Arzt ab
  • Wenn Sie übergewichtig sind, nehmen Sie ab
  • Rauchen Sie nicht
  • Trinken Sie keinen oder nur sehr wenig Alkohol    
  • Gehen Sie zur Vorsorge und lassen Sie sich mindestens einmal jährlich beim Arzt auf Anzeichen eines Nervenschadens untersuchen
  • Kontrollieren Sie täglich Ihre Füße, gerade wenn bereits ein Nervenschaden vorliegt. Wie die richtige Fußpflege bei Diabetes aussieht, sehen Sie hier



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