Diabetes-Burn-out: "Kunst der richtigen Balance"

Ein Diabetes verlangt ständig nach Aufmerksamkeit – vielen Patienten wird das irgendwann zu viel. Psychologe Bernd Kulzer gibt Tipps, wie Betroffene aus der Burn-out-Falle finden

von Tina Haase, aktualisiert am 30.03.2017

Professor Bernd Kulzer ist leitender Psychologe am Diabeteszentrum Mergentheim

W&B/Angie Wolf

Herr Professor Kulzer, wie kommt es eigentlich zu einem "Diabetes-Burn-out"?

Diabetes ist ein ständiger Begleiter, den man nicht loswird. Man kann ihn niemals "in Urlaub" schicken: Der Blutzucker muss kontrolliert werden, man schluckt Tabletten, spritzt Insulin. Dazu gesellt sich oft noch die Angst vor Unterzuckerungen oder Folgekrankheiten. Das kann auf Dauer einfach zu viel werden. Zumal ja auch der ganze andere Alltagsstress da ist. Irgendwann fühlt man sich dann nur noch ausgelaugt, müde und aus­gebrannt, findet keine Erholung mehr – ein typisches "Diabetes-Burn-out".


Wie kann sich das sonst noch zeigen?

Manche Betroffene haben die Nase so voll, dass sie sich nicht mehr richtig um ihren Diabetes kümmern. Einfach weil die Motivation weg ist. Dann verschlechtern sich natürlich auch die Zuckerwerte. Andere wiederum machen das Gegenteil. Sie stecken ihre Ziele immer höher, behandeln den Dia­betes mit zu großem Aufwand. Das kostet zusätzlich Kraft und kann ebenfalls auslaugen. Daran können übrigens auch neue Technologien einen Anteil haben, die eine ständige Überwachung des Blutzuckers ermöglichen. Manche Menschen stresst und überfordert es, über jeden Ausreißer sofort Bescheid zu wissen.

Wie häufig ist so ein Diabetes-Burn-out eigentlich?

Eine weltweite Studie, die kürzlich veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass sich rund 40 Prozent aller Menschen mit Diabetes seelisch stark belastet fühlen. Sie haben vor allem Angst vor Folgekrankheiten und Unterzuckerungen. Typ-1-Dia­betiker leiden zudem meist unter dem Aufwand für die Therapie, dem häufigen Messen, Spritzen und Rechnen. Typ-2-Diabetiker wiederum sind häufig unglücklich über ihr Gewicht und ihre Diät-Vorgaben.

Kann aus einem Burn-out eine Depression werden?

Die Grenzen zu einer Depression sind häufig fließend. Auch deshalb sollten sich Betroffene unbedingt Hilfe suchen. Das ist umso wichtiger, als sich die Zuckerwerte im Rahmen eines Burn-outs oft verschlechtern, was das Risiko für Diabetes-Folgekrankheiten, zum Beispiel für Herzprobleme, erhöht.

Wo erhalte ich Hilfe?

Betroffene sollten sich an ihren Arzt bzw. an ihren Diabetologen wenden. Oft helfen schon Diabetes-Schulungen, um sich wieder besser zu mo­tivieren. Darin wird zum Beispiel auch besprochen, wie man die Krankheit geschickt in den Alltag einbettet. Also wie man Belastungen aufgrund der Therapie abbaut und den Diabetes besser in sein Leben integriert. In manchen Fällen ist auch eine Verhaltenstherapie sinnvoll. Hier lernt man das Gefühl, vom Diabetes "gesteuert" zu werden, zu überwinden. Eine große Hilfe sind natürlich auch der Partner oder Freunde, denen man einfach mal sein Herz ausschütten kann.

Welchen Tipp würden Sie sonst noch geben?

Besonders wichtig ist, dass die Belastungswaage ausgeglichen bleibt. Also die Balance zwischen Stressfaktoren wie Arbeit und Diabetes auf der einen Seite und den entlastenden, schönen Dingen auf der anderen – zum Beispiel Unternehmungen mit Freunden, Erfolgen im Job, Urlaub, Sport oder Hobbys. Die Kunst ist, das Augenmerk gezielt auf das zu richten, was das Leben schön macht.



Lesen Sie auch:

Frau

Wie Diabetes und Depression zusammenhängen »

Zucker-Hochs und Seelen-Tiefs: Menschen mit Diabetes leiden häufig unter einer Depression. Oft wird die Krankheit nicht erkannt. Dabei stehen die Behandlungschancen gut »

ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Newsletter: Grüne Taste

Newsletter

Immer gut informiert mit dem kostenlosen Newsletter des Diabetes Ratgeber »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages